Wirtschaft

Wenn es nach dem Gesetzgeber geht, dürfte der Ableser bald passé sein. (Foto: Bilderbox)

20.02.2020

Werden fernablesbare Funkzähler Zwang?

Wie das geplante Gebäude-Energiegesetz in Deutschland Grundrechte kassieren und die Gesundheit gefährden wird

Freiheitsliebenden Inhabern von Eigentums- oder Mietwoh­nungen kann kaum ge­fallen, was derzeit in Ausschüssen von Bundes­tag und Bundesrat beraten wird. Es geht um das bis An­fang April zu beschließende und im Herbst in Kraft tretende Gebäude­energiegesetz (GEG): Die Bundesregierung plant im Zuge nationaler Um­setzung einer EU-Richt­linie (EED) zwecks „Verein­heit­lichung des Energie­ein­spar­rechts für Ge­bäude“ smarte Zähler-Vorschriften zwecks Fernauslesbarkeit per Funk bei Wasser und Heizkostenverteilern. Damit dringt Mobilfunk immer stärker auch in privateste Räume vor – aus baubiologischer Sicht bedenklich.

Dem GEG-Entwurf zufolge sind Heizkosten-Verteilzähler an ungefähr allen Heizkörpern oder gegebenenfalls Wärmemengenzähler für die Fuß­bodenheizung in Miet- und Eigen­tums­wohnungen vorgesehen, sofern nicht Gründe der Rentabilität dagegen sprechen. Hinzu kämen Kalt- und Warmwasserzähler in Küche und Bad. So dürften in einem mitt­leren Mehrfamilienhaus mit beispielsweise sechs Par­teien künf­tig Dut­zende zusätz­liche digita­le Zähler nebeneinander im Takt von wenigen Sekun­den gepulst fun­ken – aktiv oder im Standby-Modus. In einer 2-Zimmerwohnung kämen in der Regel vier Was­ser­zähler zum Funkein­satz – und im Keller obendrein Hauskalt­wasser­zäh­ler sowie smarte Strom­zähler. All dies würde sich zur oft schon vorhandenen Strah­lung von Funktele­fonen und W-Lan-Geräten aufaddieren.

Viele Menschen ignorieren diese Strahlung pauschal, solange sie davon keine bewussten körperlichen Beschwerden bekommen und sich auch nicht mit der internationalen Wis­sen­schaftsdiskussion befassen. Doch derzeit nimmt die Zahl der Be­sorgten zu – insbe­son­dere mit Blick auf den neuen Mobilfunk-Standard 5G, vor dessen gesundheitlichem Schä­digungspotential sogar die SWISS RE als einer der weltgrößten Rückversicherer warnt. In etlichen Ländern beginnt man inzwischen die Krebswarnungen ernster zu neh­men, die sich laut neueren Großstudien mit der umstrittenen Strahlung verbinden, von industrie­nahen Stimmen allerdings allzu gern bagatellisiert werden.

Bundesamt für Strahlenschutz warnt

Dabei warnt das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) durchaus: „Personen in der Nähe von drahtlos kommunizierenden Smart Metern sind den elektromagnetischen Feldern der Geräte ausgesetzt und absorbieren einen Teil der ausgesendeten Strahlungsleistung.“ Beruhigend wird aber ergänzt, die funkenden Zähler seien ja in der Regel im Keller installiert, so dass ein großer Abstand zwischen Sender und Personen bestehe: „Mit dem Abstand zum Sender nehmen die Feldstärken schnell ab.“ Doch zum einen trifft dies gerade auf Elektrosensible nicht zu, die teilweise vor der Strahlung zum Schlafen in ihre Keller fliehen. Vor allem aber zieht dieses BfS-Argument bei funkenden Wärmekosten-Verteilzählern in keinster Weise: Sie befinden sich ja direkt in den Wohn- und Schlaf­zimmern!

Dem Freiburger Umweltmediziner Joachim Mutter zufolge hatten manche seiner Patien­ten nach dem Einbau neuer Heizungsmesszähler auf Funkbasis „vielerlei Beschwerden und Krank­hei­ten erworben“ – selbst wenn sie nicht wussten, dass sich neue Strah­len­quellen installiert wurden! Es handelt sich – so Dr. Mutter – um das „Spektrum des Mik­rowel-lensyndroms: Schlaflosigkeit, Kopf- und Körperschmerzen, Herzpalpitation, Blut­druckkrisen, Schwin­del, Müdigkeit, Gedächtnisschwäche, Augenbrennen, Hautbrennen, Tinni-tus, Depressio­nen etc. Diese wurden erst besser, nachdem die Fachfirma die elek­tronischen Wär­me­zähler demontiert und dafür wieder die alten Messröhrchen an den Heizkörpern an­ge­bracht hatte.“

