Bauen

Der komplette Gebäudekomplex von der Straße aus gesehen. (Foto: Obel Architekten)

04.09.2026

Multifunktionalität als Leitfaden

Neubau eines Bürgerhauses mit Feuerwehr in der Gemeinde Weil

Es gibt Projekte, deren baulicher Umfang von Anfang an klar ist, Projekte mit einem eindeutigen Raumprogramm und einer klar definierten Bauaufgabe. Das „Multifunktionshaus Weil“, so der Arbeitstitel des Bürgerhauses mit Feuerwehr, gehörte nicht zu diesen Projekten.

Über den gesamten Planungszeitraum, vom Vorentwurf bis zur Eingabeplanung, wandelten sich – oder besser mehrten sich – die zu erfüllenden Funktionen. Gründe hierfür lieferten gleichermaßen weltpolitische (Stichwort: Ukraine Krieg) wie kommunalpolitische Überlegungen (Stichwort: Rechtsanspruch auf Nachmittagsbetreuung).

Das Gebäude sollte sowohl als Schutz- und Versorgungsraum bei Stromausfällen als auch als Krisenzentrale bei Naturkatastrophen dienen. Gleichzeitig sollte es Heimstatt für örtliche Vereine, barrierefreier Sitzungssaal für den Gemeinderat und Raum für die Mittagsbetreuung der Grundschule sein. Nicht zu vernachlässigen war zudem der Platzbedarf der Feuerwehr mit drei Fahrgassen, Funktionsräumen, Funkzentrale, Umkleidebereichen sowie Schulungs- und Gemeinschaftsräumen.

Zusätzlich forderten der begrenzte Bauplatz und das begrenzte Baubudget alle Planungsbeteiligten heraus.

Unterstützt durch die Projektsteuerung SMP aus München stellte sich in der Planung und Bauleitung obel | architekten aus Donauwörth dieser Herausforderung.

Der nun fertiggestellte Gebäudekomplex gliedert sich in zwei Baukörper, zum einen in das Feuerwehrgerätehaus und zum anderen in den zweigeschossigen, voll unterkellerten Sozialbereich. Beide Baukörper werden durch einen eingeschossigen Gelenkbau, in dem die Einsatzzentrale und der Funkraum untergebracht sind, miteinander verbunden.

Während das Feuerwehrgerätehaus, das aus drei Fahrgassen und einer Werkstattspange besteht, als Stahlkonstruktion und mit betont einfachen Baumaterialien konstruiert wurde, zeigt sich der Sozialtrakt, in dem erdgeschossig die Räume der Feuerwehr, im Obergeschoss die Räume der Gemeinde und im Untergeschoss der Schützenverein untergebracht sind, als massiver Ziegelbau.

Kubische Formen

Die kubischen Formen der Gebäudeteile und die flach geneigten Pultdächer betonen den funktionalen Charakter der Bauaufgabe und bilden die Basis für einen sehr wirtschaftlichen Gebäudeunterhalt und damit eine hohe Nachhaltigkeit, denen sich die Entwurfsverfasser besonders verpflichtet fühlen.

Diese Formensprache fand auch Anwendung bei dem kurz vor Beginn der Baumaßnahme fertiggestellten Kinderhaus, das sich in unmittelbarer Nachbarschaft zum Multifunktionshaus befindet und zusammen mit diesem ein bauliches Ensemble bildet.

Der bewusst gewählte Wechsel in den Fassadentexturen – Putz im horizontalen Besenstrich, vertikale Trapeztafeln und glatte Sichtbetonrahmen um die Hauptzugänge – mildert die Strenge des Bauentwurfs. Ebenso trägt die farbliche Gliederung zwischen dem lehmfarbenen Sozialbau und dem dunkelgrauen Funktionstrakt hierzu bei.

Die Gliederung zwischen den beiden unterschiedlichen Gebäudeteilen findet ihre Entsprechung in den landwirtschaftlichen Anwesen der Umgebung, deren Wohn- und Funktionstrakte durch Materialwahl und Farbgestaltung klar ablesbar sind. Die zurückhaltende Farbigkeit ermöglicht eine harmonische Einfügung der Baukörper in die anschließende Landschaft.

Die Innengestaltung der Feuerwehrfahrzeughalle wurde im Wesentlichen materialsichtig mit Sichtbetonoberflächen, dunkelgrauem Stahl und unverkleideten weißen Stahlkassetten gewählt. Zu der technischen Erscheinung des Funktionsbereichs kontrastiert der Sozialtrakt mit warmen, erdigen Farben, die durch wenige Akzente in Rot ergänzt werden. Die Böden sind im Wesentlichen mit Hochkantlamellenparkett aus Eiche belegt.

Im Obergeschoss können die Raumgrößen durch mobile Trennwände an die jeweiligen Nutzungsbedürfnisse angepasst werden. Zwischen einem und drei beziehungsweise vier Räumen können so bereitgestellt werden.

Einbauschränke schaffen Stauraum, um die Utensilien der verschiedenen Nutzer schnell aufräumen und somit neutrale Räume für die folgenden Nutzer schaffen zu können.

Der gesamte Gebäudekomplex wird über Fernwärme beheizt. Die Räume werden mechanisch be- und entlüftet. Der gesamte Sozialbereich ist barrierefrei erschlossen.

Der Gebäudekomplex kann über ein fest installiertes Notstromaggregat autark betrieben und beheizt werden.

Der Weg von den ersten Planungen bis zum Bauantrag war kurvenreich. Alle am Planungsprozess Beteiligten – der Bauherr, die politischen Gremien, die Fachplaner, die Projektsteuerung und die Architekten – waren jedoch bereit, diesem Weg ergebnisoffen zu folgen.

Und gerade in Zeiten knapper Ressourcen, was gleichermaßen Baugrund, Rohstoffe, Investitionskosten und Unterhalt betrifft, kann die Idee eines Multifunktionshauses vorbildhaft für Kommunen und Städte sein. (BSZ)
 

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