Wirtschaft

Franz Xaver Peteranderl, Präsident des Bayerischen Handwerkstags. (Foto: BHT)

08.08.2019

KMUs gezielt fördern

Das bayerische Handwerk fordert Entlastung bei Bürokratie und Steuern

„Während die Gesamtwirtschaft schwächelt, sichert der Aufschwung im Handwerk Arbeits- und Ausbildungsplätze ab. Es wäre daher dringend an der Zeit, dass die Politik einmal Danke sagt und das Handwerk von Bürokratie entlastet, die berufliche Bildung konsequent fördert und Steuern und Abgaben senkt. Trotz rückläufiger Steuereinnahmen gilt es, antizyklisch zu handeln und den Anreiz für Investitionen zu erhöhen“, betonte Franz Xaver Peteranderl, Präsident des Bayerischen Handwerkstags (BHT), bei der Vorstellung der neuesten Konjunkturzahlen.

Ende Juni beurteilten 94 Prozent der befragten Betriebe in Bayern ihre Lage als gut oder befriedigend. Damit bewegte sich laut Peteranderl der zentrale Indikator zur Einschätzung der wirtschaftlichen Entwicklung auf dem Niveau des Vorjahrs und seines Allzeithochs. Nur sechs Prozent der Unternehmen sind nach eigener Einschätzung in einer schlechten Verfassung, erklärte der BHT-Präsident. Die durchschnittliche Kapazitätsauslastung stellte im 2. Quartal mit 84 Prozent ihr Rekordergebnis ein. Weil so viel zu tun und die Nachfrage unverändert kräftig ist, müssen Kunden – außer im Notfall – durchschnittlich 10,4 Wochen auf die Auftragserfüllung warten, so Peteranderl. Im Vorjahresvergleich stieg der Auftragsbestand noch einmal um 0,2 Wochen. „Noch nie wurde im Frühling ein derart hoher Wert vermeldet.“

Für den Zeitraum von April bis Juni rechnet das bayerische Handwerk mit einem Umsatzvolumen von etwa 32 Milliarden Euro. Gegenüber dem Vorjahresquartal wäre das nach den Worten des BHT-Präsidenten ein Anstieg um nominal 5,7 Prozent. Ziehe man die Preissteigerung ab, verbleibe ein reales Plus von 2,5 Prozent. Im Vergleich zum Vorjahr sei die Beschäftigung im bayerischen Handwerk im 2. Quartal positiv verlaufen: Ende Juni waren etwa 949 600 Personen im Handwerk tätig, 1,1 Prozent mehr als vor Jahresfrist. Die Zahl der Mitgliedsbetriebe stieg laut Peteranderl gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 0,3 Prozent auf 202 800.

Investitionen und Zahl der Beschäftigten wachsen

Auch die Investitionstätigkeit habe im 2. Quartal erneut kräftig angezogen: Die Quote investierender Handwerksbetriebe im Freistaat kletterte binnen Jahresfrist um sechs Punkte auf 39 Prozent. 1992 sei letztmals ein derart hoher Anteil registriert worden. Gleichzeitig hätten die Betriebe auch das Investitionsvolumen ausgeweitet: Von April bis Juni flossen geschätzt etwa 975 Millionen Euro in neue Maschinen, Fahrzeuge, IT und andere Anlagegüter, so der BHT-Präsident. Das entspreche einer Zunahme von mehr als acht Prozent gegenüber 2018.

83 Prozent der bayerischen Handwerksbetriebe erwarten laut Peteranderl in den kommenden Monaten gleichbleibende Geschäfte, elf Prozent rechnen mit einer Verbesserung. Für das Gesamtjahr erwartet der BHT-Präsident im bayerischen Handwerk ein Umsatzplus von nominal fünf Prozent. Die Zahl der Beschäftigten dürfte um knapp ein Prozent zulegen, die Investitionen um rund sechs Prozent wachsen.

Zur Wahl Ursula von der Leyens zur Präsidentin der Europäischen Kommission erklärte Peter-anderl: „Dass die erste Frau auf dem EU-Chefsessel eine Deutsche sein wird, ist für unser Land eine großartige Sache. Dennoch werden wir auch bei der neuen Kommission unter ihrer Führung genau darauf achten, dass in Brüssel und Straßburg die richtigen Weichen für das Handwerk gestellt werden.“

Ein erster Schritt zu einer mittelstandsfreundlichen EU-Politik wäre aus BHT-Sicht, einen Vizepräsidenten in der EU-Kommission zu benennen, der sich über alle Fachbereiche hinweg um die Interessen von kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) kümmert und diese zentral koordiniert. Denn KMUs, so der BHT-Präsident, würden in Europa 99 Prozent aller Unternehmen ausmachen und müssten deshalb gezielt gefördert werden. Der „Small Business Act“ bilde hierfür seit vielen Jahren die Grundlage.

„KMU und mit ihnen das Handwerk sind von nahezu allen Politikbereichen betroffen. Sie sind Kern und Motor der europäischen Wirtschaft und Gesellschaft, verfügen über flache Hierarchien und leben Werte, die zum Zusammenhalt in Europa beitragen. Sie übernehmen Verantwortung in den Regionen, integrieren, bilden aus, schaffen und sichern Arbeitsplätze“, betonte Peteranderl. Gerade beim Klimaschutz oder der Digitalisierung sei die Verankerung von KMU-Interessen fundamental wichtig, so der BHT-Präsident: „Klimaschutz ist ohne das Handwerk nicht flächendeckend umsetzbar, digitale Wettbewerbsfähigkeit kann nicht allein durch Industrie 4.0, sondern nur durch ‚Wirtschaft 4.0 erreicht werden.“

Peteranderl kritisierte darüber hinaus, dass die Politik in Brüssel ihren Fokus oftmals auf die Industrie legt und dabei Handwerk und Mittelstand aus dem Blick verliert: „Wir fordern, dass der KMU-Test stärker als bisher angewendet wird, mit einer zentralen Koordination und Kontrolle innerhalb der EU-Kommission. Folgenabschätzungen müssen konsequent und fundiert durchgeführt werden bevor EU-Vorschriften erlassen werden.“ (Friedrich H. Hettler)

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