Wirtschaft

Blockheizkraftwerksanbieter wünschen sich gute Geschäfte im neuen Jahr. (Foto: Wraneschitz)

22.12.2017

Ist radikal neues Denken gefragt?

Biogas-Convention 2017 in Nürnberg

Mit der Tagung und der „ansehnlichen Ausstellung“ war Horst Seide zufrieden. „Doch so gut wie hier sieht es in der Branche nicht aus.“ Ziemlich zwiegespalten gab sich Seide, frisch wiedergewählter Präsident des Fachverbands Biogas (FVB) bei der Biogas Convention 2017 (BGC) in Nürnberg. Während der Veranstaltung gratulierte sich der Verband gleichzeitig selbst zum 25. Geburtstag.

Es fehlen politische Entscheidungen hierzulande: Das war an allen Ecken und Enden der BGC spürbar. 5500 Quadratmeter vermietete Hallenflächen – klingt gut, „es waren aber schon mal mehr“, nämlich etwa 50 Prozent. Kein Wunder, werden doch seit 2014 jährlich nur noch weniger als 200 neue Biogasanlagen gebaut. Und davon sind die meisten auch noch Kleinanlagen unter 75 Kilowatt elektrischer Leistung, die Gülle als Futter für die Bakterien verwenden. Zwischen 2009 und 2011 lagen die Zubauzahlen weit über 1000 pro Jahr, und die durchschnittliche Leistung betrug jeweils über 300 Kilowatt. Ein Firmensterben und massiver Personalabbau waren zuletzt deutschlandweit die Folge.

Ausschreibungspraxis setzt der Branche zu


Zurzeit macht der Branche besonders die gesetzlich verpflichtende Ausschreibungspraxis für größere, flexible Biogasanlagen zu schaffen, sagt Seide: Die veränderliche Betriebsweise generiert gerade mal Mehrerlöse von 0,7 Cent pro Kilowattstunde. Dafür könnten keine notwendigen größeren Speicher und zusätzliche Blockheizkraftwerke angeschafft werden.

Doch der FVB ist auch selbstkritisch. Er macht nicht nur andere Akteure – ob Stromnetzbetreiber oder die Politik in Land und Bund – für die schlechte Lage der Biogasbranche verantwortlich: „In der Vergangenheit haben wir eigene Fehler produziert, gerade durch den immensen Maisanbau.
Aber jetzt geht es mehr in Richtung alternativer Pflanzen, von Zuckerrüben bis Sylphie“, erklärte FVB-Vizepräsident Hendrik Becker. Damit will er die Lernfähigkeit der Anlagenbetreiber ausdrücken.
Derweil haben sich viele Hersteller umgestellt und produzieren fürs Ausland. Das Problem dabei: Neue Techniken können sie nicht mehr vor der eigenen Haustür testen. Deshalb wünscht sich Hendrik Becker „wieder Absatzmärkte hier in Deutschland. Biomethan; Biogas als Sektorkopplung, also als Lückenfüller für Sonne und Wind; Antriebsstoff für Mobilität. Bedingung dafür ist: Wir müssen eine echte Vergütung erfahren für das eingesparte CO2.“ Gerade von EU-Seite höre er positive Signale für Bio-Mobilität, ergänzt Präsident Seide, aber: „Es gibt schon wieder Gegner“, speziell hierzulande aus der Autobranche. Dabei denkt der FVB weniger an Pkw, die mit Biogas aus Gülle fahren, sondern vor allem an den Schwerlastverkehr: „Die Deutsche Gülle reicht für 3,5 Prozent der Mobilität“, rechnet Seide vor. Für Fernlaster also.

Wünsche und Hoffnungen


Wünsche und Hoffnungen hat aber nicht nur die FVB-Verbandsspitze, sondern beispielsweise auch die Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft LfL. „Es ist zwar noch utopisch. Aber vielleicht schafft man mit CO2-Zertifikaten Zukunftsperspektiven für Landwirte.“ Post-EEG, also schon auf die Zeit nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz, hat LfL-Mann Simon Juan Tappen seinen Blick gerichtet.

