Angeblich sollen schon über 5000 Mitglieder aus dem ADAC ausgetreten sein. Anlass: Viele fühlen sich vor den Kopf gestoßen, nachdem ADAC-Verkehrspräsident Gerhard Hillebrand in einem Interview mit der Neuen Osnabrücker Zeitung erklärt hat, dass Autofahren teurer werden müsse, um Deutschlands Klimaziele zu erreichen.
Besonders in den sozialen Netzwerken laufen derzeit unzählige Aufrufe, den rund 22,7 Millionen Mitglieder zählenden Automobilclub, der in München ansässig ist, zu verlassen. Klar, dass sich angesichts von Hillebrands Aussagen einige Fragen auftun. Denn pauschal Benziner- und Dieselfahrer ohne finanzielle Kompensation für eine höhere CO2-Bepreisung zu lassen, verlangt auch er nicht. Er will niedrigere Ladestrompreise, eine deutlich verbesserte Ladeinfrastruktur und eine Markttransparenzstelle wie beim Kraftstoff, um Stromabzocke für Ladestrom zu unterbinden.
Shitstorm in den sozialen Medien
Aber all das dringt in der Öffentlichkeit nicht mehr durch. Der „Shitstorm“ in den sozialen Medien ist so groß, dass man beim ADAC offenbar kapituliert hat. Das trifft auch die Nachfragen der Staatszeitung. Der Automobilclub sieht sich derzeit außerstande, diese zu beantworten. Eine ADAC-Sprecherin bittet um Verständnis. Dabei wollte die Staatszeitung unter anderem wissen, ob sich der ADAC noch als „Anwalt aller Autofahrer sieht, oder nur noch derer, die sich teure deutsche E-Autos leisten können. Und ob der Automobilclub dadurch indirekt den Absatz günstiger chinesischer E-Autos fördert.
Vom öffentlichen Wirbel um Hillebrands Interviewaussagen profitiert indes der in Frankfurt am Main ansässige Automobilclub von Deutschland (AvD). Beim zweitgrößten Automobilclub Deutschlands gibt man sich auch wesentlich kommunikativer. „Nach den ersten hausinternen Rückmeldungen können wir mitteilen, dass der Automobilclub von Deutschland (AvD) im Vergleich zum Vorjahreszeitraum über 500 Prozent mehr Neu-Mitglieder begrüßen kann“, sagt Herbert Engelmohr von der Unternehmenskommunikation der AvD Wirtschaftsdienst GmbH der Staatszeitung.
Die Spritpreise müssen runter
Generell ist der AvD der Auffassung, dass die Spritpreise runter müssen. Zwar habe die Bundesregierung zur Entlastung der Pendler die Pendlerpauschale (38 Cent pro Kilometer) ab dem 1. Januar 2026 erhöht sowie eine Diesel-Rückvergütung für Land- und Forstwirtschaft beschlossen. Der AvD sieht hier aber noch deutlich mehr Potenzial, etwa durch eine erneute, dauerhafte Senkung der Energiesteuer. Diese war übrigens in Verbindung mit dem Ausbruch des Ukraine-Krieges bereits befristet (Juni bis August 2022) umgesetzt.
Der AvD verweist darauf, dass Österreich einen sogenannten Klimabonus an seine Bürger auszahlt, um die vorhandene CO2-Steuer sozial gestaffelt auszugleichen. Es gebe verschiedene Modelle, die man als Vorbild nehmen und diskutieren könne. Langfristig sollten auch gezielte Preisregulierungen oder Transparenzvorschriften für Tankstellen in die Überlegung miteinbezogen werden, so der AvD. Die aktuell diskutierte Begrenzung auf eine einmalige Preisänderung pro Tag sieht der Frankfurter Automobilclub eher kritisch, da die Anpassung des Betreibers im Zweifel dann noch höher ausfalle.
Unzureichende Ladeinfrastruktur
Beim Thema E-Mobilität sieht der AvD vor allem die Ladeinfrastruktur kritisch. „Wer im ländlichen Raum ein Eigenheim bewohnt und Solarpanels auf dem Dach, vielleicht auch noch einen Batteriespeicher im Keller hat, muss sich um seine Ladeinfrastruktur keine großen Sorgen machen. In der Regel kann ein vorhandenes E-Auto mittels Wallbox sehr günstig geladen werden“, so Engelmohr.
