Wo vor mehr als 70 Jahren nur eine „primitive Bretterhütte“ stand – so formuliert es der Bericht der Münchner Wiederaufbaukommission im Jahr 1953 – trafen sich am 22. Todestag von Väterchen Timofej Vetreter des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege (BLfD) und des Vereines „Ost-West-Friedensgarten e.V.“ mit Münchens Oberbürgermeister Dominik Krause, um ein weiteres Kapitel für den Ort aufzuschlagen: Die Einsiedelei und der Garten von Timofej Prochorow – von den Münchnerinnen und Münchnern liebevoll „Väterchen Timofej“ genannt – und seiner Partnerin Natascha Dankow sind in die Bayerische Denkmalliste aufgenommen. Den Gebäuden, die heute als Gedenk-, Lern- und Begegnungsstätte dienen, kommt eine herausragende geschichtliche Bedeutung zu. Sie erzählen von Flucht und Vertreibung in Folge des Zweiten Weltkriegs und der Wohnungsnot der Nachkriegszeit. Notdürftig, am Rande eines Schuttberges errichtet, hat die Behausung mitsamt Kapelle und späterem Kirchenbau im Herzen Münchens Jahrzehnte überdauert – und das, obwohl die heutigen Baudenkmäler des Ost-West-Friedensgartens erst 2014 nachträglich eine Baugenehmigung erhielten.
Mathias Pfeil, Generalkonservator des BLfD: „Der Ost-West-Friedengarten ist wie ein gallisches Dorf im Herzen unserer Landeshauptstadt. Er zeugt von der Wohnraumnot in der Nachkriegszeit und willensstarken Menschen, die darauf inmitten einer mit Trümmerschutt bedeckten Landschaft eine Antwort fanden. Selbst die Olympischen Sommerspiele 1972 umzingelten diesen Ort nur. Ursprünglich war hier die Austragungsstätte für den Pferdesport geplant. Doch geleitet durch den starken Wunsch der Öffentlichkeit wurde diese verlegt. Die Einsiedelei bestand weiter und hat bis heute als einzigartiges Zeitzeugnis überdauert. Mit der Eintragung in die Bayerische Denkmal-liste liegt ihr Erhalt nun im Interesse der Allgemeinheit.“
OB Krause: „Die Einsiedelei von Väterchen Timofej ist ein Kleinod, das in München einzigartig ist. An diesem besonderen Ort verbinden sich Geschichte, Spiritualität und
bürgerschaftliches Engagement. Mit der Eintragung als Baudenkmal würdigen wir nicht nur die architektonische und historische Bedeutung dieses Ortes, sondern auch die Menschen, die ihn über viele Jahre mit großem Einsatz bewahrt haben und die sich nach dem verheerenden Brand weiterhin für seinen Erhalt und eine mögliche Wiederherstellung einsetzen. Es ist wichtig, dass solche besonderen Zeugnisse der Stadt-geschichte erhalten bleiben und auch kommenden Generationen zugänglich sind. Die Einsiedelei erinnert uns daran, wie vielfältig und lebendig das kulturelle Erbe Münchens ist. Es war ein langer Weg vom Schwarzbau zum Baudenkmal, aber er zeigt, dass Wille manchmal Berge versetzen kann.“
Alt-OB Christian Ude, der unter anderem Schirmherr der Ost-West-Friedenskirche sowie des Projekts Wiederaufbau des Ost-West-Friedenskirche ist: „Das ist ein wunderbares Happy End für Münchens „liebenswürdigsten Schwarzbau“, den ich schon als Grundschüler kennen und lieben gelernt habe. Heute feiert die Einsiedelei ihre offizielle Anerkennung als einmaliges historisches Kleinod.“
Die Bau- und Entwicklungsgeschichte des Ost-West-Friedensgartens lässt sich nicht in allen Phasen exakt nachvollziehen. Bauanträge und darauf fußende Genehmigung gibt es nicht. Den 1894 in Rostow am Don im seinerzeitigen Zarenreich Russland geborenen Timofej Pochorow führte seine Flucht in den Westen und 1952 nach München. Mit ihm und seiner auf der Flucht dazugestoßenen Begleiterin Natascha Dankow hatte München zwei baufreudige Neubürger bekommen. Nach der Errichtung einer notdürftigen Behausung begannen die beiden mit dem Bau der Michaelskapelle, die bis heute mit ihrer mit Silberpapier ausgekleideten Decke erhalten ist. Nach eigenen Angaben habe ihn, Timofej, eine „Vision“ nach München geführt, mit dem Auftrag, dort „eine Friedenskirche von Ost und West“ zu bauen. Ab 1957 zimmerten er und seine Begleiterin an dieser sogenannten Ost-West-Friedenskirche, die im Jahr 2023 durch einen Brand verloren ging, deren Wiederaufbau der Verein jedoch anstrebt. Im selben Jahr, 1957, verfügte die Münchner Lokalbaukommission eine Baueinstellung für die zweite Wohnbaracke – diese wurde jedoch bald zurückgenommen und die Bauaktivitäten der beiden Geflüchteten fortan geduldet.
Mit Schreiben vom 29. Juni 2026 sind Väterchen Timofejs Einsiedelei und Garten in die Bayerische Denkmalliste aufgenommen. Anschauliche Zeugnisse wie dieses aus der von Wohnungsnot geprägten Nachkriegszeit lassen sich heute kaum mehr finden; sie sind entweder durch dauerhaftere Neubauten ersetzt oder durch Verfall oder Zerstörung verloren. Die beiden Wohnbaracken im Ost-West-Friedensgarten machen die Einfachheit und Bescheidenheit von Wohnunterkünften in der frühen Nachkriegszeit deutlich. Der Ost-West-Friedensgarten ist damit eine Seltenheit und besitzt wohl Al-leinstellung in seiner Art: In ganz Bayern gibt es keine vergleichbare Anlage. Trotz des Verlusts des Kirchenbaus verkörpert die Einsiedelei damit ein wichtiges Münchner Stück Zeitgeschichte. (BSZ)
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