Wirtschaft

Helfer Wolfgang Nowak beim gemeinsamen Einkauf mit Elfriede von der Soeren. (Fotos: deinNachbar e.V.)

02.04.2019

Soziale Innovation ausgebremst

Um pflegenden Angehörigen das Leben zu erleichtern, gibt es in München seit 2015 den Verein „deinNachbar“ – doch die öffentliche Hand legt ihm Steine in den Weg

Wer Angehörige pflegt, leistet meist einen Knochenjob. 2,7 Millionen der 3,5 Millionen pflegebedürftigen Menschen hierzulande wohnen laut Bundesgesundheitsministerium zuhause und werden von Angehörigen betreut. Dabei werden nur 23 Prozent durch einen ambulanten Pflegedienst unterstützt. Und die Zahlen steigen. Bis 2030 wird nach aktuellen Prognosen wohl jeder siebte Bundesbürger auf Unterstützung im Alltag angewiesen sein. Und das bei 500.000 fehlenden Pflegefachkräften, so die Zahlen der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Hilfe innerhalb von 24 Stunden

Um den pflegenden Angehörigen das Leben zu erleichtern, hat Thomas Oeben bereits 2015 den Verein „deinNachbar e. V.“ gegründet. Der ehemalige Rettungsassistent, Spediteur und Betriebswirt bringt seine Logistik- und IT- Expertise in den sozialen Bereich ein und möchte mit seinen angestellten Pflegefachkräften und vielen geschulten, ehrenamtlichen Helfern ein flächendeckendes Versorgungsnetzwerk aufbauen, aus dem hilfsbedürftige Menschen und pflegende Angehörige innerhalb von 24 Stunden die Unterstützung bekommen, die sie gerade benötigen. Dafür hat er ein IT-System programmiert und die aufwendige Helfersuche und Koordination digitalisiert, sodass Helfer nur Einsatzanfragen erhalten, die auf ihr Profil passen und ganz unkompliziert zu- oder absagen können.

Zielsetzung ist der Aufbau eines deutschlandweiten Netzwerks mit weiteren Niederlassungen und vor allem durch Kooperationen mit anderen Organisationen der Sozialwirtschaft. Bisher ist der Verein aber nur in München tätig. Grund: Der innovative Lösungsansatz für das aufkommende Versorgungsproblem erfährt anstelle der gebotenen Unterstützung durch die öffentliche Hand und der gemeinsamen Weiterentwicklung des Netzwerks massive Gegenwehr der starken politischen Lobby der Sozialverbände, wird von Behörden regelrecht ausgebremst und sogar mit zusätzlichen Kosten belastet, die eigentlich durch die öffentliche Hand getragen werden müssten.

So wird eine anerkannte Fachstelle des Vereins für pflegende Angehörige, welche diese kostenfrei berät, nur mit 17 000 Euro pro Jahr durch den Freistaat bezuschusst. Die realen Vollkosten dieser Stelle schlagen aber jährlich mit über 100 000 Euro zu Buche. Da der Verein diese Differenz nicht mit seinen Einnahmen aus der Versorgung hilfsbedürftiger Menschen decken kann, schießt Oeben immer wieder privates Kapital nach, um die Fachstelle erhalten zu können, und sucht unnachgiebig weiter nach Unterstützung von Bund, Land, Kommunen und Stiftungen.

„Ich war bereit, meine Managementleistung drei Jahre lang kostenfrei einzubringen und die Anschubfinanzierung aus privaten Mitteln zu decken, um zu zeigen, dass unser Konzept funktioniert. Dass ich aber die kostenfreie Beratung pflegender Angehöriger finanzieren soll, sprengt definitiv den Rahmen“, sagt er zur Staatszeitung. Oeben ist mit seiner Geduld am Ende. Bisher hat er fast 300.000 Euro in den Verein gesteckt, aber nur 138.000 Euro an Förderung erhalten. Bei der Landeshauptstadt beruft man sich laut Oeben auf einen Stadtratsbeschluss aus dem Jahr 2001, wonach nur fünf Fachstellen der Sozialverbände aus dem kommunalen Haushalt bezuschusst werden. Laut der Richtlinie für die Förderung im „Bayerischen Netzwerk Pflege“ sollte für pflegende Angehörige je 100.000 Einwohner aber eine vollzeitbeschäftigte Beratungskraft zur Verfügung stehen, was in München einen aktuellen Bedarf von 15 Fachstellen zur Folge hat.

