Die Versorgung mit Wasser war einst mühsam. Sie erfolgte dezentral über Brunnen, Bäche, Flüsse oder ein einfaches Rohrleitungssystem. Mit dem Aufkommen von Wassertürmen wurde es möglich, ganze Städte und in späterer Zeit auch Industrieareale mit ausreichend Trink-, Brauch- und Löschwasser zu versorgen. Doch Wassertürme waren, anders als Gaswerke oder Kraftwerke, schon immer mehr als reine Zweckbauten.
Da sie technisch bedingt weit und deutlich sichtbar in die Höhe ragten – die erhöhte Lage des Wasserbehälters gewährleistete den notwendigen Betriebsdruck für die Wasserversorgung –, hat man bald aus der Not eine Tugend gemacht und diese prägnanten Bauten als Mittel aktiver Stadt- und Raumgestaltung eingesetzt. Abwechslungsreiche Bauformen entstanden, die das Stadtbild und die Industrielandschaft prägten; oft standen historische Bauwerke wie Burg- oder Stadttürme Pate.
Wassertürme im Wandel heißt ein neu erschienenes Buch aus dem Münchner Volk Verlag, das die markanten Türme unter den Aspekten Gestaltung, städtebauliche Erscheinung und Konstruktion betrachtet. „Wassertürme sind in prominenter Weise Spiegel architektonischer Entwicklungen vom 19. ins 20. Jahrhundert. Entfaltung einer funktionalistischen Formensprache und Einbezug gestalterischer Möglichkeiten moderner Baustoffe wie Beton finden im Wasserturm eine willkommene Baugattung, technische Zwecke in zeitgenössischer Formensprache zu repräsentieren“, fasst Axel Föhl im Vorwort zusammen.
Die Geschichte der Wassertürme, der „Ikonen der Architektur und Ingenieurbaukunst“, so der Untertitel des Buches, begann recht unscheinbar, indem die ersten Speicherbehälter in bestehende Turmbauten, etwa in Wehrtürme, integriert wurden. Als technisch und historisch herausragend gelten die berühmten Wassertürme von Augsburg aus dem 15. bis 17. Jahrhundert: der Große Wasserturm (1412 bis 1416 errichtet), der als Deutschlands ältester erhaltener Wasserturm gilt, der Kleine Wasserturm und der Kastenturm. Auch sie gehen auf die Erweiterung und Umnutzung vorhandener Mauertürme zurück, doch sind die Umbauten so prägend, dass Augsburgs historische Wasserwirtschaft, zu der neben Kanälen, Stauwehren und Brunnen auch die besagten Wassertürme gehören, 2019 sogar als Unesco-Welterbe aufgenommen wurde.
Den Augsburger und den meisten anderen frühen Wassertürmen ist jedoch gemein, dass es technisch noch nicht möglich war, große Speicher im oberen Turmabschnitt unterzubringen. Überlieferte Vertikalschnitte der Augsburger Wassertürme zeigen, dass die Speicherbehälter nur 15 bis 20 Kubikmeter Wasser fassen konnten und die Türme daher einen relativ geringen Durchmesser aufwiesen.
Einen Schub für die Weiterentwicklung der Wassertürme brachte das 19. Jahrhundert, der Beginn des industriellen Zeitalters. Das Bevölkerungswachstum und die zunehmende Industrialisierung erforderten einen Ausbau der Wasserversorgung. Bei den frühesten großen Wasserspeicherbauten dieser Zeit handelte es sich allerdings nicht um Türme, sondern eher um mächtige, bastionsartige Wasserhochbehälter, wie der um 1853/1855 errichtete Wasserspeicher am Berliner Tor in Hamburg oder der 1867 erbaute Wasserturm Lübecks – beide wurden typischerweise noch vor den Toren der Stadt errichtet.
Erst in der Folgezeit wurden die Wassertürme ins Stadtbild integriert, wobei moderne Baumaterialien wie Beton neue Möglichkeiten eröffneten: Speicherbehälter in bisher unbekannten Dimensionen entstanden und nahmen die heute vertraute Form an: Die hoch aufragenden, frei stehenden Wassertürme bekamen ihren „Dickkopf“, einen weit auskragenden Aufbau auf einem vergleichsweise schmalen Tragschaft, gerne auch mit zahlreichen historisierenden Ornamenten versehen. Dieser Typus nach dem historischen Vorbild spätmittelalterlicher Wehrbauten mit auskragenden Obergeschossen machte das Gros der Wassertürme ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus.
Schrittweise bildete sich schließlich der „Standardtyp Wasserturm“ des ausgehenden 19. Jahrhunderts heraus, mit schlankem Schaft, auskragendem Kopf und nur noch sparsam applizierten Ornamentformen.
Schmaler Tragschaft, auskragender Aufbau
Doch bekanntlich gibt es keine Regel ohne Ausnahme: Der sakral anmutende Wasserturm des Müller’schen Volksbads in München (um 1900 nach Entwürfen des Architekten Carl Hocheder erbaut) zählt beispielsweise zu den monumentalen Turmbauten, die dezidiert als städtische Wahrzeichen und Symbolbauwerke konzipiert waren. Er diente zur Sicherstellung des Wasserdrucks für das damals modernste Schwimmbad der Welt und gilt wie die gesamte Anlage des Müller’schen Volksbads als herausragend durch die „architektonische Komposition, die mit ihrem prächtigen Zierrat besticht, ebenso wie durch die technisch-konstruktive Ausführung“, schreibt Barbara Berger, Industriedenkmalpflegerin und Herausgeberin des Buches.
München hat seinen berühmten Wasserturm bewahrt, ebenso wie Augsburg und viele andere Städte in ganz Deutschland, obwohl die Wassertürme längst stillgelegt und ihre Funktionen von leistungsstarken Pump- und Speicherwerken übernommen worden sind. Manchen droht aber auch der Abbruch, was den Verlust bedeutender Zeugnisse der Ingenieur- und Architekturgeschichte bedeuten würde.
Wassertürme im Wandel würdigt den Wasserturm im 19. und 20. Jahrhundert, indem er aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet, analysiert und in den historischen, funktionalen und architektonischen Kontext gesetzt wird. Mit knapp 300 Abbildungen und Planskizzen ermöglicht das Buch außerdem interessante und informative Einblicke in das Innenleben der ansonsten nicht zugänglichen Türme. (Monika Judä)
Barbara Berger (Hg.), Wassertürme im Wandel. Ikonen der Architektur und Ingenieurbaukunst, Volk Verlag, München, 176 Seite, 30 Euro.
Kommentare (0)
Es sind noch keine Kommentare vorhanden!