Wirtschaft

Bundesentwicklungsminister Gerd Müller setzt auf faire Lieferketten. (Foto: dpa/Marius Becker)

29.11.2019

"Konsequent auf faire Beschaffung setzen"

Bundesentwicklungsminister Gerd Müller über die wirtschaftliche Macht von Kommunen beim Thema Menschenrechte

Rund 71 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht. Damit Flüchtlingsströme Richtung Europa reduziert werden, brauchen diese Menschen eine Perspektive. Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) erklärt, wie die öffentliche Hand für ökonomische Rahmenbedingungen sorgen kann, von denen auch Menschen in armen Ländern profitieren.

BSZ: Herr Müller, was können Kommunen tun, um arme Länder zu unterstützen?
Gerd Müller: Für faire Beschaffung sorgen und damit faire Lieferketten weltweit unterstützen. Denn die Arbeitsbedingungen vor Ort in den Produktionsländern sind alles andere als fair.

BSZ: Wie sehen diese aus?
Müller: Ich war in einer Textilfabrik in Bangladesch, in der die Näherinnen 16 Stunden am Tag schuften und gerade einmal 20 Cent verdienen. Unmöglich, davon zu leben! Werden die Arbeiterinnen schwanger, wird ihnen gekündigt. Ich war auf einer Bananenplantage in Mexiko. Den Bauern bleiben zirka 2 Dollar pro 18-Kilo-Kiste. Existenzsichernd wäre mindestens das Dreifache, also 6 Dollar. Und ich war auf den Kakaoplantagen Westafrikas, wo fast zwei Millionen Kinder wie Sklaven schuften. Sie schleppen dort Säcke, die mehr wiegen als sie selbst und es kommen giftige Pestizide zum Einsatz.

BSZ: Und was wäre jetzt ein fairer Beitrag einer Gemeinde oder einer Stadt, dies zu unterbinden?
Müller: Konsequent auf faire, nachhaltige Beschaffung zu setzen. Das Webportal Kompass-Nachhaltigkeit unterstützt sie dabei. Erst in fünf Prozent der bayerischen Rathäuser wird fairer Kaffee getrunken. Das lässt sich doch leicht ändern. Auch die Bettwäsche für Kliniken sowie für Alten- und Pflegeheime kann fair beschafft werden. Dann hätten die Menschen in Afrika und Südostasien bessere Lebensperspektiven vor Ort. Im Leitfaden für die nachhaltige Textilbeschaffung der Bundesverwaltung sind jetzt erstmals ökologische und soziale Kriterien enthalten.

BSZ: Aber ein kommunaler Beschaffungsverantwortlicher kann doch nicht in diese Länder reisen, um dort zu kontrollieren, was in den Fabriken oder auf den Plantagen an Ausbeutung betrieben wird.
Müller: Muss er nicht. Er kann sich auf Zertifizierungen wie den Grünen Knopf bei Textilien verlassen.

Nachhaltig hergestellte Textilprodukte

BSZ: Was ist das?
Müller: Der Grüne Knopf ist das staatliche Siegel für nachhaltig hergestellte Textilprodukte. Dazu müssen 46 anspruchsvolle Kriterien erfüllt werden – von A wie Abwassergrenzwerten bis Z wie Zwangsarbeitsverbot. Dieses Siegel erhalten nur Produkte von Firmen, die ihren Sorgfaltspflichten lückenlos nachkommen. Denn immer wird auch das gesamte Unternehmen geprüft, ob es Umwelt, Arbeitsbedingungen und Beschwerdemöglichkeiten für die Mitarbeiter in seinen ganzen Lieferbeziehungen im Blick hat.

BSZ: Und der Vorteil für Kommunen?
Müller: Sie können von Blaumännern für den Bauhof bis zu Kochmützen für die Kantinen alles fair beschaffen. Gerade erst hat das größte Universitätsklinikum Norddeutschlands in Schleswig-Holstein angekündigt, künftig nur noch Bettwäsche zu beziehen, die mit dem Grünen Knopf zertifiziert ist.

BSZ: Kontrolliert das auch jemand?
Müller: Selbstverständlich, unabhängige, professionelle Prüfer wie der TÜV, Dekra und andere kontrollieren die Einhaltung der Standards.

Unangemeldete Kontrollen

BSZ: Finden die unangemeldet statt?
Müller: Klar, sonst macht es keinen Sinn. Wenn erforderlich auch vor Ort, zum Beispiel in Rumänien oder Bangladesch.

BSZ: Warum setzen Sie denn so sehr auf die Kommunen? Weil die Wirtschaft es verschlafen hat, sich in Afrika zu engagieren?
Müller: Weil die öffentliche Hand, also Kommunen, die Bundesländer und die Bundesregierung mit ihren Behörden Vorbild sein muss. Diesem folgt die Wirtschaft dann auch leichter.

BSZ:
Wie groß ist die Beschaffungsmacht der öffentlichen Hand in Deutschland?
Müller: Zirka 440 Milliarden Euro pro Jahr. Erst vor Kurzem wurde das riesige Potenzial der öffentlichen Beschaffung bei der 21. Berliner Beschaffungskonferenz besprochen.

BSZ: Und jetzt sollen also Städte und Gemeinden nur noch in den armen Ländern beschaffen?
Müller: Natürlich nicht. Einen Schneepflug werden sie wohl kaum im Senegal kaufen können. Aber wo es geht, sollten sie Produkte bestellen, die in diesen Ländern fair hergestellt wurden. Wie gesagt, beim Kaffee fängt es an. Aber auch die Wirtschaft tut etwas.

Lebkuchen mit Fairtrade-Schokolade

BSZ: Was denn?
Müller: Nehmen wir nur einmal die Nürnberger Lebkuchen, die wir alle vor Weihnachten so gerne essen.

BSZ: Was ist mit denen?
Müller: Der Nürnberger Traditionshersteller Lebkuchen Schmidt stellt seine Produktion komplett auf Fairtrade-Schokolade um. Das bedeutet wieder ein Stück mehr Existenzsicherung für die Arbeiter auf den Kakaoplantagen Westafrikas. Aber das ist nicht das einzige, womit die Metropolregion Nürnberg glänzt.

BSZ: Womit noch?
Müller: Mit der Tatsache, dass 37 Gemeinden und Landkreise künftig ihre Beschaffung fairer organisieren wollen. Das reicht vom Pflasterstein ohne Kinderarbeit über den bereits erwähnten fairen Kaffee im Rathaus oder fairen Kakao im Kindergarten bis zu nachhaltig produzierten Möbeln aus zertifiziertem Holz. Wer auf soziale und ökologische Standards bei Beschaffung, Bewirtung und öffentlichen Aufträgen achtet, der sorgt auch dafür, dass die Menschen am Anfang der Lieferkette eine echte Perspektive in ihrer Heimat haben.
(Interview: Ralph Schweinfurth)

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