Wirtschaft

Beim Stadtwerk Haßfurt wandelt ein Elektrolyseur überschüssigen Windstrom in Wasserstoff um. Projektleiter Alexander Derra ließt gerade die aktuelle Produktion ab. Etwa 150 000 Kilowattstunden Wasserstoff ist bis Ende 2016 produziert worden. (Foto: Wraneschitz)

03.03.2017

Vernetzte Energieflüsse

Stadtwerk Haßfurt macht gemeinsame Sache mit Greenpeace

Nicht nur große Energieversorger engagieren sich für erneuerbare Energien und neue Energietechnik. Ein Beispiel aus Unterfranken: Die Stadtwerk Haßfurt GmbH arbeitet an dem Ziel, die Energieflüsse zu vernetzen. Ein Elektrolyseur von Siemens hilft dabei. Am Anfang war der Windpark. Seit Ende 2015 produzieren die zehn Windräder des Bürgerwindparks im Sailershäuser Wald in Unterfranken Windstrom. Die „Städtische Betriebe Haßfurt GmbH“, die Muttergesellschaft des Stadtwerks, sind daran zu einem Achtel beteiligt. Sie bieten sogar an, dass Bürger dort selbst investieren: Die Mindestbeteiligung liegt bei 500 Euro, ist also für fast jeden erschwinglich. Danach kam die Idee mit dem Elektrolyseur. Der soll nun gerade dann Strom in Wasserstoff umwandeln, wenn die Windräder mehr erzeugen, als im Netz des Stadtwerks Haßfurt in dem Moment verbraucht wird. Klar, beim Kauf dieses Stroms vom Windpark fallen Abgaben an, doch die Durchleitungskosten entfallen wegen des Stadtwerk-eigenen Mittelspannungsnetzes.

Wasserstoffproduktion schnell hochgefahren

Der Elektrolyseur, aufgebaut in einer Halle am Haßfurter Hafen, laufe grundsätzlich mit zehn Prozent seiner 1250 Kilowatt Nennlast durch, erläutert Projektingenieur Alexander Derra. Doch sei mehr Strom da, werde die Wasserstoffproduktion schnell hochgefahren. Das sei besser, als den Überschuss aus den Windgeneratoren abzuregeln. Wie bekannt, ist es in weiten Bereichen Ost- und Norddeutschlands üblich, die Leistung von Windrädern herunterzufahren. Und zwar dann, wenn der Strom vor Ort nicht abgenommen werden kann, aber auch die Leitungskapazität nicht ausreicht, um ihn in die Ferne – zum Beispiel nach Bayern – zu leiten. Den Wind-Betreibern wird die nicht erzeugte Energie trotzdem vergütet. Und die Allgemeinheit zahlt das über die so genannte EEG-Umlage. Während die Bundesregierung plant, durch den Ausbau der Übertragungsnetze die Transportkapazität zu erhöhen, hat die in Hamburg ansässige Greenpeace Energy e. G. (GPE) einen völlig anderen Lösungsansatz dafür: „Windgas“ heißt der, bedeutet die Umwandlung von Überschussstrom in Wasserstoff, das wiederum bis zu etwa zehn Prozent dem normalen Erdgas beigefügt werden kann. Für seinen Tarif „Pro Windgas“ hat der Ökoenergieversorger bereits knapp 15 000 Kunden gewonnen. Die sind bereit, etwas mehr als üblich für ihre Erdgas-Wasserstoff-Energie zu bezahlen.
Der Elektrolyseur des Stadtwerks Haßfurt ist die zweite Anlage, mit der GPE hierfür kooperiert. Die Unterfranken hatten mit den Hamburgern bereits Geschäftsbeziehungen über Grünstrom, ist zu erfahren. Seit Oktober 2016 arbeiten die beiden nun also auch bei der „Windgas“-Produktion zusammen. „Der neuartige Elektrolyseur von Siemens aus Erlangen läuft seit der Inbetriebnahme ohne Probleme“, berichtet Derra. Etwa 150 000 Kilowattstunden Wasserstoff sei bis Ende 2016 produziert worden. Der Wirkungsgrad dabei: 60 Prozent. Abnehmer ist zum einen die Mälzerei Weyermann in der Nachbarschaft: Die produziert mit Hilfe eines Blockheizkraftwerks (BHKW) die Wärme für das Mälzen des Getreides; dem Erdgas dafür wird zehn Prozent Wasserstoff beigemischt. Die Mälzer ihrerseits werben mit dieser Ökoenergie. Der restliche Wasserstoff wird dem öffentlichen Haßfurter Gasnetz als maximal Fünf-Prozent-Anteil zugeführt.
Das Stadtwerk Haßfurt hat aber noch einen zweiten Nutzungsweg für ihren Elektrolyseur ausge-macht: Er soll zur Stromnetzstabilisierung eingesetzt werden, als sogenannte Regelleistung. Partner dabei: die Next-Kraftwerke. Die Zulassung dafür in der Regelzone des Übertragungsnetzbetreibers Tennet dauere zwar noch. „Aber die Prequalifizierung haben wir bereits bestanden“, heißt es. Alexander Derra ist noch nicht so lange dabei wie sein Kollege Markus Eichhorn. Die Zwei sind für die neuen Energiekonzepte beim Stadtwerk zuständig. Von ihren Schreibtischen oder Mobil-telefonen aus haben sie Tag und Nacht direkten Zugriff auf die Daten des Elektrolyseurs am Hafen: Die Reinheit des Wassers – es muss völlig entsalzt sein (Qualitätskürzel „VE“), bevor es in Wasserstoff und Sauerstoff aufgespalten werden kann – spielt dabei eine wichtige Rolle. Genauso wie der Druck des Wasserstoffs nach der Elektrolyse (etwa 35 bar); dessen Produktionsmenge; verschiedensten Parametereinstellungen am Elektrolyseur, Typ Skid „Silyzer 200“, einem von fünfen weltweit; die Temperaturen im System, die Füllstände der Speicher. Den Windpark haben sie dabei genauso im Blick wie die Biogasanlage der Agrokraft Haßfurt GmbH & Co. KG; auch daran ist das Stadtwerk beteiligt. Sogar als Solarplaner sind sie tätig, zum Beispiel, wenn es um Miet-Solarprojekte geht. Auch an einer dritten Wasserstoff-Idee sind sie dran: Das Stadtwerk plant, in einem neuen Wohngebiet ein BHKW aufzustellen. Das wird ausschließlich mit Wasserstoff vom eigenen Elektrolyseur betrieben und könnte die Grundlast für die Wärmeversorgung sicherstellen. Die Stadtwerk Haßfurt GmbH beweist, dass auch „kleine“ Akteure der Energiewende große Ziele haben können. Die „Vernetzung der Energieflüsse“ plant man hier. Die Umsetzung scheint nicht unrealistisch, wenn man die beteiligten Mitarbeiter erlebt. Und wenn wie hier Politik und Werkleitung sich dazu bekennen. (Heinz Wraneschitz)

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