Mit dem neuen V-Bau hat die Technische Hochschule Rosenheim ein Projekt realisiert, das weit über eine klassische Hochschulerweiterung hinausgeht. Der Neubau zeigt beispielhaft, wie sich nachhaltiger Hochschulbau durch konsequentes Engineering, Suffizienz und hohe Vorfertigung wirtschaftlicher realisieren lässt als vergleichbare öffentliche Standardprojekte.
Als eine der ersten Hochschulen in Bayern trat die TH Rosenheim dabei selbst als Bauherr auf. Das Ergebnis: ein modularer Hybridbau mit KfW40-Standard und voraussichtlich DGNB-Silber-Zertifizierung, der trotz hoher Nachhaltigkeits- und Qualitätsanforderungen knapp 20 Prozent unter den staatlichen Regelkosten vergleichbarer Hochschulbauten blieb.
Funktion statt Überplanung
Die Grundidee des Projekts war von Beginn an klar formuliert: maximale Funktionalität bei minimalem Ressourceneinsatz. Statt auf architektonische Sonderlösungen setzte das Projektteam konsequent auf Wirtschaftlichkeit, Anpassungsfähigkeit und konstruktive Optimierung.
„Wir haben das Gebäude konsequent von innen heraus mit Blick auf die Funktionen geplant“, sagt Andreas Betz, Professor für Innenausbau an der TH Rosenheim sowie Gesamtprojektleiter, Nachhaltigkeitsauditor und Planer. „Der V-Bau ist ein Nutzbau mit hohem Kostendruck. Deshalb haben wir jede planerische Entscheidung hinterfragt: Brauchen wir das wirklich oder nicht?“, so Betz weiter.
Erste Kostenberechnungen lagen zu Projektbeginn noch bei neun bis zehn Millionen Euro. Durch konsequente Optimierungsschritte, intensive Vorplanung und ein durchgängiges Kostenmanagement konnte das Projekt letztlich für zirka 7,5 Millionen Euro realisiert werden.
Statische Umdrehung reduziert Lasten und Konstruktionshöhen
Eine zentrale Rolle spielte dabei die konstruktive Neuorganisation des Gebäudes. Aufgrund schwieriger Bodenverhältnisse und hoher Grundwasserstände am Standort Rosenheim wären die, bis zum Eintritt des hochschulinternen Planungsteams angedachten, konventionelle Lösungen mit erheblichen Mehrkosten verbunden gewesen.
Das Planungsteam reagierte darauf mit einer sogenannten „statischen Umdrehung“ des Gebäudes: Große Lehr- und Bewegungsflächen mit hohen Spannweiten wurden in die oberen Geschosse verlagert, kompaktere Büroflächen in die unteren Ebenen. Dadurch konnten Lasten reduziert, Spannweiten optimiert und Geschosshöhen konstruktiv minimiert werden. „Allein über die Reduktion der Gebäudehöhe konnten wir erhebliche Kosten einsparen“, erklärt Betz. „Wir haben die Konstruktion konsequent aus den statischen und funktionalen Anforderungen heraus entwickelt“, erläutert Betz weiter.
Um die erheblichen Wasserhaltungskosten im Grundbau einzusparen wurde das Gebäude über die sogenannte Jahrhundertwasserlinie im Erdreich gehoben. Um trotz nicht veränderbarer oberirdischer Gesamtbauhöhe vier Geschosse zu ermöglichen, folgte daraus für jedes Geschoss eine eigene statisch minimierte Deckenkonstruktion.
Hoher Vorfertigungsgrad verkürzt Bauzeit massiv
Realisiert wurde der Neubau als modularer Hybridbau mit hohem Vorfertigungsgrad. Die Fassadenelemente wurden im Holzbau bereits inklusive Fenster und Holzverkleidung vorgefertigt, auch Deckenplatten und weitere Bauteile kamen montagefertig auf die Baustelle.
Der eigentliche Aufbau erfolgte dadurch innerhalb kürzester Zeit: In nur vier Wochen entstand der komplette Holzbau inklusive Dach – Geschoss für Geschoss wie in einem Baukastensystem auf dem Sockelgeschoss, welches wegen dem Baugrund in Beton ausgeführt werden musste.
„Die Kombination aus individueller Geschossplanung und standardisierten 2D-Elementen war ein entscheidender Schlüssel für die doch relativ schnelle Umsetzung des Projekts“, so Betz.
Nachhaltigkeit durch Suffizienz
Neben Effizienz und Vorfertigung prägte vor allem ein konsequenter Suffizienzansatz die Planung. Ziel war nicht die technische Maximierung, sondern die bewusste Reduktion auf das funktional Notwendige.
So wurde der Einsatz von Beton wo immer möglich minimiert und Holz gezielt als CO₂-speichernder Baustoff eingesetzt. Flexible Grundrisse ermöglichen zudem eine langfristige Umnutzung der Räume und erhöhen die Lebensdauer des Gebäudes.
Auch technische Standards wurden kritisch hinterfragt. „So erfolgte die Auslegung der Gebäudetechnik konsequent nutzungsbezogen und bedarfsgerecht statt pauschal nach den normativ oft überzogenen maximalen Auslegungswerten“, sagt Betz. „Nachhaltigkeit wurde bei diesem Projekt nicht als Zusatzleistung verstanden, sondern als Ergebnis intelligenter Planung“, betont in diesem Zusammenhang auch Hochschulpräsident Heinrich Köster. „Normalerweise gilt nachhaltiges Bauen als teurer. Wir wollten zeigen, dass genau das Gegenteil möglich ist“, so Köster.
Ein wesentlicher Erfolgsfaktor war die enge Zusammenarbeit zahlreicher Fachbereiche innerhalb der Hochschule. Expertinnen und Experten aus den Bereichen Holzbau, Statik, Energie- und Gebäudetechnik sowie Bauplanung brachten ihre Kompetenzen direkt in das Projekt ein. Dadurch konnten viele Leistungen hochschulintern entwickelt und abgestimmt werden – mit kurzen Entscheidungswegen und hoher fachlicher Tiefe.
Eine zentrale Rolle bei Planung und Umsetzung spielte zudem der wissenschaftliche Mitarbeiter Dipl. Ing. (FH) Wolfgang Schmidt in seiner Funktion als Planer und Bauleiter. Gemeinsam mit dem interdisziplinären Projektteam koordinierte er die komplexen Bauabläufe und trug maßgeblich zur erfolgreichen Realisierung des Projekts bei.
Modellcharakter für den öffentlichen Hochschulbau
Für Bayerns Wissenschaftsminister Markus Blume (CSU) besitzt das Projekt Signalwirkung weit über Rosenheim hinaus: „Bauen in Rekordzeit, sparen ohne Verzicht und nachhaltig obendrein – das klingt fast zu gut, um wahr zu sein, ist in Rosenheim aber Realität. Der neue V-Bau bündelt gleich mehrere Erfolgsgeschichten unter einem Dach: modernste Räume für die Physiotherapie, starke Impulse für Forschung und Transfer sowie neue Maßstäbe für wirtschaftliches und nachhaltiges Bauen. Mit dem Gebäude V zeigt die Technische Hochschule Rosenheim eindrucksvoll, wie innovative Hochschulentwicklung gelingt.“ (BSZ)
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