Wirtschaft

Biobauer Robert Dworschak (gestikulierend) erklärt die Aufzucht von Bio-Gewächshaustomaten. (Foto: Wraneschitz)

29.07.2022

Landwirtschaft ist mehr als Fruchtfolge

Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) besuchte das Knoblauchsland und eröffnete die Weltleitmesse Biofach in Nürnberg

Bio mit seiner gesamten Wertschöpfungskette ist eine Antwort auf unsere planetaren Krisen“, erklärte Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) bei der Eröffnung der Weltleitmesse Biofach in Nürnberg. Das war am Dienstagnachmittag. Den Vormittag verbrachte er im Knoblauchsland im Nürnberger Norden.

Bis es so weit ist, dass Bio als Antwort auf alle Fragen gilt, gibt es noch einige Krisen zu meistern und Probleme zu lösen. So wie die aktuelle, durch des Kreml-Herrscher Putins Angriffskrieg auf die Ukraine ausgelöste Energiekrise. „Wir brauchen alle einen langen Atem“, das weiß auch Minister Özdemir. Dennoch stellte er auf der Biofach klar: „Ökobetriebe arbeiten wegen der fehlenden Kosten zum Beispiel für Mineraldünger wesentlich günstiger als konventionelle Betriebe.“

„Ja, die Preise für Dünger steigen gerade wegen der energetisch bedingten Herstellkosten massiv. Dafür müssen Biolandwirte aber auch wesentlich mehr Fläche bewirtschaften. Und die Dieselpreise für den Betrieb der Traktoren sind für alle Bauern gleich. Da gleicht sich viel aus“, kontert ein konventionell wirtschaftender Landwirt.

Energiepreise explodieren

Mit der Energiepreisexplosion kämpfen aber auch die Verarbeiter. Ludwig Prommersberger, Prokurist der Andechser Bio-Molkerei, sieht zwar „keine aktuellen Probleme mit der Verfügbarkeit der Energie. Aber wir können die steigenden Preise nicht sofort an die Kunden weitergeben“, klagt auch er.

Wohl auch, um die steigenden Energiepreise durch höhere Bio-Erträge auszugleichen und damit die Bewirtschaftungskosten zu senken, will Özdemir gerade hier mehr Forschung. Doch ohnehin sei die ganze Ampel-Regierung dabei, „die Strategie Zukunft Ökologischer Landbau zu entwickelt. Hier werden die Kräfte gebündelt“, erklärte der Grüne und erhielt viel Applaus vom Bio-Fach-publikum.

Er gab sich überzeugt: „Die Erfolgsgeschichte von Bio in Deutschland ist noch lange nicht zu Ende erzählt, und regionale Wertschöpfungsketten sind die Basis für die globalen Herausforderungen.“ Überzeugt wohl auch deshalb, weil er sich am Vormittag im Knoblauchsland zwischen Nürnberg, Erlangen und Fürth umgesehen hatte, eines der größten zusammenhängenden Gemüseanbaugebiete seiner Art in Deutschland. Hernach konnte er feststellen: „Die Bio-Ausbauziele der Ampel sind also keine ‚Grüne Ideologie‘ und kein Bremsklotz der Ernährungssicherheit, wie uns ja vorgeworfen wird.“

Nicht nur Bio

Knoblauchsland ist beileibe nicht nur Bio. Für Peter Höfler, einen der Betreiberbrüder des gleichnamigen Gemüseanbauers und Nürnberger Kreisbauer des Bauernverbands, ist „auch konventionelle Landwirtschaft vereinbar mit Biodiversität“. Denn es gebe auch hier extensive Bewirtschaftung – und trotz Düngung und Pestiziden – „Bienen, die auf der Roten Liste stehen“.

