Alles ist akkurat aufgeräumt, im Offenstall ruhen sich einige der Kühe aus, die anderen fressen, einige mustern neugierig die Besucher. Der Öko-Milchviehbetrieb Küfner und Neiser in Bindlach nahe Bayreuth lässt sich gut und gerne als Vorzeigehof bezeichnen. 160 Milchkühe und viele weitere Jungtiere werden hier gehalten. Seit 1989 wirtschaftet der Betrieb ökologisch, war damals ein Pionier in der Region. „Und jetzt will man uns rauskicken“, sagt Markus Küfner.
Vorgaben treffen vor allem süddeutsche Höfe
Denn die EU-Ökoverordnung sieht vor, dass Ökobetriebe ihren Pflanzenfressern – also Rindern, Schafen, Ziegen – Zugang zu einer Weide gewähren müssen. Das Weiden darf nur aus vorübergehenden Gründen eingeschränkt werden.
Doch seine ganze Herde auf die Weide treiben und zum Melken wieder in den Stall holen? Das funktioniere nicht. Es gebe keine ausreichenden Flächen direkt am Hof, sagt der Landwirt. Es führt direkt eine Bahnstrecke vorbei, davor liegt eine Straße, unweit rauschen die Autos auf der A9 vorbei. „Der Verkehr hier ist das größte Problem.“
Kritik an starren Regeln wächst
Küfner ist kein Einzelfall. Vor allem in Süddeutschland fehle der verlangte Weidezugang, heißt es bei der eigens gegründeten Interessengemeinschaft „Kein Zwang zur Weide“. Die Flächen vieler Betriebe in Bayern oder Baden-Württemberg seien zu weit weg von der Hofstelle, die Ställe lägen oft direkt in Ortschaften. Müssen sie bald aufgeben?
Nach Angaben des Deutschen Bauernverbandes haben bereits im Vorjahr Ökobetriebe wegen der Vorgabe die Produktion von Biomilch eingestellt - etwa acht Prozent. Manche Betriebe hoffen demnach noch auf eine regional angepasste Lösung. Aber das Bild sei eindeutig, betont ein Sprecher: „Die überzogen starre Auslegung der Weidepflicht hat zu einem messbaren Verlust an Ökobetrieben geführt.“
Politik sucht nach Lösungen
Henrik Wendorff, Ökobeauftragter des Verbandes, sagt: „Bleiben die Vorgaben so starr wie bisher, verharrt die Entwicklung in der ökologischen Milchviehhaltung bei einem Anteil im einstelligen Prozentbereich zum gesamten Milchviehbestand. Politisch fixierte Ziele mit einem Anteil von 25 oder gar 30 Prozent werden somit unerreichbar.“
Aus dem Bundeslandwirtschaftsministerium heißt es: „Es kann und darf nicht sein, dass Höfe, die seit Jahren verantwortungsvoll und ökologisch wirtschaften und sich um Lösungen für ihre Tiere bemühen, am Ende gezwungen sind, aus der Ökoerzeugung auszusteigen.“ Es bedürfe „praxisnaher und fairer Lösungen, damit Ökoerzeugung in ganz Deutschland möglich bleibt – für kleine wie große Höfe, im Dorfkern wie im Außenbereich“, teilt ein Sprecher mit.
Sorge vor deutlichem Rückgang
Man stehe mit der Europäischen Kommission im intensiven Austausch. Die Kommission wolle in Kürze im Fragenkatalog zum Öko-Landbau eine Klarstellung veröffentlichen.
Der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter befürchtet, dass bei Durchsetzung der strengen Regelung allein in Bayern die Biomilch-Menge um 20 Prozent zurückgehen wird. Man benötige eine Flexibilisierung, fordert Manfred Gilch aus dem Bundesvorstand. „Auch wir plädieren für die Weide - da, wo es möglich ist.“
Existenzfragen für Betriebe
Alternativen wären, dass nur eine Tiergruppe auf der Weide steht, die anderen Zugang zu einem Freigelände haben. Tierwohl bedeute, dass das Tier selbst entscheide, ob es jeweils Außen- oder Stallklima brauche. „Gerade im Sommer erleben wir, dass die Tiere oft den kühleren Stall bevorzugen.“ Immerhin: Der Verband findet, es tut sich was; bei dem Thema sei „viel in der Schwebe“.
„Wir müssen die Menschen ernähren können“, sagt Jens Keim von der Interessengemeinschaft. Es gehe für etliche Familienbetriebe um die Existenz. „Es wäre fatal, wenn wir hier nicht eine Lösung hinbekämen.“
Streit um den Bio-Grundgedanken
Thomas Lang, Vorstand Landwirtschaft beim Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft, betont, dass „Bio und Weidehaltung“ zusammengehören. In vielen Regionen seien Öko-Landwirtinnen und -Landwirte die Ersten gewesen, die ihre Kühe konsequent weiden ließen. Der Verband fordert „Flexibilität“ und auch Planungssicherheit für die Betriebe.
Landwirte wie Küfner wollen dagegen zeigen, dass es den Kühen auch im modernen Stall gut geht. „Die Tiere können sich frei bewegen“, erklärt Küfner. Sie bekämen Sonne und Regen ab, genau wie auf der Weide. Jedes Rind habe einen Fress- und Liegeplatz, von Frühjahr bis Herbst gebe es frisch gemähtes Gras.
Der Bio-Gedanke bedeute seit Jahrzehnten: kein Mineraldünger, kein Pflanzenschutz, mehr Platz für die Tiere. All das werde umgesetzt, sagt Küfner. „Und das ist auch bei Verbrauchern der Grundgedanke von Bio.“ (dpa)
Kommentare (0)
Es sind noch keine Kommentare vorhanden!