Wirtschaft

Neu errichtete Photovoltaik-Anlagen und On-Shore-Windenergieanlagen an günstigen Standorten seien bereits heute günstiger als fossile Kraftwerke, so die Studie. (Foto: dpa)

29.03.2018

Fraunhofer-Studie straft Zentralisten Lügen

Windkraft an Land und Photovoltaik sind die derzeit wirtschaftlichsten regenerativen Energien

In der vierten Auflage seiner Studie „Stromgestehungskosten Erneuerbare Energien“ stellt das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE fest: „Photovoltaik und Onshore-Wind sind die günstigsten Erneuerbare-Energien-Technologien in Deutschland“. „Windstrom ist also an guten Landstandorten betriebswirtschaftlich günstiger zu produzieren als Offshore“, bestätigt Studien-Projektleiter Christoph Kost auf Nachfrage.

Und das dürfte auch so bleiben: Denn die ISE-Forscher haben nicht nur die aktuellen Kosten analysiert, sondern auch „die weitere Entwicklung auf Basis von technologiespezifischen Lernraten und Marktszenarien bis zum Jahr 2035 prognostiziert“, erklärt die Freiburger ISE-Pressestelle den Inhalt des 44-Seiten-Papiers. „Die Gestehungskosten für Strom aus erneuerbaren Energien sinken kontinuierlich und sind kein Hindernis für eine Kohlendioxid-freie Stromerzeugung mehr. Neu errichtete Photovoltaik-Anlagen und On-Shore-Windenergieanlagen an günstigen Standorten sind bereits heute günstiger als fossile Kraftwerke, und dieser Trend wird sich bis 2035 deutlich verstärken“, ist Kost sicher.

Damit positioniert sich das ISE auch deutlich gegenüber den bundespolitischen Vorgaben des Erneuerbare-Energien-Gesetzes EEG: Darin wird besonders auf Wind aus Offshore-Kraftwerken gesetzt. Diese wiederum ähneln in der Stromversorgungs-Funktion den bisher bekannten, zentralen Großkraftwerken. Natürlich bläst Offshore-Wind keine Schadstoffe in die Luft wie ein Kohle-, Öl- oder Gaskraftwerk. Aber es ist eine konzentrierte Stromerzeugung. „Dabei führt die Stromverteilung in der Fläche zu einer Verbesserung der Kosten“, sagt Christoph Kost, Teamleiter „Energy Systems and Markets“ beim ISE.

Ausbau des hiesigen Übertragungs-Stromnetzes in Frage gestellt

Mit seiner Bemerkung, „wir sollten die Anlagen nicht zu stark konzentrieren, sondern mit einer breit aufgestellten Installation von Anlagen an vielen Orten einspeisen“, stellt er auch den vom Bund gesetzlich festgelegten, massiven Ausbau des hiesigen Übertragungs-Stromnetzes in Frage. Und Kost fordert von der Bundesregierung schlicht eine Politikwende: „Die Begrenzung des Ausbaus von erneuerbaren Energien muss grundsätzlich überdacht werden.“

Bekanntlich stellen Deckel für einzelne Erzeugungsarten im EEG unüberwindliche Hürden dar. „Dabei liegen die Preise bei beiden Technologien schon heute bei vier Cent pro Kilowattstunde“, plädiert Kost für Onshore-Wind und Photovoltaik. Denn mit diesem Preis könnten selbst neue konventionelle Kraftwerke nicht mehr konkurrieren – aber nur, wenn sie entsprechend mit einem ernsthaften Kohlendioxid-Aufschlag belegt werden würden.

Und was ist für ihn die zentrale Aussage der Studie? „Wie günstig erneuerbare Energien heute schon sind“, antwortet Kost kurz und knapp. Ob das die Bundesregierung zur Kenntnis nehmen wird, scheint fraglich. Auf unsere Anfrage schreibt das zuständige Bundeswirtschaftsministerium lapidar: Es gebe „eine Vielzahl von Untersuchungen in der Wissenschaft gerade im Bereich der Energiepolitik“. Man habe „die Studie zur Kenntnis genommen“. Aber sie zu bewerten sei „schon deshalb nicht sinnvoll, da jede Studie eine eigene Berechnung und Methodik nutzt“. Das Bundesministerium mache sich aber „die unterschiedlichen Studien nicht zu eigen“.