Eines aber zeichne laut Höfler die Landwirtschaft im Knoblauchsland sicher aus: „Wir sind lauter Familienbetriebe.“ Und die Bauern hier haben wie wohl überall „aktuell schon mal schlaflose Nächte. Gerade weil überall die Preise steigen, für Verpackung oder Etiketten beispielsweise, auch für Energie“, wie Robert Dworschak drastisch vorrechnete. Er ist der Sohn beim Biohof Dworschak und Sohn. Seit 1996 Bioland-Betrieb, habe man sich im Jahr 2000 auf Topfkräuter spezialisiert, zurzeit werden sechs Millionen Töpfe jährlich produziert.

Neben Freiluft haben die Dworschaks auch Bio-Gewächshäuser, zum Beispiel für Tomatenanbau. Aktuell wird eine Hackschnitzelheizung installiert, um unabhängiger von Putins Gas zu werden. Doch „Bio ist nicht die heile Welt“, sagt Sohn Dworschak und verweist auf den „Flaschenhals Vermarktung. Der Verbraucher muss Bio wollen“ – was in Corona-Zeiten gut funktionierte, zurzeit aber offenbar schwächelt.

Milch und Käse von der "Lila Kuh"

Der Hofladen Link, einen Kilometer entfernt, hatte eher eine Schwächephase während der Corona-Einschränkungen. 350 Produkte gibt es hier: nicht nur pflanzlich Selbsterzeugtes, und zum Beispiel auch Milch und Käse von der „Lila Kuh“ im Landkreis Fürth. Doch die Idee, einen Drive-in einzurichten – vorbestellen und im Vorbeifahren zahlen und abholen – war so erfolgreich, dass die Fahrschleuse auch heute noch offen ist.

Ein zweiter Absatzweg der Links aber brach fast komplett zusammen: Der Gastroservice, also die Direktvermarktung an Restaurants. Inzwischen läuft auch dieses Geschäft wieder. Ebenso für ein Produkt der Familie, das üblicherweise nicht unbedingt aus Franken kommt: Süße Wassermelonen. „Nächstes Jahr wollen wir die am Feld anbauen“, bislang kamen die aus dem eigenen Gewächshaus.

Eigener Wasserverbund

Die Bewässerung im Knoblauchsland sichert übrigens ein eigener Wasserverband. Der versorgt per sozialem Ansatz jeden Betrieb, ob groß oder klein. Das Wasser werde aus dem Uferfiltrat der Regnitz in Fürth aus zwölf Meter tiefen Brunnen gewonnen, ist also quasi der gereinigte Abfall des Flusswassers. „Kostengünstig und energieeffizient – nur eine Kilowattstunde für Förderung und Bereitstellung von einem Quadratmeter Wasser“ arbeite der Verband, war zu erfahren. Und es sei immer genug Wasser vorhanden, auch in der aktuellen Trockenphase.

Da konnte Spaniens Minister für Landwirtschaft, Fischerei und Ernährung Luis Planas nur staunen: „Bei uns wird die Bewässerung teilweise rationiert“, bestätigte er auf unsere Nachfrage.
Doch sein deutscher Kollege Cem Özdemir sollte auch noch einmal zu Wort kommen: „Heute geht es mehr denn je um die Erhaltung der Lebensgrundlagen. Lasst uns den Zusammenhang zwischen Klima, Naturschutz und Landwirtschaft so erzählen, dass es die Menschen packt, sensibilisiert und begeistert. Es geht um die Liebe zur Natur. Aber es geht auch ums Geldverdienen, um Arbeitsplätze. Wir brauchen noch ein paar mehr Abenteurer“, wünschte er sich. Sowohl bei den Landwirten, als auch bei den Bio-Vermarktern.

Oder auch bei der Politik, wie Bauernverbands-Vizepräsident Günther Felßner anregte: „Wie genau soll eine Kantine ein Bio-Mittagessen anbieten, wenn das höchstens 3,20 Euro kosten darf?“ Denn bei der Messeeröffnung hatte Tina Andres, die Vorsitzende des Bio-Spitzenverbands BÖLW, gefordert: „Gesundes, biologisches Essen sollte die Normalität sein und mit dem Film Zukunft Kantine daran erinnert, dass 16 Millionen Menschen in Deutschland in Kantinen speisen.
(Heinz Wraneschitz)

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