Wirtschaft

Zwei Windräder stehen vor Sonnenaufgang über dem im Morgennebel liegenden Alpenvorland. Der Ausbau der Windenenergie in Bayern macht auch nach dem Kurswechsel der Staatsregierung keine wesentlichen Fortschritte. (Foto: dpa/Hildenbrand)

05.02.2024

Windkraft-Ausbau kommt in Bayern weiter kaum voran

Vor zehn Jahren begann der damalige Ministerpräsident Seehofer, den Bau von Windrädern und Stromtrassen in Bayern zu bremsen. Die Folgen wirken bis heute nach, obwohl die Regierung den Kurswechsel vollzogen hat

Der Ausbau der Windenenergie in Bayern macht auch nach dem Kurswechsel der Staatsregierung keine wesentlichen Fortschritte. Im vergangenen Jahr gingen im Freistaat sieben neue Windkraftanlagen in Betrieb. 45 wurden beantragt. Das geht aus einer Antwort des Bauministeriums auf eine Landtagsanfrage der Grünen hervor. Damit liegt Bayern weiter hinter den Ausbauzahlen der ersten Phase der Energiewende bis 2014 zurück.

"Der Ausbau der Windkraft in Bayern ist weiterhin ein Totalausfall", kritisiert Martin Stümpfig, Energiefachmann der Grünen-Landtagsfraktion. Das Wirtschaftsministerium bewertet die Entwicklung nach Angaben eines Sprechers "sehr positiv" - 2022 waren es nur 18 neue Anträge gewesen. Das Ministerium ist demnach zuversichtlich, das Ziel von 1000 neuen Windrädern bis 2030 zu erreichen.

10H-Regel im November 2014 beschlossen

2014 waren in Bayern 220 neue Windkraftanlagen beantragt worden. 161 gingen in Betrieb. In jenem Jahr begann der damalige Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU), trotz großer Bedenken und Einwände aus der bayerischen Wirtschaft und der Opposition, den Bau von Windrädern und Stromtrassen zu bremsen.

Im November 2014 verabschiedete die damalige absolute CSU-Mehrheit im Landtag dann die 10H-Regel. Diese schrieb vor, dass der Abstand eines Windrads zu Wohnbebauung das Zehnfache der Bauhöhe betragen sollte: bei 200 Meter Rotorhöhe also zwei Kilometer Abstand. In der Folge kam der Ausbau der Windenergie in Bayern nahezu zum Erliegen. Im November 2022 schaffte die Staatsregierung unter Seehofers Nachfolger Markus Söder die Regel wieder ab.

Im Zuge des Atomausstieges sank die bayerische Stromerzeugung 2023 nach vorläufiger Schätzung des Branchenverbandes VBEW auf den niedrigsten Wert seit den späten 80er Jahren. Im Vergleich zum Höchststand 2012 wurde fast ein Drittel weniger Strom erzeugt.

Es bräuchte eigentlich zwei neue Windräder pro Woche

Um das von Söder verkündete Ziel der Klimaneutralität Bayerns bis 2040 zu erreichen, müsste der Ausbau der erneuerbaren Energien laut einem Gutachten für den VBEW wesentlich schneller fortschreiten: Woche für Woche wären demnach neue Freiflächen-Solaranlagen mit einer Gesamtfläche von jeweils mindestens 50 Fußballfeldern notwendig, außerdem 2800 Dach-Solaranlagen mit einer Leistung von je 10 Kilowatt und - auch dies wöchentlich - zwei neue Windräder mit einer Leistung von jeweils 5,5 Megawatt.

Nach Daten der Bundesnetzagentur lag Bayern im vergangenen Jahr zwar beim Bau neuer Solaranlagen bundesweit an der Spitze, doch das Gesamtbild ist nach Einschätzung der Kritiker weit weniger erfreulich: Gemessen am hohen Stromverbrauch werde in Bayern nach wie vor viel zu wenig erneuerbarer Strom produziert, kritisiert der Augsburger Energieexperte Raimund Kamm, ein langjähriger Verfechter der Windenergie. Bayern liege nicht an der Spitze, sondern im Ländervergleich nur im Mittelfeld.

Es wäre genug Platz

"Bayern ist von der Natur mit erneuerbaren Energien gesegnet und hat eine unterdurchschnittliche Bevölkerungsdichte, also viel Platz", sagt Kamm. Er verweist auf den Standortvorteil der Wasserkraft sowie die im Vergleich zu anderen Bundesländern etwas höhere Sonnenscheindauer. Von den natürlichen Gegebenheiten her könnten in Bayern nach Kamms Einschätzung fast zehn Prozent der Landesfläche für Windenergie genutzt werden.

So viele Windräder will weder die Staatsregierung bauen lassen noch die Bundesregierung Bayern vorschreiben. Doch die Staatsregierung ist nach Einschätzung Kamms und Stümpfigs auch von ihren selbst gesetzten Ausbauzielen weit entfernt. "Bayern hat unter den Flächenstaaten die rote Laterne beim Vergleich der Zahlen der Nutzung der Windenergie", sagt Kamm. Gemessen an der Landesfläche stehe in Schleswig-Holstein eine Windkraftanlage auf fünf Quadratkilometer, in Bayern nur alle 61 Quadratkilometer. "In Schleswig-Holstein ist die Windkraftanlagen-Dichte zwölfmal so hoch wie in Bayern. Und das bei gleicher Einwohnerdichte."

Grüner Stümpfig: Wirtschaftsstandort gefährdet

Das Wirtschaftsministerium will den Ausbau beschleunigen, doch Widerstände in der Bevölkerung gibt es nach wie vor. Zuletzt lehnte eine Mehrheit der Bürger in Mehring im Landkreis Altötting einen neuen Windpark per Bürgerentscheid ab. Nicht nur Oppositionspolitiker, sondern auch manche Vertreter der bayerischen Wirtschaft sehen Nachwirkungen der Vergangenheit: Über Jahre hätten nicht wenige CSU-Mandatsträger - inklusive Seehofer und Söder - der Bevölkerung vermittelt, dass die Windkraft für Bayern von keiner großen Bedeutung sei.

Der Grünen-Politiker Stümpfig wirft der Staatsregierung vor, weiter auf der Bremse zu stehen. So weigere sich Söder, bei der Flächenausweisung für neue Windanlagen durch die regionalen Planungsverbände Tempo zu machen. "Die Flaute bei der Windkraft in Bayern wird also noch lange andauern und gefährdet zunehmend den Wirtschaftsstandort Bayern."

Das Wirtschaftsministerium betont, dass auch die Verwaltung beim Ausbau der erneuerbaren Energien schneller voranschreiten soll. Zur Beschleunigung hat die Regierung demnach 100 zusätzliche Stellen geschaffen. Die "Windkümmerer" genannten Berater haben demnach Planungen und Initiativen für rund 500 Windräder angestoßen.

Angesichts der langen Genehmigungsverfahren bedarf es laut Ministerium jedoch "noch etwas Zeit, bis deutlich erhöhte Genehmigungszahlen sichtbar werden und sich diese im deutlich erhöhten Anlagenzubau widerspiegeln werden". Die Bürger sollen mit der Informationskampagne "Bayern macht Wind" überzeugt werden. (Carsten Hoefer, dpa)

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