Wirtschaft

In Bayerns Gastronomie läuft bis Ende November nichts mehr. Gerichte gibt es nur noch außer Haus. (Foto: dpa/Angelika Warmuth)

30.10.2020

Mit der Bulldozer-Methode gegen das Virus

Druchgängige Kritik am von Bund und Ländern verhängten zweiten Lockdown

"Es ist für mich nicht nachvollziehbar", sagt Martin Rößler, Geschäftsführer des Café Beer in Nürnbergs Fußgängerzone, zum von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und den Länderchefs beschlossenen zweiten bundesweiten Lockdown. Seit dem ersten Lockdown habe es keinen einzigen Corona-Fall in seinem Café gegeben. "Wir schreiben alles penibel auf und können sogar anhand der elektronischen Kassenaufzeichnung nachvollziehen, welche Servicekraft welchen Gast an welchem Tag um wie viel Uhr bedient hat", erklärt Rößler. In der gesamten Zeitspanne habe es keine einzige Anfrage vom Gesundheitsamt gegeben.

Das hat auch seine Gründe, denn der Chef des Cafés hat massiv investiert. Rund 10.000 Euro hat er für Plexiglastrennwände, einen Luftreiniger und Unmengen an Desinfektionsmittel ausgegeben. Und das angesichts einer halben Million Euro Umsatzrückgang durch Corona in diesem Jahr. "Jetzt mache ich mir wieder Sorgen, wie meine über 40 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im November über die Runden kommen", so Rößler. Denn Kurzarbeitergeld und keine Trinkgelder bedeuten für viele von ihnen harte finanzielle Einbußen.

Im Einzelhandel geht jeder anonym ein und aus

"Klar können wir noch Kuchen außer Haus verkaufen. Aber das macht nur ein Drittel unseres Umsatzes aus", erklärt der Caféchef. Und in diesem Außerhausverkauf liegt seiner Ansicht nach die fehlende Logik. Während im Café jeder Gast registriert werde, könne niemand mehr nachvollziehen was infektiologisch passiert, wenn Frau Maier Kuchen kauft und diesen zu Hause mit Frau Müller verspeist. "Wenn die Bundesregierung sagt, dass 75 Prozent der Corona-Infektionen nicht mehr nachvollziehbar sind, verstehe ich nicht, warum die Gastronomie, die zur Gästeregistrierung verpflichtet ist, schließen muss", sagt Rößler. Im Einzelhandel gehe jeder anonym ein und aus.

Von politischem Aktionismus, der jeglicher Grundlage entbehrt, spricht Angela Inselkammer, Präsidentin des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbands Dehoga Bayern. "Die Maßnahmen sind willkürlich, nicht nachvollziehbar und vollkommen unverhältnismäßig", schimpft die Dehoga Bayern-Präsidentin. Während sich die Politik bei den Kennzahlen des Infektionsgeschehens auf das Robert Koch-Institut (RKI) berufe, würden die Empfehlungen des RKI sowie dessen weiteren Fakten ignoriert. Denn laut RKI finden lediglich 0,5 Prozent der Ansteckungen in Gaststätten statt. Bei den Infektionstreibern handelt es sich laut RKI-Präsident Lothar Wieler "vorwiegend um Feiern, Treffen mit Freunden oder der Familie".

Ein Hohn

Geradezu ein Hohn ist es Inselkammer zufolge, dabei von einem Lockdown "light" zu sprechen, der allein in Bayern 447.000 Erwerbstätige vor den Ruin stellt. "Hier stehe nicht weniger auf dem Spiel als das Überleben einer ganze Branche, die bis März noch die zweitwichtigste Leitökonomie Bayerns und Garant für funktionierende regionale Wirtschaftskreisläufe gewesen ist", so Inselkammer. Denn um nichts anderes gehe es jetzt, wenn man das Gastgewerbe, das bereits einen Lockdown mit allen Konsequenzen hinter sich hat, in einen zweiten schickt, an dessen Ende sich dann die "tote Zeit" bis zum Frühjahr anschließe. "Wenn ich den organisierten Bereich schwäche, findet umso mehr im unkontrollierten Bereich statt, in dem sich Kontakte schwerer nachvollziehen lassen, nicht immer alle Abstände eingehalten werden, der Mund-Nasen-Schutz vielleicht etwas lockerer sitzt und in den seltensten Fällen Hygienekonzepte vorliegen. Bis heute bleibt die Politik die Antwort schuldig, warum erneut das Gastgewerbe mit einem Quasi-Berufsverbot belegt wird", kritisiert Inselkammer.