Wissenschaftliche Befunde werden übersehen

Namentlich für Elektrohypersensible, die ihre Wohnungen bislang möglichst funkfrei ge­halten haben, tut sich künftig eine unmenschliche Strahlen-Zumutung auf. Die verbrei­tete, auch behördlich gängige Meinung, es handelte sich bei ihnen nur um psychisch Ge­störte, übersieht wissen­schaftliche Befunde und Erklärungsmodelle, denen zufolge Mobil­funk-Strahlung keineswegs bloß Wärmewirkungen, sondern auch biologische Effekte zeitigen kann. Darüber informieren neben der Verbraucher­orga­ni­sation Diagno­se:Funk das Buch „Elektrosensibel“ der Ärztinnen Christine Ascher­mann und Cornelia Waldmann-Selsam sowie die Broschüre „Elektrohypersensibilität“ der Kom­petenz­initia­tive e. V.

Von daher gilt es gegen die Ignoranz hin­sicht­lich biolo­gischer und gesundheitlicher Aus­wirkungen im jetzt debattierten Gesetzes­ent­wurf scharf zu protestieren. Es ist an der Zeit, die ökologische Wende so zu gestalten, dass sie tatsächlich um­weltfreundlich ausfällt – und darum auch human gegenüber elektrosensiblen Mitmenschen. Hier geht es um die Einhaltung von Grund- und Men­schenrechten, die auch das Recht auf die Unver­letz­lich­keit der eigenen Wohnung um­fassen. „Ein wirtschaftliches Interesse darf nicht mehr zäh­len als das Interesse der Men­schen, körperlich unversehrt zu bleiben“, hat Pro­fessor Armin Grun­wald als Leiter des Büros für Technikfolgenabschätzung beim Deut­schen Bun­destag in einem Interview unterstrichen. Zu erinnern ist in diesem Sinn an das Wort von Kanzlerin Angela Merkel in ihrer Neujahransprache: „Auch im digitalen Zeitalter hat die Technik dem Menschen zu dienen – und nicht umgekehrt. Die Würde des Menschen setzt die Grenzen, denn sie ist unantastbar.“

Gesetzentwurf erweitern

Die Politik ist deshalb aufge­fordert, den bis­herigen nationalen GEG-Entwurf zu erweitern um das Recht zum Widerspruch im Interesse persönlichen Daten- und Strahlen­schutzes. Dies umso mehr, als das GEG auch der Europäischen Datenschutz-Grund­verordnung zu­wider­läuft, die auf Datensparsamkeit zielt statt auf Datenmulti­plikation. Dass die Grund­rechte von Europäern im Zuge der Digitalisierung gewahrt blei­ben müssen, ent­spricht auch einer aktuellen Forderung der EU-Kommission. Der anvi­sierte Smartmeter-Wahn­ darf folglich keinesfalls in der bislang diskutierten Form Gesetz werden.

Angesichts der wissenschaftlich offenen Diskussion um das biologische Schä­di­gungs­po­tential beim mobilen Funken und ohne angemessene Technikfolgenabschätzung wäre es ein unverantwortlicher Irr­weg, Funkmess­technik in der Wohnungswirtschaft zur gleich­sam abso­luten Pflicht zu erheben. Das riecht nach totalitär orientierten Maßnah­men. Dass allein wirtschaftliche Aspekte gemäß der EU-Richtlinie hier eine Ausnahme begründen sollen, ist ein unglaublicher Vorgang. Im Übrigen geht der Vor­wand, dass fernablesbare Funk­technik nötig sei, um Energieeinsparungen zu ermöglichen, am Schä­di­gungspo­ten­tial der Strahlung fürs Klima vorbei: Wieviel Energie wird künftig ver­braucht und in der Luft freigesetzt, wenn immer mehr Dinge funken sollen?

Die IT-Expertin Yvonne Hofstetter warnt mit Recht in ihrem neuesten Buch „Der un­sichtbare Krieg“: „Denn auch die nie da gewesenen technischen Möglichkeiten der digi­talen Transformation entfalten eine explosive, ordnungszersetzende Kraft.“ Ob in der öffent­­lichen Anhörung im Bun­destag zum GEG am 4. März mit Live-Übertragung im Netz ab 11.30 Uhr noch ethisch nachdenklichere Stimmen als bisher hörbar werden?
(Werner Thiede)

Der Autor
Dr. Werner Thiede ist außerplanmäßiger Professor für Systematische Theologie (Dogmatik/Ethik) an der Universität Erlangen-Nürnberg, Pfarrer i.R. und Publizist (www.werner-thiede.de).

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