Wirtschaft

Die zum Jahresbeginn erhoffte konjunkturelle Erholung in der bayerischen M+E-Industrie blieb aus. (Foto: Bilderbox)

01.08.2022

Pessimistische Perspektiven

Sommer-Konjunkturumfrage der bayerischen Metall- und Elektro-Industrie: Die Unternehmen sind enorm verunsichert

Die Lage in der bayerischen Metall- und Elektroindustrie (M+E) ist angespannt und von enormer Unsicherheit geprägt. Die zum Jahresbeginn erhoffte konjunkturelle Erholung in der M+E-Industrie blieb aus, die Produktion geht weiter zurück, erklärte Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der bayerischen Metall- und Elektro-Arbeitgeberverbände bayme vbm, zur aktuellen, repräsentativen Umfrage unter ihren Mitgliedsunternehmen. Es sei keine Entspannung bei den Lieferengpässen und hinsichtlich des Materialmangels absehbar. Die Einkaufspreise für Vorprodukte, die Frachtkosten sowie die Kosten für Rohstoffe und Energie seien massiv gestiegen, betonte Brossardt. „Für die kommenden Monate überwiegt der Pessimismus bei unseren Unternehmen. Die Unsicherheiten sind enorm und ein möglicher Erdgas-Stopp und generell die Erdgasknappheit hängen als großes Damoklesschwert über allem.“

All diese Faktoren wirken sich negativ auf die Geschäftserwartungen der Unternehmen aus. Dadurch können viele Aufträge nicht abgearbeitet werden. Dazu kommt nach den Worten des Hauptgeschäftsführers eine hohe Krankheitsquote durch die stark steigenden Corona-Fallzahlen, die den bestehenden Arbeitskräftemangel noch weiter verschärfen.

Laut Umfrage wird die aktuelle Geschäftslage im In- und Ausland zwar noch von jedem zweiten Unternehmen als gut bewertet, zu Beginn des Jahres waren es aber noch über zwei Drittel. Die Salden haben sich im Jahresverlauf jedoch praktisch halbiert und liegen fürs Inlandsgeschäft bei + 35 Punkten und im Auslandgeschäft bei knapp + 30 Punkten.

Die Erwartungen für den weiteren Jahresverlauf sind deutlich gesunken und liegen mittlerweile im negativen Bereich. Sie liegen für das Inlandsgeschäft bei – 15,6 Punkten und für das Auslandsgeschäft bei – 4,3 Punkten. Die zum Jahresbeginn erhoffte konjunkturelle Erholung ist laut Brossardt ausgeblieben. Die negativen Erwartungen zeigen die enorme Verunsicherung in der M+E-Industrie. Lediglich der weiterhin hohe Auftragsbestand habe ein stärkeres Absinken verhindert. „Sollten aber die Beschaffungspreise weiter stark steigen und russische Gaslieferungen ausbleiben, dann dürfte sich das Bild drastisch ändern.“

Kernproblem der Unternehmen bleibt laut Umfrage der massive Mangel an Rohstoffen, Material und Vorprodukten. Bei 30 Prozent der Unternehmen werde die Produktion durch den Materialmangel stark beeinträchtigt. Weitere 44 Prozent spüren eine mittelmäßige und 17 Prozent eine leichte Beeinträchtigung, so der M+E-Hauptgeschäftsführer. Praktisch alle haben mit verspäteten Lieferungen zu kämpfen. „Kaum ein Unternehmen rechnet mit einer kurz- und mittelfristigen Entspannung der Lage. Wir erwarten daher aktuell einen Produktionsrückgang von mindestens 2 Prozent im Jahresdurchschnitt 2022 – und das ohne Einbeziehung eines Gas-Lieferstopps“, prognostiziert Brossardt.

Jüngste Umfragen und eine Studie der Prognos AG zeichnen in diesem Fall ein düsteres Bild. So müsste jedes fünfte Unternehmen seine Produktion stoppen und der Wertschöpfungsrückgang läge bundesweit bei 12,7 Prozent. „Für unseren Standort und die Be-schäftigten wäre das eine Katastrophe“, so Brossardt.