"Die Regierung entscheidet sich für eine Bulldozer-Methode ohne Feingefühl und Zielgenauigkeit. Für viele Gastronomien, Betriebe und Kultureinrichtungen ist das der Todesstoß. Dabei sind Gaststätten und Hotels mit ihren strengen Hygienevorschriften nicht die Hauptinfektionstreiber", betont Bayerns FDP-Chef Daniel Föst.

Überfüllte Busse und Bahnen

Sein sächsischer Parteifreund Torsten Herbst erklärt: "Auch warum ein Hotelgast im Hotelbett eine größere Gefahr für seine Mitmenschen darstellt als im eigenen Bett zu Hause, erschließt sich nicht." Im Restaurant mit Abstand und Plexiglasscheibe zu sitzen werde verboten, das Fahren in überfüllten Bussen und Bahnen soll dagegen kein Problem darstellen, moniert der Dresdner Bundestagsabgeordnete.

Beim Bayerischen Handwerkstag (BHT) ist man sich sicher, dass der zweite Lockdown, auch wenn er bis Ende November befristet ist, Betriebe des Lebensmittelhandwerks, die im Catering tätig sind oder die Gastronomie beliefern sowie verbrauchernahe Dienstleister wie Kosmetiker erneut hart treffen wird. "Dass Schulen und Bildungszentren geöffnet bleiben, ist für die Ausbildungsleistung wichtig. Bei den angekündigten neuen Finanzhilfen gilt es, die Zugangsvoraussetzungen niedrig zu halten, damit möglichst viele Betriebe Unterstützung erhalten können", betont BHT-Präsident Franz Xaver Peteranderl.

Viele Geschäftsideen und Betriebe vor dem Aus

"Den Verschärfungen muss jetzt so schnell wie möglich die Umsetzung der angekündigten Nothilfen für die betroffenen Betriebe folgen", fordert Manfred Gößl, Hauptgeschäftsführer der IHK für München und Oberbayern. Der IHK-Chef betont, dass die angeordneten Schließungen zum totalen Umsatzverlust führen werden und sich die teilweise ohnehin schon existenzbedrohende Lage in einigen Branchen weiter verschärfen wird. "Die Pläne einer außerordentlichen Wirtschaftshilfe mit einem Finanzvolumen von bis zu zehn Milliarden Euro sind der richtige Weg. Damit die Betriebe möglichst schnell das Geld erhalten, müssen offene Fragen, unter anderem zum Kreis der Berechtigten oder einer möglichen Anrechnung anderer Zuschüsse sofort geklärt werden", so Gößl.

Die Wirtschaft in Oberbayern warnt vor dem Aus vieler Geschäftsideen und Betriebe, wenn die staatlichen Zuschüsse und Hilfen nicht schnell und unbürokratisch bei den Betroffenen ankommen. "Gerade Solo-Selbstständige treffen die Einschränkungen hart, waren bislang aber von Hilfsprogrammen überwiegend ausgenommen, weil nur Fixkosten förderfähig waren. Ein Unternehmerlohn für Soloselbstständige von monatlich mindestens 1000 Euro, der ohne Auflagen für die privaten Lebenshaltungskosten eingesetzt werden kann, wäre ein Mindestmaß an Wertschätzung", betont Gößl. "Wir dürfen nicht riskieren, dass unser Wirtschaftssystem coronabedingt eine tragende Säule und große Berufsgruppe verliert."
(Ralph Schweinfurth)

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