Die öffentliche Ladeinfrastruktur sei aber insgesamt nicht ausreichend, um Autofahrer ohne festen privaten Stellplatz ausreichend mit tauglichen Ladepunkten zu versorgen. Auch die für Langstreckenfahrten notwendigen Schnelllademöglichkeiten seien noch nicht in der benötigten Zahl vorhanden. Zudem sei das dafür nötige Stromnetz ebenfalls noch nicht auf dem erforderlichen Stand.
Außerdem stellt sich Engelmohr zufolge das Preisproblem auch beim öffentlichen Laden. Es gebe große Preisunterschiede, wobei vielfach die kW-Preise zu Spritkosten bei vergleichbaren Kfz-Modellen umgerechnet sogar höher seien. Die Forderung nach entsprechenden Preisregulierungen stehe auch hier im Raum, auch wenn der Lademarkt noch nicht mit dem der flüssigen Kraftstoffe vergleichbar sei.
In Bayern sind viele Menschen auf das eigene Auto angewiesen
Gerade in einem Flächenland wie Bayern sind viele Menschen auf das eigene Auto angewiesen und auf die entsprechende Bezahlbarkeit ihrer Alltagsmobilität. Der AvD tritt laut Engelmohr dafür ein, dass die breite Bevölkerung sich ihre Alltagsmobilität weiter leisten kann und die Wahlfreiheit beim Antrieb und der genutzten Verkehrsmittel erhalten bleibt. Für den AvD sei das Automobil im Alltag unverzichtbar und für viele Menschen mehr als ein Transportmittel. „Es kann durchaus ein Lebensgefühl vermitteln, das für Freiheit, Flexibilität und Lebensqualität steht – unabhängig vom Antrieb“, so Engelmohr.
Weil es nach wie vor keine für Normalverdiener erschwinglichen deutschen E-Autos gibt, dürften sich chinesische Autohersteller die Hände reiben. Sie drängen mit Macht auf den europäischen Markt. Das wird zusätzlich motiviert durch die wachsende Abschottung des US-Handels durch Zölle. Auch die EU erhebt Zölle gegenüber chinesischen Anbietern. Die aus Sicht des AvD zutreffende Begründung der EU-Kommission dazu ist, dass damit faire Wettbewerbsbedingungen hergestellt werden sollen. In der Folge müssen die importierten E-Fahrzeuge in Europa zu höheren Preisen angeboten werden als in China.
Doch die ersten chinesischen Hersteller planen und bauen bereits Fabriken in der EU, um die Zollproblematik zu vermeiden und näher an den hiesigen Kunden zu sein. Insofern dürften deutsche Hersteller im sogenannten Volumenmarkt, also dem Markt günstiger Neuwagen für alle, das Nachsehen haben. Haben sie doch jahrelang ganz bewusst dieses Marktsegment ignoriert.
China baut erste E-Autofabriken in Europa
Der AvD gibt sich dennoch zuversichtlich, dass die europäischen Hersteller in diesem Wettbewerb bestehen können. Die „Hausaufgaben“ seien, was attraktive Fahrzeuge betrifft, gemacht. „Aktuell sind für 2026 von vielen Herstellern die oben vermissten Modelle in den Alltagskategorien zu bezahlbaren Preisen angekündigt“, sagt AvD-Sprecher Engelmohr. Nur durch eine sich beständig weiterentwickelnde Wettbewerbsfähigkeit könne sich die europäische Autoindustrie behaupten und damit die Wertschöpfung und die Arbeitsplätze in Europa sichern.
Wie sich Deutschlands drittgrößter Automobilclub, der ACE Auto Club Europa mit Sitz in Stuttgart, in der Angelegenheit positioniert, ist leider unklar. Die entsprechenden Anfragen der Staatszeitung blieben bis Redaktionsschluss unbeantwortet.
(Ralph Schweinfurth)
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