Bauen

Norbert Gebbeken, Präsident der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau. (Foto: Tobias Hase)

29.10.2025

„Die ursprüngliche Idee der Harmonisierung wird konterkariert“

Ingenieurekammer-Bau-Kolumne zu "Europäische Normen - Das Übel Nationaler Anhänge"

Im Jahr 1975 beschloss die Europäische Kommission ein Programm zur Beseitigung von Handelshemmnissen im Baubereich und zur Stärkung eines europäischen Binnenmarks. Eines der Vorhaben war die Harmonisierung von nationalen technischen Normen durch die Erarbeitung europäischer Normen, die dann nationale Normen werden. Das betrifft Produkte, Dienstleistungen sowie technische Anliegen wie Bemessung und Konstruktion.

Die das Bauwesen betreffenden Eurocodes (EC) wurden ab den achtziger Jahren erarbeitet. Der erste Eurocode (EC 0 – Grundlagen der Tragwerksplanung) wurde 1990 als EN 1990 veröffentlicht. Inzwischen gibt es zehn Eurocodes, die die Bemessung und Konstruktion im Bauwesen abdecken und insgesamt 58 Teilnormen umfassen.

Die Idee, harmonisierte europäische Normen zu schaffen ist grandios. Aber man hat die Rechnung ohne die technischen Experten in den Mitgliedsstaaten gemacht. Vor 30 Jahren war ich in einer Untergruppe eines europäischen Normenausschusses, die sich mit konstruktiven Verbindungen im Stahlbau befasste. Bei einer Detailfrage konnte man nicht sofort einen Kompromiss finden.

Die erfahrenen Kollegen der deutschen Gruppe sagten, dass wir das für Deutschland im nationalen Anhang regeln. Ich war erstaunt, dachte ich doch, dass man im Interesse der europäischen Harmonisierung die nationalen Interessen ausdiskutiert und einen europäischen Kompromiss erarbeitet. Weit gefehlt. Inzwischen sind die nationalen Anhänge fast so umfangreich wie die Normen selbst.

Die Normenfluten und ihre Umfänge nehmen zu

Die ursprüngliche Idee der Harmonisierung wird konterkariert. Die nationalen Normenfluten und ihre Umfänge nehmen zu und erschweren zunehmend die europäische Zusammenarbeit.

Nur an zwei Beispielen möchte ich das verdeutlichen. Der Eurocode 8 regelt die Auslegung von Bauwerken gegen Erdbeben. Nun wissen wir alle schon aus der Schule, dass Naturphänomene an Ländergrenzen nicht haltmachen. Oder doch? Die Expertinnen und Experten im Normenausschuss haben jüngst einen Nationalen Anhang erarbeitet, der dazu führt, dass an den deutschen Ländergrenzen sich das Erdbeben diskontinuierlich verhält, die Gebäude diesseits und jenseits einer Landesgrenze sprunghaft anders anregt, was mich aufregt. Denn das Erdbeben weiß nichts von diesem Nationalen Anhang, das Erdbeben war auch noch nicht in meiner Erdbebenvorlesung.

Ich bin mir sicher, dass sich das Erdbeben nicht normgerecht verhalten wird. Da stellt sich der informierte Bürger die Frage: Geht’s noch?

Auch der Eurocode 2 für den Stahlbeton- und Spannbetonbau hat inzwischen nationale Anhänge im Umfang eines dicken Buches. Nun sollte man meinen, dass es hierbei um Physik geht und global anerkannte Konstruktionsregeln. Hm. Ich kriege Zweifel. Aber der neue nationale Anhang schlägt dem Fass den Boden aus. Die damit befassten Expertinnen und Experten sind der Meinung, dass bauliche Anlagen aus Stahlbeton in Deutschland inzwischen so komplex und divers sind, dass es eines neuen „BBQ-Konzeptes“ bedarf, das verschiedene Betonbauqualitätsklassen festlegt. Und so wird die deutsche DIN 1045 zum deutschen nationalen Anhang des Eurocode 2 erkoren.

