Wissenschaft

Zwei Erstsemestlerinnen besuchen eine Vorlesung im Hörsaal: MINT-Fächer sind bei weiblichen Studierenden wenig beliebt – sie bevorzugen sogenannte weiche Studiengänge. Foto: Foto: dpa/Fredrik von Erichsen

28.03.2022

Beim falschen Studiengang hilft auch keine Quote

Warum der Frauenanteil in der Führung börsennotierter Unternehmen so gering ist – besonders in Bayern

Die politisch Verantwortlichen sowie die Interessenverbände der Wirtschaft in Deutschland und auch im Freistaat tun durchaus eine Menge, um den noch immer deutlich unterrepräsentierten Anteil von Frauen in Führungspositionen der Wirtschaft zu steigern; mehr geht natürlich immer. Aber gerade hat die Bundesrepublik eine entsprechende Richtlinie der EU ratifiziert, seit fünf Jahren gibt es eine Frauenquote für die Aufsichtsräte in börsennotierten Unternehmen.

Die Frage ist nur, ob man damit das gewünschte Ziel tatsächlich erreichen wird. Ein Großteil besagter börsennotierter Firmen sind nämlich Industriebetriebe. Und wer dort zur Führung gehören will, muss eben auch über die nötige fachliche Qualifikation verfügen – also bestenfalls einen Abschluss in einem sogenannten MINT-Studienfach: Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. Salopp gesagt: Zum Beispiel in der Automobilbranche – dem noch immer wichtigsten Industriezweig hierzulande – ist der studierte Ingenieur weiterhin und zu Recht das Maß der Dinge.

Doch eben diesen Studiengängen verweigern sich deutsche Frauen trotz zahlreicher dafür webender Initiativen noch immer überproportional, wie gerade die Schweizer Wirtschaftssoziologinnen Margit Osterloh, Louisa Hizli und Annina Mösching in einer detailliert für alle Länder Europas aufgeschlüsselten Studie festgestellt haben. Bundesweit beträgt der Anteil von Frauen in den MINT-Studienfächern demnach gerade mal 29 Prozent.

Er wäre sogar noch deutlich geringer – in Bayern weniger als ein Viertel –ohne die überproportional vielen Studienanfängerinnen aus den Ost-Ländern. Dort scheint noch immer das Berufsverständnis ihrer Mütter und Omas aus der ehemaligen DDR nachzuwirken, wo weibliche Technikaffinität auf dem Arbeitsmarkt viel ausgeprägter war. Die Schweizer Forscherinnen sprechen von einem sogenannten Gender-Equality-Paradox: Je geringer die wirtschaftliche Not, desto niedriger der Anteil von Frauen in MINT-Fächern. In Ostdeutschland ist der Wohlstand noch immer spürbar niedriger, die Arbeitslosigkeit noch immer höher. Und wo in der Bundesrepublik leben die im Schnitt wohlhabendsten Menschen? Genau: in Bayern.

 

Im Osten traditionelle Rollenbilder ausgeprägter - und trotzdem mehr Ingenieurinnen


Den EU-weit höchsten Anteil weiblicher Studierender in MINT-Fächern gibt es nach ihren Berechnungen übrigens in Ost- und Südosteuropa – also dort, wo die wirtschaftliche Situation vergleichsweise am unfreundlichsten und die soziale Absicherung am niedrigsten ist. Dass sei auch deshalb bemerkenswert, weil in Ost- und Südosteuropa traditionelle Rollenbilder der Geschlechter noch viel präsenter seien als im Westen und die Gleichberechtigung von Frau und Mann weniger ausgeprägt.

In Deutschland dagegen, so die Wirtschaftssoziologinnen, führten der allgemeine Wohlstand und der ausgebaute Sozialstaat dazu, dass sich Studentinnen entspannter den sogenannten weichen Studienfächern widmen können – vor allem aus den Geisteswissenschaften. Weil – und diese Schlussfolgerung der drei Schweizer Forscherinnen mag altgediente Kämpferinnen für die weibliche Emanzipation innerlich auf die Barrikaden bringen – die jungen Frauen sich relativ sicher seien, auch mit einem nicht eben für Industriefirmen adäquaten Studienfach später einen dort tätigen und entsprechend gut verdienenden männlichen Partner zu finden und einen angenehmen Lebensstil zu erreichen.

Dass bei der Besetzung für den Aufsichtsrat dann jemand mit einem MINT-Examen Vorrang genießt vor einer Kunsthistorikerin oder Kulturwissenschaftlerin - dass freilich lässt sich den börsennotierten Industriefirmen schwerlich vorwerfen. (André Paul)

 

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