Es gab keine Anschubfinanzierung


Auch im bayerischen Gesundheitsministerium beißt Oeben regelmäßig auf Granit. Anschubfinanzierung gab es keine. Nach einem Zuschuss von 44.000 Euro im zweiten Jahr nach Vereinsgründung hat man ihm in den Folgejahren den Zuschuss auf 34.000 Euro gekürzt. Der Versuch, die Fachstelle über einen höheren Preis für Unterstützungsleistungen zu finanzieren, hatte zur Folge, dass dieser als unangemessen hoch angesehen wurde und folglich die Förderung der Helferstunden gestrichen wurde. In anderen Kommunen scheiterten Förderanträge trotz Befürwortung des Landrats am Sozialausschuss, in dem Vertreter bestehender Organisationen stark repräsentiert sind. Der Verein „deinNachbar e. V.“ arbeite zu professionell, habe man ihn wissen lassen, berichtet Oeben.

Professionell aufgestellt ist das Unterstützungsnetzwerk in der Tat. Nachdem eine Pflegefachkraft den individuellen Hilfebedarf eines Pflegebedürftigen persönlich validiert und in das IT-System eingegeben hat, sucht dieses automatisch nach Helfern, auf die das Anforderungsprofil passt, und verschickt nur an diese eine Einsatzanfrage per App oder SMS. Egal ob es ums Einkaufen, Plaudern, Chauffieren, Vorlesen, Kochen, Spazierengehen oder Reparieren geht, via App können die über 300 registrierten und geschulten Alltagsbegleiter eine Anfrage digital annehmen oder ablehnen. Auf diese Weise wird die „Last“ auf viele Schultern verteilt und dafür gesorgt, dass das Engagement der Helfer nicht zur Last, sondern zu einer Bereicherung wird. Als Aufwandsentschädigung erhalten die Helfer acht Euro pro Stunde.

Das Ausmaß der aufkommenden Versorgungslücke schreit förmlich nach neuen und professionellen Lösungsansätzen. Oeben möchte mit seinem interdisziplinären Lösungskonzept aus Pflege, Ehrenamt, Logistik und der Digitalisierung gerne seinen Beitrag leisten und zusammen mit Kommunen und anderen Organisationen die Versorgung auch in Zukunft sicherstellen. „Wir sind jederzeit bereit, aufgeschlossenen Kommunen dabei zu helfen, die soziale Versorgung sicherzustellen“, verspricht Thomas Oeben und lädt zum konstruktiven Austausch und Zusammenwirken ein.

Das zukunftsweisende Modell von „deinNachbar e. V.“ erfährt in Politik und Gesellschaft große Anerkennung und ist bereits mehrfach ausgezeichnet worden. So wurde der Verein von Ex-Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement im Januar 2019 mit dem Deutschen Exzellenz-Preis prämiert, erhielt den vdek-Zukunftspreis 2018 vom Verband der Ersatzkassen, den German Stevie Award 2017 als „Start-up des Jahres“ und wurde von Bundespräsident Joachim Gauck im Rahmen der Initiative „Deutschland – Land der Ideen“ im September 2016 als zukunftsweisendes Projekt ausgezeichnet. Bleibt nur zu hoffen, dass das Konzept von „deinNachbar e. V.“ endlich auch auf der administrativen Ebene als Hilfsangebot im drohenden Pflegenotstand anerkannt wird.
(Ralph Schweinfurth)

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