Bei den Investitionsplänen sind die M+E-Unternehmen noch zurückhaltender als bei den Produktionsplänen: Weniger als ein Viertel will die Investitionen in den kommenden Monaten erhöhen, mehr als 15 Prozent müssen die Investitionsausgaben zurückfahren. Zudem entfallen laut Brossardt nur 16,5 Prozent auf Erweiterungen, aber 39 Prozent auf Ersatzbeschaffungen. „Wir sehen diese Entwicklung mit Sorge. Wenn die wirtschaftlichen Schwierigkeiten unsere Firmen dazu zwingen, Erweiterungsinvestitionen und Innovationen zu verschieben und zu reduzieren, dann gefährdet das die Zukunftsfähigkeit unserer Industrie.“ Gerade jetzt, wo die großen Transformationen anstehen, müsse in die Zukunft investiert werden. „Aber hierfür brauchen unsere Unternehmen ausreichend Finanzmittel.“

Die Ertragslage der M+E-Industrie hat sich gegenüber der Umfrage im Winter nur unwesentlich verändert. Jedes zweite Unternehmen hofft auf eine Nettoumsatzrendite von 4 Prozent und mehr. Auf der anderen Seite befürchten knapp 30 Prozent der Unternehmen für 2022 eine kritische Ertragslage: 11,7 Prozent rechnen mit Verlusten, weitere 7,2 Prozent erwarten eine schwarze Null und knapp 10 Prozent gehen von einer Nettoumsatzrendite von unter 2 Prozent aus. „Das sind schon jetzt alarmierende Zahlen. Verschlechtern sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen im Jahresverlauf noch weiter, dürften immer mehr Unternehmen auf eine kritische Ertragslage zusteuern“, so Brossardt.

Die Beschäftigungspläne der M+E-Unternehmen sind hingegen expansiv und haben sich gegenüber der Winterumfrage noch einmal verbessert. „Mehr als jedes zweite Unternehmen plant einen Beschäftigungsaufbau. Im Jahresverlauf wird die Beschäftigung um rund 10 000 Stellen auf dann 855 000 Personen zum Jahresende 2022 zunehmen“, erklärte der Hauptgeschäftsführer. Das seien aber immer noch 17 000 weniger als zum Höchststand im Juni 2019.

Mit Blick auf die anstehende Tarifrunde in der bayerischen M+E-Industrie warnen die Arbeitgeberverbände bayme vbm aber vor falschen Schlüssen für die Lohnforderung. „Die aktuell hohe Inflation dürfen wir nicht durch hohe Tarifabschlüsse zementieren, die den Unternehmen die Luft für Zukunftsinvestitionen nehmen. Dadurch gäbe es nur Verlierer – sowohl bei den Beschäftigten als auch bei den Unternehmen“, so Brossardt. Natürlich fresse die hohe Inflation derzeit einen zu großen Teil der Einkommen auf. Aber daraus eine Lohnforderung von 8 Prozent anzuleiten hält der Hauptgeschäftsführer der M+E-Industrie für überzogen und gefährlich. „Dies würde die Inflation nicht nur zusätzlich anheizen, die Inflation würde dadurch auch verfestigt.“

Fakt ist, so Brossardt, dass die Tarifentgelte seit 2018 um über 9 Prozent gestiegen sind. Die Sonderzahlungen T-ZUG A, T-ZUG B und das Transformationsgeld wachsen mit den künftigen Tarifsteigerungen mit. Dagegen würden die Unternehmen unter enormen Preis- und Kostensteigerungen leiden, die nicht einfach an Kund*innen weitergegeben werden können. „Wir müssen aufpassen, nicht zu überziehen“, mahnte Brossardt. Er könne nur an die Vernunft der IG Metall appellieren, sich ein realistisches Bild der wirtschaftlichen Lage der M+E-Industrie zu machen und „dann mit uns einen Tarifabschluss zu vereinbaren, der diesem realistischen Bild gerecht wird. Mit Vernunft und Realismus sichern wir die Zukunft der M+E-Industrie und der M+E-Beschäftigten in Bayern.“ (Friedrich H. Hettler)
 

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