Wirtschaft

Windkraftanlagen im Wald sind eine Lösung. (Foto: dpa/Philipp von Ditfurth)

10.09.2021

"Wir fordern 2 Prozent der Landesfläche"

Bernd Wust, Sprecher des Landesvorstands Bayern des Bundesverbands Windenergie, über den Windkraftausbau, die 10H-Regelung und Windkraftanlagen im Wald

Ohne beschleunigten Ausbau der Windenergie sind die deutschen Klimaziele zum Scheitern verurteilt. Doch genau daran hapert es aus Sicht der Windkraftindustrie und der IG Metall. Gerade in Bayern bremst die umstrittene 10H-Regelung den Ausbau zusätzlich.

BSZ: Herr Wust, die 10H-Regel wird in Bayern nicht abgeschafft. Womit rechnen Sie nach der Bundestagswahl?
Bernd Wust: Die Entwicklung im Bund ist natürlich abhängig vom Wahlausgang. Fest steht aber, dass die 10H-Regelung deutlich geändert werden muss, sonst verpassen wir den Anschluss beim Klimaschutz endgültig und gefährden die Versorgung Bayerns mit günstigem Strom. Nahezu alle demokratischen Parteien fordern deswegen zu Recht einen weiteren Ausbau der Windenergie. Zuletzt hat auch die CDU eine Ausweisung von 2 Prozent der Landesfläche für Windenergie vorgeschlagen.

BSZ: Würde das zu niedrigeren Strompreisen führen?
Wust: Die Industrie verlangt dringend nach günstigem Strom, die Energieverbände unterstützen dies, zuletzt deutlich der Verband der Bayerischen Energie- und Wasserwirtschaft – VBEW. Die jüngst zeitweise stark gestiegenen Börsenstrompreise hätten durch mehr Windstrom gedämpft werden können. Die vom Ministerpräsidenten angekündigten Änderungen bei 10H genügen dafür beileibe nicht. In den Regionalplänen müssen deutlich mehr Flächen für Windenergie ausgewiesen werden, die dann auch von 10H ausgenommen sein müssen.

BSZ: Wie viele neue Windräder sind im Freistaat seit Einführung von 10H in Betrieb genommen worden?
Wust: Seit Einführung von 10H Ende 2014 gingen circa 400 neue Windenergieanlagen ans Netz. Dabei entfällt der allergrößte Teil – circa 370 Windenergieanlagen – auf die Jahre 2015 bis 2017. Dahinter stecken – bis auf wenige Ausnahmen – Genehmigungsverfahren, bei denen 10H noch nicht zur Anwendung kam. Ab 2018 war dann die negative Wirkung von 10H bei den Inbetriebnahmen ganz deutlich zu sehen.

BSZ: Das heißt?
Wust: Seitdem sind – bis Stand heute – insgesamt nur noch knapp 30 Windenergieanlagen in Betrieb gegangen, also deutlich unter zehn Windenergieanlagen pro Jahr. Die Entwicklung bei den Genehmigungsanträgen seit der Einführung von 10H lässt noch einen weiteren Rückgang erwarten. Wurden laut bayerischem Wirtschaftsministerium in 2014 noch 400 Genehmigungsanträge gestellt, sank deren Anzahl nach der Einführung von 10H dramatisch; bereits in 2017 gingen nur noch acht Genehmigungsanträge ein, in 2020 waren es nur noch drei Anträge, in 2021 wurde bisher kein einziger Genehmigungsantrag eingereicht.

BSZ: Wie viele neue Windräder in Bayern sind in Planung?
Wust: Konkret in Planung, sprich im Genehmigungsverfahren, sind laut Wirtschaftsministerium in Bayern aktuell nur 20 Windenergieanlagen. Hier ist ohne Anpassung von 10H keine Besserung in Sicht. Das Interesse der bayerischen Kommunen ist in letzter Zeit zwar wieder deutlich gestiegen. Die wegen 10H notwendigen Bebauungspläne erschweren die Situation jedoch zusätzlich und lassen viele Gemeinden bereits im Anfangsstadium aufgeben.

BSZ: Wie steht es um Repowering, also die Ertüchtigung alter Anlagen beziehungsweise den Ersatz alter durch neue Anlagen? Greift da auch 10H?
Wust: In Bayern stehen in den nächsten zehn Jahren, also bis 2030, circa 400 Anlagen mit einer Gesamtleistung von circa 500 Megawatt zum Repowering an. Dies entspricht lediglich circa 20 Prozent der in Bayern aktuell installierten Gesamtleistung von circa 2,5 Gigawatt. In den neuen Genehmigungsverfahren greift auch 10H. Eine Ausnahme wäre deswegen hilfreich, allerdings darf man sich nicht der Illusion hingeben, damit die Probleme zu lösen.

BSZ: Warum?
Wust: Da der Anlagenbestand in Bayern vergleichsweise jung ist, ist das Repowering-Potenzial viel geringer als in anderen Bundesländern wie zum Beispiel Niedersachsen oder Brandenburg. Und nicht jeder Standort eignet sich für moderne Anlagen, circa 75 Prozent der oben genannten 400 Anlagen hat einen Abstand von zum Teil deutlich unter einem Kilometer zur nächsten Wohnbebauung.

BSZ: Bringen die von Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger propagierten Waldwindkraft-Standorte die Lösung für die Stromlücke?
Wust: Grundsätzlich eignen sich Waldstandorte bei modernen Windenergieanlagen aufgrund ihrer Gesamthöhe (200 Meter und mehr) sehr gut. Allerdings sehen wir von den propagierten Standorten bislang nur wenig. Da die Staatsregierung auch nur die Staatswälder in den Blick nimmt, ist das Potenzial dieser Standorte bei Weitem nicht ausreichend, um zusammen mit den anderen Erneuerbaren, insbesondere der Photovoltaik, die in Bayern immer größer werdende Lücke zwischen Stromerzeugung und Stromverbrauch auch nur annähernd zu schließen. Wir halten auch die Fixierung auf nur Staatswälder für viel zu kurz gegriffen. Sowohl dem Wind wie auch den Anwohnern ist es egal, ob die Bäume um das Windrad dem Staat gehören oder nicht. Viel wichtiger wäre eine klare Flächenvorgabe für die Regionalplanung.

BSZ: Und die wäre?
Wust: Wir fordern 2 Prozent der Landesfläche für Windenergie und eine strukturierte Auswahl der Flächen in transparenten Verfahren – übrigens auch unter Einbeziehung der Netzbetreiber. Wir sollten die besten Standorte auswählen, und nicht danach bewerten, ob sie dem Freistaat gehören.
(Interview: Ralph Schweinfurth)

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