Wirtschaft

Manche setzen auf ein Bierbad. (Foto: dpa, Patrick Pleul)

31.07.2026

Ist Bier im Bad besser als im Glas?

Mit teils kuriosen Innovationen wollen sich Bayerns Brauereien durch schwierige Zeiten retten

Die Wirtschaft wird ständig vor ungeahnte Herausforderungen gestellt. Die Bierbranche beutelt es ganz besonders. Sie hat nicht nur mit aktuellen Unwägbarkeiten zu kämpfen. Ein seit Jahren sinkender Bierkonsum belastet sie ebenfalls. Die Mixtur an Problemen führt dazu, dass immer mehr Brauereien dicht machen müssen.

Dass der Bundesbürger im Schnitt heute viel weniger Bier trinkt als noch vor 30 Jahren, weiß Natalie Bajon, Pressesprecherin der schwäbischen Oettinger-Brauerei. „Der Pro-Kopf-Verbrauch in Deutschland lag 2024 bei 88 Litern, in den 1990er-Jahren waren es noch über 130“, sagt sie. Aus einer Statistik des Bayerischen Brauerbunds geht hervor, dass 1996 insgesamt mehr als 11 Milliarden Liter Bier konsumiert wurden. 2025 waren es nicht einmal mehr 8 Milliarden. Laut Statistischem Bundesamt sank der Bierabsatz der deutschen Brauereien und Bierlager 2025 gegenüber dem Vorjahr um 6 Prozent. So steil ging er seit Beginn der Zeitreihe 1993 noch nie zurück.

Viele Gründe mögen dahinterstecken. Vermutet wird, dass immer mehr Menschen auf ihre Gesundheit achten. Auch der demografische Wandel spielt mit hinein: Senioren trinken nicht so viel Alkohol wie Menschen mittleren Alters. „Dass die Nachfrage nach unserem Hauptprodukt ‚Bier‘ immer weiter zurückgeht, ist unser Kernthema, das hat die Branche zu lange ignoriert“, sagt Bajon.

Alkoholfreies Proteinbier

Die Oettinger-Brauerei versucht, durch innovative Produkte die Aufmerksamkeit der Konsumenten auf sich zu ziehen. „Ganz frisch auf dem Markt sind unsere Ballaststofflimo ‚OeLemonade‘ und unser alkoholfreies ‚Null Komma Null‘, das wir bewusst nicht klassisch, sondern in einem Spezialverfahren brauen“, berichtet Bajon. Innovativ ist auch das alkoholfreie Proteinbier ‚JoyBräu‘. Entwickelt wurde es von einem 2016 gegründeten Hamburger Start-up, das 2023 Insolvenz anmelden musste. Oettinger übernahm die Firma. ‚JoyBräu‘ stößt laut Bajon vor allem im Ausland auf Interesse.

Bei Oettinger wird viel getan, um zu beweisen, dass Bier nicht altmodisch ist. „Allerdings ist es extrem schwer, sich mittels Innovationen zu behaupten“, gibt Bajon zu. Dafür brauche es nicht nur Unternehmergeist und eine Vision: „Es bedarf eines sehr langen Atems und vor allem des Bewusstseins, dass es in der Natur von Innovationen liegt, dass neun von zehn am Markt scheitern.“ 

Wer etwas Neues auf den Markt bringen will, wird außerdem mit all dem konfrontiert, was Bürokraten einem heutzutage zumuten. Zahlreiche Klippen müssen umschifft, zahlreiche Hürden genommen werden, bestätigt Bajon. Am Ende braucht es dann noch faire Deals mit dem Handel.

Komplexe Situation

Nach Angaben der Unternehmenssprecherin befinden sich Brauereien aktuell in einer komplexen Situation. Das A und O sei eine gute wirtschaftliche Basis: „Ist die nicht mehr im Lot, reicht ein kleiner zusätzlicher Tropfen, um das Fass zum Überlaufen zu bringen.“ Bei so einem Tropfen könne es sich um gestiegene Energiepreise handeln, um veränderte Einkaufsbedingungen des Handels, um veraltete Anlagen, die Auswirkungen der Corona-Krise oder um steigende Lohnkosten. Angesichts dieser Situation dürfe der Blick nicht starr ausschließlich auf den Verkauf von klassischen Bieren gerichtet werden. Es brauche unbedingt weitere Einnahmequellen.

Dass im Nahen Osten gerade Angriff auf Angriff folgt, beobachtet man bei der Paulaner Brauerei in München mit großer Sorge. Der Betrieb kämpft, wie alle anderen, mit gestiegenen Produktionskosten durch hohe Energie-, Rohstoff- und Materialpreise. „Natürlich wird der Iran-Krieg einen Anteil daran haben, dass diese Preise auf einem hohen Niveau bleiben oder steigen werden“, heißt es auf Anfrage der Bayerischen Staatszeitung. Diese Kosten könne und wolle man nicht eins zu eins an den Kunden weitergeben.