Knapp vor Weihnachten trug Tappen seinen Wunsch nach ehrlicher CO2-Bepreisung auf der Biogas-Convention vor. Sogar im Titel seines Vortrags stand der Ausdruck „Post-EEG“. Die Betreiber von Kraft-Wärme-Kopplung, natürlich speziell die Bauern mit Biogas-KWK sollten „ganz anders nachdenken“, nämlich über „Dezentrale Versorgung. Und nicht den Kopf in den Sand stecken.“

In der Fachausstellung der Biogas-Tagung hat die Staatszeitung Wunschgedanken gesammelt. Die immergleiche Frage an den Ständen einiger Blockheizkraftwerks- und Motoren-Anbieter: „Was wünscht sich Ihre Firma für´s neue Jahr?“ Die Antworten – möglichst nur einen Satz – stammen von 2G Kraft-Wärme-Kopplung, Agrikomp, AVS BHKW, Bayern BHKW, Bioenergie Geisenberger, Caterpillar MWM, Elektro Hagl, Enertec Kraftwerke, GE Jenbacher, MAN Gasmotoren, Schnell-Motoren, Wolf Power Systems. Von sehr klein bis ganz groß war also etwas dabei. Doch damit sich vom befragten Standpersonal niemand bloßgestellt fühlt, ist die Reihenfolge der Antworten nicht von A bis Z aufgeschrieben, sondern bunt gemischt.

Hoffnungen in Richtung Politik


Grundsätzlich hatten die Firmen zwei absolut unterschiedliche Wunscharten parat. Die einen wandten sich mit ihren Hoffnungen in Richtung Politik. Und die anderen trieb vor allem die Sorge um ihre Kundschaft und die eigenen Geschäfte um. Hier nun die konkreten Wünsche der Maschinen-Anbieter fürs Neue Jahr: „Gute Geschäfte mit unseren BHKW.“ – „Genügend qualifizierte Mitarbeiter, die unsere Aufträge gut umsetzen können.“ – „Viele zufriedene Kunden: Die machen uns erfolgreich.“ Dieser Wunsch war an mehreren Ständen fast wortgleich zu hören. „Dass unser neues Produkt angenommen wird, denn dann haben sich zwei Jahre Arbeit gelohnt.“ – „Wir wünschen uns Kundenzufriedenheit und gutes Einkommen für beide Seiten.“ – „Noch mehr Absatz.“ – „Dass es so gut weiterläuft wie momentan.“ Und an einem Stand bekamen wir auf die Wunschfrage nur ein einziges Wort als Antwort: „Aufträge!“

Mit den Wünschen an die Politik hatte schon Vizepräsident Hendrik Becker vom Veranstalter Fachverband BIOGAS bei der Pressekonferenz angefangen: „Wünschenswert sind mehrere Ausschreibungen pro Jahr. Und die Lücke zwischen 75 und 150 Kilowatt müsste gefüllt werden.“ Zurzeit werden im EEG nur noch kleine Gülle-Biogasanlagen bis 75 Kilowatt elektrischer Leistung gefördert. Andererseits dürfen an den Ausschreibungen der Bundesnetzagentur nur Biomasse-BHKW teilnehmen, die mindestens 150 Kilowatt elektrischen Stromes produzieren können.

Politik soll Biogas-Branche weiter unterstützen


Weniger ins Detail gingen die politischen Wunsch-Antworten auf den Messeständen: „Klare gesetzliche Regelungen für Deutschland.“ – „Rechtssicherheit bei der Flexibilisierung.“ Bei einer Firma war der Wunsch: „A gscheide Regierung. Wir sind am Schwimmen ohne Ende.“ Doch fast direkt daneben war das Gegenteil zu hören: „Wir wünschen uns weiterhin die Unterstützung durch die Politik. Wenn‘s nicht weniger wird, ist die Welt in Ordnung.“

Gar voll zufrieden mit der Politik, aber weniger mit der eigenen Kundschaft scheint man bei dieser Firma zu sein: „Wir haben eigentlich keinen besonderen Wunsch. Außer: Mehr Mut bei den Landwirten.“ Auch dafür hatte Verbands-Vize Becker zuvor eine etwas ausführlichere Erklärung geliefert: „Wer heute die Zuversicht hat, die Kohle kommt weg, investiert schon jetzt in Flexibilität.“ Doch leider werde bislang „unsere Stärke, die Flexibilität in der Stromversorgung, durch Kohledreckschleudern gemacht“, wie Biogas-Präsident Horst Seide drastisch ergänzte. Dieser Wunsch aber, weg von der Kohle, eint ohnehin die gesamte Regenerativ-Szene, von Wind- über Sonnen-, Wasser- bis zu Bio-Kraft.
(Heinz Wraneschitz)

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