Zustimmung vom bayerischen Wirtschaftsministerium

Anders das bayerische Wirtschaftsministerium: Ausgerechnet in dem Bundesland, dessen 10-H-Abstandsregel den Windkraft-Ausbau praktisch zum Erliegen gebracht hat, gibt ein Ministeriumssprecher zu: „Insgesamt erscheint die Studie des Fraunhofer ISE plausibel.“ Man verspricht: „Die Erkenntnisse aus der Ausarbeitung des Fraunhofer ISE werden in die Fortentwicklung der bayerischen Energiepolitik miteinfließen.“ Und der Sprecher antwortet auf unsere Frage nach dem volkswirtschaftlichen Nutzen von Onshore-Windkraft: Das Ministerium bewerte „die Windenergie an Land nach wie vor positiv. Bereits jetzt stellt sie mitunter die kostengünstigste Erzeugungsform der erneuerbaren Energien dar.“

Und weiter: „Wir erachten auch den Windenergieausbau in Süddeutschland als unverzichtbaren Baustein für ein Gelingen der Energiewende. Windstrom in Süddeutschland erzielt höhere Börsenstrompreise, sorgt für eine flächendeckende Stromerzeugung und erzeugt regionale Wertschöpfung.“

Doch trotz all der positiven Bewertung bleibt der Sprecher des bayerischen Wirtschaftsministeriums dabei: „Konkrete Auswirkungen der neuen Studie auf das Netzausbaubeschleunigungsgesetz oder das Bundesbedarfsplangesetz sind nicht zu erwarten.“  Sprich: Den geplanten immensen Übertragungsnetzausbau können auch noch so nachvollziehbare Wissenschaftsergebnisse nicht stoppen. (Heinz Wraneschitz)

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Kommentare (2)

  1. Kritikator am 29.03.2018
    Man wird wohl einem renommierten und auch international anerkannten wie dem Fraunhofer-Institut kaum vorwerfen können, dass es seine Studienergebnisse aus der hohlen Hand heraus publiziert oder dass diese schlecht oder sogar unseriös recherchiert sein könnten. Auch andere Untersuchungen legten zumindest den Verdacht nahe, dass nicht nur gesamtwirtschaftlich betrachtet, eine kleinteilige, dezentrale Energieversorgung im Sinne einer echten Energiewende mehr Sinn macht als die von den Strommonopolisten protegierten Großanlagen und die dafür notwendigen und überteuren Übertragungsnetze. Dass es bei vielen dezentralen Lösungen natürlich eine größere Anzahl von kleinen "Profiteuren" gibt, scheint das eigentliche Problem zu sein, denn deren politischer Einfluss reicht natürlich nicht so weit, das wie - bei den großen Energiemonopolisten üblich - deren energiepolitische Vorstellungen sich 1:1 in den Gesetzen der Bundesregierung wiederfinden. Wohin das führt, kann man an der derzeitigen Praxis der "Energiewende" beobachten: Die Co²-Emissionen steigen, am Braunkohlestrom wird kräftig verdient, der Ausbau erneuerbarer Energien onshore wird blockiert, bzw. rechnet sich nicht mehr, Windkrafträder werden abgeschaltet, weil zu gewissen Zeiten zuviel Strom im Netz ist, der Bürger spart Strom und bezahlt dennoch immer mehr, die stromintensive Industrie erhält Vergünstigungen. Wer ernsthaft glaubt, dass unter Merkel noch irgendetwas in die richtige Richtung geht, der kann auch daran glauben, dass der Osterhase die Eier unter die Büsche legt.
  2. Kritikator am 29.03.2018
    Man wird wohl einem renommierten und auch international anerkannten wie dem Fraunhofer-Institut kaum vorwerfen können, dass es seine Studienergebnisse aus der hohlen Hand heraus publiziert oder dass diese schlecht oder sogar unseriös recherchiert sein könnten. Auch andere Untersuchungen legten zumindest den Verdacht nahe, dass nicht nur gesamtwirtschaftlich betrachtet, eine kleinteilige, dezentrale Energieversorgung im Sinne einer echten Energiewende mehr Sinn macht als die von den Strommonopolisten protegierten Großanlagen und die dafür notwendigen und überteuren Übertragungsnetze. Dass es bei vielen dezentralen Lösungen natürlich eine größere Anzahl von kleinen "Profiteuren" gibt, scheint das eigentliche Problem zu sein, denn deren politischer Einfluss reicht natürlich nicht so weit, das wie - bei den großen Energiemonopolisten üblich - deren energiepolitische Vorstellungen sich 1:1 in den Gesetzen der Bundesregierung wiederfinden. Wohin das führt, kann man an der derzeitigen Praxis der "Energiewende" beobachten: Die Co²-Emissionen steigen, am Braunkohlestrom wird kräftig verdient, der Ausbau erneuerbarer Energien onshore wird blockiert, bzw. rechnet sich nicht mehr, Windkrafträder werden abgeschaltet, weil zu gewissen Zeiten zuviel Strom im Netz ist, der Bürger spart Strom und bezahlt dennoch immer mehr, die stromintensive Industrie erhält Vergünstigungen. Wer ernsthaft glaubt, dass unter Merkel noch irgendetwas in die richtige Richtung geht, der kann auch daran glauben, dass der Osterhase die Eier unter die Büsche legt.

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