Auch wenn die Zeiten, als man bestens ausgelastet war, vorbei sind, ist die Paulaner Brauerei Gruppe nicht pessimistisch. „Veränderung war schon immer die Antriebskraft der Branche“, lässt die Pressestelle ausrichten. Die große Vielfalt an Bieren in Deutschland zeige, wie innovativ die Branche ist: „Selbst unter den strengen Vorgaben des Reinheitsgebots.“ Auch dieses Mal werde es sicher gelingen, sich neu zu erfinden. Wobei mit einer Konsolidierung gerechnet werden müsse.

Sich gegen das Schicksal zu bäumen, bringt in aller Regel nicht viel. Unternehmen müssen sich anpassen, um in schwierigen Zeiten zu überleben. Bei Paulaner denkt man zum Beispiel darüber nach, wie man die hohen Energiekosten in den Griff bekommen kann. Seit Jahren wird der Anteil an erneuerbaren Energien erhöht. Inzwischen betreibt die Brauerei vier eigene Photovoltaikanlagen. Wie aus dem Nachhaltigkeitsbericht von 2024 hervorgeht, decken diese inzwischen 2,5 Prozent des Strombedarfs an den verschiedenen Produktionsstandorten. Die Standorte München-Langwied, Rosenheim und Donaueschingen verfügen außerdem über Blockheizkraftwerke.

Auch wenn insgesamt weniger Bier getrunken wird, darf der Gerstensaft bei der Beköstigung in Bierzelten nicht fehlen, ebenso wenig wie der traditionelle Bieranstich bei Volks- oder Stadtfesten. In Bayern gibt es außerdem nach wie vor zahlreiche klassische Bierfeste. So fand im März das 43. Raublinger Starkbierfest statt. Nahezu zeitgleich wurde das Starkbierfest am Nockherberg organisiert. Einen vollen Monat lang dauerte, bis zum 28. März, das zwischen riesigen Eichenholzfässern ausgerichtete Starkbierfest im Münchner Augustinerkeller. Auch in Landshut gehört das Starkbierfest im März zur unverzichtbaren Tradition.

Ein solches Fest, bei dem reichlich Bier fließt, stellt allerdings nicht viel mehr als eine feuchtfröhliche Insel inmitten einer immer biertrockeneren Gesellschaft dar. Weshalb sich damit alleine nichts reißen lässt. Wie auf innovative Weise mit dem wachsenden Akzeptanzproblem gegenüber Bier umgegangen werden kann, zeigt die Initiative „Hopfenwellness“ aus der Hallertau. Hier wurde eine breite Palette an Hopfenprodukten entwickelt. So stellt die Likör- und Schokoladenmanufaktur von Hans Peter Lutzenburger aus Mainburg im niederbayerischen Landkreis Kelheim Hopfen-Kräuter-Liköre, Hopfen- und Bierschokoladen sowie Hopfen- und Bierpralinen her.

Das Glas Bier zur Brotschnitte mit Butter als Vesper oder zum Nachtmahl mag ausgedient haben. Doch Hopfen kann viel mehr als Bier, betont man bei Hopfenwellness. Hopfen sei gut für Haut und Haare, es beruhige den Körper und entspanne den Geist. Bei Wellnessbehandlungen könne Hopfen als Badezusatz, Badeöl oder Aroma zum Einsatz kommen. Und warum nicht gleich ganz in Bier baden? Dadurch, liest der Interessierte auf der Homepage von Hopfenland Hallertau, kann man sich über die Haut mit den im Bier enthaltenen Vitaminen, Mineralien und Spurenelementen versorgen.

Innovative Produkte

Manchmal jedoch nützen weder innovative Produkte noch persönliches Charisma. Die Umstände sind so schwierig, dass an einer Aufgabe kein Weg vorbeiführt. Zu den jüngsten Opfern des bayerischen Brauereisterbens zählt die Privatbrauerei Josef Lang in Jandelsbrunn im niederbayerischen Landkreis Freyung-Grafenau. Am 31. März wurde der Betrieb nach mehr als 300 Jahren eingestellt. Grund war in diesem Fall eine gescheiterte Nachfolgesuche. Bereits letztes Jahr Ende Mai schloss die Lang-Bräu aus Schönbrunn im Fichtelgebirge. Die schwache Ertragslage habe zu einem Investitionsstau in Technik und Gebäuden geführt, wurde den Kunden auf der Homepage mitgeteilt.

Noch gibt es ihn, den bierfreudigen Stammtisch, der sich wöchentlich am Freitag- oder Dienstagabend in der Dorfgaststätte trifft, um zu parlieren. Doch es gibt ihn immer seltener, weil parallel zum Brauereiensterben die Gastroszene ausgedünnt wird. Wie die Abendzeitung berichtete, gab es in Bayerns Gastrobranche zwischen 2020 und 2025 mehr als 11.000 Insolvenzen. 

Gibt es in einem Dorf keinerlei Bewirtung mehr, sinkt natürlich auch dadurch der Bierkonsum. Was Bayerns Brauereien noch stärker gefährdet. 50 machten zwischen 2019 und 2025 dicht, berichtet inFranken.de. Die Anzahl der Brauereien in Bayern sank bereits 2024 erstmals unter die Grenze von 600.
(Pat Christ)
 

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