Nach dem Betreten dieses Gotteshauses richten sich die Blicke nicht zum Chor oder den Altären, von denen es gleich elf gibt. Auch Kanzel, Orgel oder die Fenster sind es nicht, die das erste Interesse erregen. Nein, hier schnellt der Kopf schon nach ein, zwei Schritten in den Nacken – förmlich angezogen von einer Decke und ihrer einzigartigen Gestaltung, dem so genannten Himmelsgarten.
In der ehemaligen Abteikirche St. Michael, die weithin sichtbar auf einem der sieben Hügel Bambergs liegt und mit der Altstadt zum Weltkulturerbe gehört, befindet sich seit 1617 ein Herbarium an der Decke. Nicht weniger als 585 einzelne Blumen und Pflanzen wurden gezählt. Der kundige Blick entdeckt Heil-, Nutz- und Zierpflanzen, von der Ackerrose bis zum Zungen-Mäusedorn. Auch exotische Gewächse wie Ananas, Pfeffer und Tabak lassen sich ausmachen – von den meisten allerdings nur mit Hilfe einer Erklärungstafel, die im Gotteshaus ausliegt.
Niemand wurde verletzt
Einige „herumschwirrende“ Papageien sorgen für Abwechslung im üppigen Pflanzengarten. 95 Prozent der Abbildungen konnten exakt identifiziert werden. Wer nun fragt, was man nach vier Jahr-hunderten denn davon noch erkennen könne, dem sei gesagt: so gut wie alles und in schönster Farbenpracht vor strahlend weißem Hintergrund.
Die Erklärung dafür ist schnell gegeben. St. Michael wurde instandgesetzt und generalsaniert, von innen und von außen. Das hat 14 lange Jahre gedauert und ist trotz der Wiedereröffnung der Kirche immer noch nicht komplett abgeschlossen. „Aus dem Mittelgewölbe hatte sich im November 2012 ein zwei Kilo schwerer Steinbrocken gelöst“, erinnert sich Rudolf Spangel, der als gelernter Steinmetz und Restaurator die Bauleitung ausübt. Zum Glück sei niemand in der Kirche gewesen. Trotzdem musste sie geschlossen werden, akute Einsturzgefahr.
„Untersuchungen hatten jede Menge weitere Schäden offensichtlich gemacht“, informiert der Bamberger. Insgesamt wurden 43 Millionen Eu-ro für die Sanierung aufgewendet, zu größten Teilen aus Fördermitteln. Dass es sich gelohnt hat, zeigt nicht nur der Bayerische Denkmalpflegepreis in Gold.
„Ich habe praktisch jeden einzelnen Stein von St. Michael abgeklopft“, beschreibt Rudolf Spangel das akribische und verantwortungsvolle Vorgehen. Sein Arbeitsfeld war 3700 Quadratmeter groß. Neben der Reinigung der Oberflächen, der Erneuerung der Verfugungen und dem Verschluss von Rissen mussten unzählige Steine ausgetauscht werden. „Der Nachschub kam aus der Nähe, aus einem Steinbruch bei Coburg“, sagt er. Die Untersuchung der Steine hörte an den Fassaden nicht auf, sondern betraf auch den Innenraum und dort vor allem den Natursteinboden.
An einem restaurierten Alabaster-Epitaph, an dessen Figurenschmuck diverse Teile ausgebessert und ergänzt werden mussten, erklärt Spangel die komplexe Aufgabenstellung. „Die vermeintlich kompetenten Handwerksbetriebe per offizieller Ausschreibungen zu finden, war schon zeitaufwendig. Dann mussten die Experten demonstrieren, dass sie tatsächlich mit Alabaster umgehen und etwa einen fehlenden Finger modellieren können.“ Nicht alle konnten das zufriedenstellend, sodass die Suche in eine neue Runde ging.
Es war bei Weitem nicht die einzige Hürde, die die Bamberger Sanierer nahmen. Ein besonderes Hindernis ist bis heute die nicht allzu breite Tordurchfahrt zur Abtei. „Hier blieb auch schon mal ein Lkw stecken“, berichtet Spangel.
Es verwundert zu erfahren, dass die Malereien des Himmelsgartens nicht nachgemalt werden mussten. „Die Pflan-zenmotive wurden lediglich gereinigt und ihre Konturen erneuert“, berichtet der Bauleiter. Man weiß, dass die Malereien zwischen 1614 und 1617 nach einem großen Kirchenbrand angefertigt worden sind. Von wem, ist nicht bekannt. Sicherlich beziehen sie sich auf die spätgotische Tradition, ein Abbild des Paradieses zu zeigen. Manche wurden genau für eine spezifische Stelle gemalt.
Der Himmelsgarten
„Achten Sie mal auf die Pflanzen in der Vierung“, rät Spangel. Feigenkaktus, Lorbeer, Ölzweig, Stechpalme oder die Passionsblume seien Darstellungen, die das Leiden und den Tod Christi symbolisieren. Unter der Vierung steht übrigens der Sakramentsaltar, bei dessen Restaurierung sieben verschiedene Gewerke Hand in Hand gearbeitet haben.
Mit seiner Vielzahl an Motiven, die sämtliche Gewölbefelder schmücken, ist dieser Himmelsgarten einmalig. Im Zuge der Sanierung der Kirche, bei der man sich an der barocken Farbigkeit aus der Mitte des 18. Jahrhunderts orientierte, seien noch sieben weitere, bislang übermalte Motive entdeckt worden, freut sich Bauleiter Spangel, der schon in den Dombauhütten in Regensburg, Basel und im heimischen Bamberg Erfahrungen sammelte.
Als der Künstler mit den Deckenmalereien beschäftigt war, schaute das Kloster bereits auf eine rund 600-jährige Geschichte zurück. Gegründet 1015, entwickelte es sich schnell zu einem der bedeutendsten Benediktinerklöster in Süddeutschland. Für diese Entwicklung war vor allem der später heiliggesprochene Bischof Otto I. im frühen 12. Jahrhundert verantwortlich. Sein prunkvolles Hochgrab hinter dem Otto-Altar im Chor von St. Michael ist immer noch ein Pilgerziel.
Das heutige Gotteshaus geht auf das Jahr 1617 zurück. Der Neubau der direkt an die Kirche grenzenden Kloster-anlage, in der bis zur Säkularisation 1803 ununterbrochen Benediktiner zuhause waren, wurde gegen Ende des 17. Jahrhunderts begonnen. Im Zuge der damaligen Baumaßnahmen wurde die bildmächtige Fassade mit der Freitreppe, die von einer elegant geschwungenen Balustrade eingefasst wird, dem Kirchenbau vorgesetzt. „Auch das war ein Grund für die Instabilität des gesamten Baus“, erklärt Rudolf Spangel.
Nun sind Kirche und Freitreppe, die man in Bamberg Hochzeitstreppe nennt, wieder freigegeben. Und die Besucher, die sich dem Gotteshaus nähern, werden von reichlich aufgefrischter Prominenz begrüßt. Neben den heiligen Benedikt und Otto haben sich an der Fassade auch Petrus und Paulus, Heinrich II., Kaiser und Gründer des Bistums Bamberg, nebst Gattin Kunigunde, die ein Modell der Klosterkirche trägt, sowie Erz- und Schutzengel versammelt. Auf dem Giebel thront der 1,90 Meter große Schutzpatron Michael. So wie der Erzengel den Teufel besiegt hat, so haben die Bamberger Fachleute die baulichen Schäden der Vergangenheit erfolgreich bekämpft. (Ulrich Traub)
Kommentare (0)
Es sind noch keine Kommentare vorhanden!