Wirtschaft

Die Geothermieanlage im Heizkraftwerk Süd der Stadtwerke München liefert Wärme für mehr als 80.000 Menschen. (Foto: dpa/Sven Hoppe)

03.06.2022

Geothermie für alle

Energieverbände fordern mehr Engagement

Geothermie: Erdwärme hat das Potenzial, um ein Viertel des Raumwärmebedarfs hierzulande zu decken. Warum das theoretisch frühestens 2040 so weit sein könnte, darüber informierten vier Energieverbände in einer Pressekonferenz am Mittwoch. Vor allem bürokratische Hürden wurden als Gründe genannt. Ihre gemeinsamen Forderungen an die Politik haben sie in einem Acht-Punkte-Papier zusammengetragen.

„Es dauert im Moment viel zu lange, acht Jahre von der Erkundungsbohrung bis zur Inbetriebnahme.“ Die von Bundesverband Geothermie (BGT)-Präsident Helge-Uve Braun vorgetragene Kritik an der heutigen Genehmigungspraxis für große Geothermieanlagen ist nur ein Aspekt, warum die Erdwärme bis heute nicht wirklich in der Fläche vorankommt.

Braun ist hauptberuflich Geschäftsführer der Stadtwerke München (SWM). Und in Bayerns Metropole soll beim Heizkraftwerk Süd „die größte innerstädtische Geothermieanlage Europas stehen“, so SWM. Per Fernwärme aus der Tiefe sollen rund 80 000 Münchnerinnen und Münchner versorgt werden. Und zwar über die Wärmenetze der Innenstadt, in Sendling und in Perlach. Nur wann genau, das ist immer noch offen. Dabei starteten die ersten vorbereitenden Arbeiten bereits im Sommer 2016.

Traum von der Verkürzung der Planungs- und Bauzeit

Derzeit träumt der BGT-Präsident von einer Verkürzung der Planungs- und Bauzeit auf drei bis fünf Jahre für eine größere Geothermieanlage. Doch dafür müssten vor allem die zig Behördengänge zu Baurecht, Umweltrecht, Bergrecht und mehr reduziert werden. Zumal offenbar von Bundesland zu Bundesland, von Behörde zu Behörde unterschiedliche Verfahren greifen.

Nils Weil, im den SWM nahen Verband Kommunaler Unternehmen (VKU) für den Wärmemarkt zuständig, sieht die Städte und Gemeinden in der Pflicht: Die müssten endlich kommunale Wärmeplanungen realisieren. „Dieses Planungsinstrument ist geeignet, um Wärmenetze voranzubringen.“

Netze wiederum sind Voraussetzung, um Erdwärme an Wohn- wie Gewerbegebäude zu bringen. Auch wenn gerade große Städte wie München oder Hamburg hier vorangingen: „Kommunale Wärmeplanung sollte auf Bundesebene verankert werden. Eine Verpflichtende Einführung würde alles beschleunigen“, also neben Netzen auch Geothermie, da ist sich VKU-Mann Nils Weil ganz sicher.

Christian Heine, Vorstandsmitglied des Energieeffizienzverbands AGFW und Geschäftsführer der städtischen Wärme Hamburg GmbH, bedauert: „Geothermie, obwohl ganzjährig verfügbar, fristet im Norden immer noch ein Schattendasein. Dabei bietet das norddeutsche Becken ein großes Potenzial.“ Doch für die Investitionssicherheit brauche es noch weitere Bohrungen, um mehr Daten zu gewinnen.

Reallabor Wilhelmsburg

In Hamburg selber gebe es die inzwischen, ausgelöst durch das vom Bund geförderte Reallabor IW³ Wilhelmsburg. „Und wir sind fündig geworden“, so Heine. Dass Geothermie künftig bei der Fernwärme eine wichtige Rolle spielen müsse, ja werde, das steht für den Hamburger fest. Und, dass durch die Sektorenkopplung von Industrieabwärme, Abwasserwärme, Geothermie mit Großwärmepumpen jede Kilowattstunde mehrfach genutzt werden muss ebenfalls.
 Denn: „Die Dekarbonisierung im Wärmesektor steht ganz oben auf der Agenda. Hier liegt ein schlafender Riese noch darnieder“, formuliert es sehr blumig Simone Peter, die Präsidentin des Bundesverbands Erneuerbare Energien BEE. Obwohl Wärme insgesamt 52 Prozent am Endenergieverbrauch ausmache, stehe sie erst seit der Ampel-Koalition im Blick.

„In sieben Jahren wollen wir den Erneuerbaren Anteil an der Wärme auf 50 Prozent steigern. Da müssen viele Prozente Geothermie dabei sein“, fordert Peter, „ambitionierte Maßnahmenpakete für die Wärmewende. Geothermie fehlt bisher“, nennt sie als Ergänzungswunsch für das anstehende Energie-Sommerpaket der Bundesregierung.

Außerdem sei der Ausbau der Wärmenetze ganz zentral. Der wird den Anforderungen nicht gerecht, wiederholt Peter eine Hauptforderung ihrer männlichen Vorredner.

Und dann spricht sie noch zwei Punkte an: „Der Fachkräftemangel ist auch in der Geothermie ein Thema, gerade in den Behörden. Dort ist der Flaschenhals. Und um die Akzeptanz zu stärken, müssen die Bürger*innen früh beteiligt werden“, sobald Geothermieprojekte angedacht werden.
Potenzialstudien gebe es genug, ergänzt die BEE-Präsidentin und nennt viele Möglichkeiten, von Grubenwässern in Nordrhein-Westfalen und im Saarland bis zu Abwässern.

Dass es nicht immer Tiefengeothermie-Lagerstätten in mehreren Tausend Metern Tiefe mit Temperaturen von über 100 Grad Celsius sein müssen, bestätigt auch Helge-Uve Braun: „Es gibt unterschiedliche Technologien, bis 400 Meter Tiefe geht überall, auch mitteltiefe und oberflächennahe Geothermie muss genutzt werden. 187 Terawattstunden jährliches Potenzial bis 2040“ sieht er insgesamt, etwa ein Viertel des Raumwärmebedarfs in der BRD. Derzeit ausgeschöpft seien bislang gerade mal 1,4 Terawattstunden.

Seit 20 Jahren gab es kein Erdbeben unter München

Doch stünden immer wieder falsche Behauptungen im Raum wie die von seismischen Ereignissen durch Geothermie. „Wir erkunden den Untergrund in München seit 20 Jahren: Es gab kein einziges solches Beben“, versucht der BGT-Präsident Ängste zu nehmen.

Vielleicht hätten die Menschen aber auch wegen der Seismik-Laster Angst bekommen, die vielerorts mittels Schallwellen den Boden auf Potenziale erkunden, schiebt er nach. So wie beispielsweise 2018, als das GeoZentrum Nordbayern der Uni Erlangen den Untergrund von Franken beschallen ließ.

Offenbar mit Erfolg. Auf Nachfrage der Staatszeitung spricht Projektleiter Wolfgang Bauer jedenfalls von „wichtigen Erkenntnissen. Wir konzentrieren uns jetzt auf mögliche Tiefengeothermie in den Haßbergen, Raum Haßfurt und Ebern.“ Geothermie also auch am Land, wirklich für alle?
(Heinz Wraneschitz)

 

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