Wenn der Stahlbetonbau ein derart gravierendes Problem mit der Qualität hat, dann doch sicher nicht nur in Deutschland. Kann man das nicht harmonisch in Europa regeln?

Das BBQ-Konzept erhöht die Bürokratie, führt neue Betonfachgespräche ein und produziert Kosten. In dem Kontext kann man das Gefühl bekommen, dass bestimmte Platzhirsche ein Forum zum Ausleben gefunden haben.

Wir benötigen dringend eine vom DIN unabhängige Organisation, die eine Normenfolgenabschätzung betreibt. Normen dürfen erst eingeführt werden, wenn klar ist, was der Nutzen und was der Schaden ist. Die jeweiligen nationalen Anhänge der 27 Mitgliedstaaten führen nicht zur Stärkung Europas, sondern zur Schwächung.

Wir haben als Ingenieurinnen und Ingenieure auch eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung. In Zeiten der geopolitischen Bedrohung Europas, sollten zumindest MINT-Fachleute eine vereinheitlichte harmonisierte Sprache sprechen. Wenn wir es nicht schaffen, dann verwirken wir unser Recht auf Kritik an unsere gesellschaftlichen Repräsentanten. 

Albert Einstein sagte: “Any intelligent fool can make things bigger, and more complex. It takes a touch of genius—and a lot of courage—to move in the opposite direction."

Kommentare (1)

  1. am 17.12.2025
    Bei dieser Kolumne scheint dem Herrn Gebbeken die "Mißachtung" seiner Genialität vor 30 Jahren noch nachzuhängen.
    Eigentlich sollte er wissen, daß Erdbeben sich auch innerhalb eines Landes "diskontinuierlich" verhalten, da sie mehr auf den Untergrund als auf politische Grenzen Rücksicht nehmen. Und der Untergrund ändert sich nun mal gerne auch innerhalb eines Landes. Wo sich allerdings, wie in Europa häufig, Landesgrenzen an natürliche Gegebenheiten anlehnen kann es durchaus sinnvoll sein die Anregungen national zu regeln. Das Erdbeben sich nicht immer normgerecht verhalten wissen wir spätestens seit Kobe, aber Herr Gebbeken ist ja nicht gegen Erdbebennormen allgemein; nur andere als von ihm für gut befundene möchte er nicht gelten lassen. Da fragt sich der interessierte Bürger ob er nicht doch besser der Schwarmintelligenz der Normenväter vertrauen soll als der Hybris eines Einzelnen, der es schon regelt. Gerne auch in einer noch zu gründenden "... vom DIN unabhängige Organisation, die eine Normenfolgenabschätzung betreibt." (Soviel zum Bürokratieabbau. Wenn man im DIN - vielleicht zu Recht - nicht überzeugen konnte, braucht es halt eines "Über-DIN" bei dem man einen neuen Anlauf nehmen kann.)
    Kein Mensch hat ein Problem damit, daß (Berufs)Kraftfahrer in jedem Land in Europa mit anderen nationalen Vorschriften konfrontiert werden und ganz selbstverständlich wird deren Kenntnis und Einhaltung erwartet. Aber Ingenieuren - in dem Begriff steckt Genie verborgen - ist das natürlich nicht zuzumuten.
    Es gibt in Europa, historisch und kulturell gewachsen, unterschiedliche Bauweisen und auch unterschiedliche Sicherheitsbedürfnisse hinsichtlich möglicher Gefahren. Seien es Erdbeben, Hochwassers oder sonstige. Doch haben bereits Professoren auf diesen Gebieten Ergebnisse erzielt und gute Vorschläge für ihre Länder unterbreitet, im Einklang mit deren Befindlichkeiten.
    Wie wäre es damit, ab der nächsten Erdbebenvorlesung einfach so überzeugend zu sein, daß alle nationalen Anhänge freiwillig die Gebbeck´schen Lösungen übernehmen (müssen)? Das führt zu interessanten Vorlesungen und erspart dem Rest der Welt solche Kolumnen.
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