Bauen

Die Therme liegt im südlichen Teil von Oberstdorf und bildet den Abschluss eines Ensembles. (Foto: David Matthiessen)

20.02.2026

Sachlich, elegant und großzügig

Die neue Therme in Oberstdorf ist ein Hingucker

Oberstdorf gehört zu den Orten Deutschlands, die deutlich bekannter sind, als es deren Größe erwarten lässt. Man kennt die südlichste Gemeinde Deutschlands unter anderem als Austragungsort im Rahmen der Vierschanzentournee, als Ort des Wintersports und Bergtourismus. Die Ortsstruktur ist bemerkenswert kompakt und homogen geblieben, ohne sogenannte Bettenburgen, die übergroßen Übernachtungsressorts anderer Skitourismusorte. Es überwiegen die Häuser, die sich am traditionellen Haustyp mit Satteldach orientieren, von mitunter durchaus stattlicher Größe, mit zwei, drei oder vereinzelt sogar vier Vollgeschossen.

1972 wurde die Therme eröffnet, ein Hallenbrandungsbad. Doch deren Tore schlossen sich 2018 wieder. Bausubstanz, Technik und Angebot waren in einem Zustand, der den Erhalt nicht mehr möglich gemacht hatte, die Therme wurde abgerissen. Ein Wettbewerb für einen Neubau an gleicher Stelle wurde ausgeschrieben, den das Architekturbüro Auer Weber (Stuttgart/München) für sich entscheiden konnte. Die Entwerfer hatten sich für eine Struktur entschieden, die den Duktus der Umgebung aufnimmt und fortschreibt. Kein demonstrativer Solitär. Aber dennoch kein Haus, das seine Sonderrolle versucht zu camouflieren.

Die Therme liegt im südlichen Teil des Ortes und bildet den Abschluss eines sich an die Kirche anschließenden Ensembles aus Kurpark und Oberstdorf-Haus mit Veranstaltungssälen und Touristeninformation. Für die Therme wurde ein Entwurf verwirklicht, für den scheinbar vier Häuser unterschiedlicher Länge zu einer Einheit zusammengeführt wurden. Drei von ihnen mit dem ortstypischen Satteldach, dessen First in Ost-West-Richtung orientiert ist; lediglich der vierte Baukörper ist ein Quader: Auf seinem Dach befindet sich eine Panoramaterrasse. Kleinere Häuser schließen sich noch als Saunadorf an, fallen aber gegenüber dem großen Gesamtvolumen kaum auf.

So sehr sich damit das in eine einheitliche Holzfassade eingekleidete Gebäude in den unmittelbaren Kontext auch einfügt, wozu auch beiträgt, dass die einzelnen Volumen und damit die jeweiligen Giebelflächen gegeneinander versetzt sind, so wird doch gerade deswegen auch die Sonderstellung deutlich. Denn die ähnliche Form legt den Größenvergleich nahe und weist die Therme als Sonderbau aus: Immerhin verläuft der höchste First in 15 Meter Höhe. Das macht die Ambivalenz aus selbstbewusster Setzung und respektvoller Eingliederung deutlich, die die neue Therme auszeichnet: ein Changieren zwischen Kontextualismus und Abgrenzung.

Kein Erlebnisbad,
ein Erholungsort

Zu dieser Doppelfigur trägt wesentlich die Holzfassade bei, die sich um das gesamte Gebäude legt. Sie ist von einer Kombination aus offenen und geschlossen Flächen einerseits und einer Struktur aus vertikalen, geschosshohen Kanthölzern geprägt, die auch über die Fensterflächen gezogen wurde und so das gesamte Gebäude zu einer Einheit zusammenbindet. Die Abstände der Kanthölzer variieren in einem lebendigen Spiel und nehmen damit dem Gesamtvolumen die Wucht, geben der Gesamtform aber gleichzeitig jenen Grad von Abstraktion, der sie eigenständig werden lässt und in Distanz zu den Häusern der Umgebung setzt: Die Mischung aus Fremdem und Vertrautem, aus Referenz und Abstraktion ist so etwas wie das Leitmotiv der Therme.

Das Fichtenholz dieser Fassade wurde mit einer silikatbasierten Vorvergrauung versehen, das den abstrahierenden Effekt noch verstärkt und gleichzeitig sicherstellt, dass die einheitliche Fassadenerscheinung auch mit dem Lauf der Zeit und unter dem Einfluss der Witterung erhalten bleibt. Schwarze, horizontale Metallbänder, Teil der Stahlkonstruktion, die die Kanthölzer trägt, geben die Geschossgliederung wieder. Auch hier wirkt das Spiel aus Größe und Referenz an die ortstypische Bebauung. Die Kanthölzer mit einem Querschnitt von 10 mal 10 Zentimetern wirken wie Lamellen, erinnern an Elemente von Scheunen oder Remisen, ihre tatsächliche Größe wird aber erst auf den zweiten Blick ersichtlich, weil die Proportionen im Ganzen beibehalten werden konnten. Denn auch die Geschosse haben andere Maße: jeweils um die 4,50 Meter sind sie hoch.

Die Therme soll kein Erlebnisbad sein – das findet sich im benachbarten Sonthofen. Sie ist ein Erholungsort. Das teilt sich nicht nur im unaufgeregten Äußeren, sondern vor allem im Innern mit, in einer angenehmen Mischung aus Sachlichkeit, Eleganz, Großzügigkeit – aber auch jenem Selbstbewusstsein, das gut darauf verzichten kann, sich aufzuplustern. Der Eingang, mit eingezogenem und dadurch überdachtem Vorbereich markiert, führt zu einem Empfang, an dem nicht mehr für das, was sich im Innern der Therme den Gästen bieten wird, geworben werden muss als mit einem verglasten Einblick in die großzügige, helle Badehalle.

Bevor man sie betreten kann, muss man sich entscheiden – es gibt zwei Tarife, einen für die Badehalle mit Spa- und Wellnessbereich, einen der zusätzlich zum Bereich mit Saunen und Panoramaterrasse berechtigt. Mit dem Grundtarif kommt man über die Umkleiden im Erdgeschoss in die große Badehalle mit drei Becken: einem Schwimmbecken, einem Erlebnisbecken mit Wasserfall, Massagedüsen, Sprudelliegen sowie einem kleinen Spielbecken mit Rutsche. Eine Schleuse verbindet mit dem Außenbecken – auch im Winter, wenn der Zugang zum Außenbereich mit Liegeflächen und der in Anlehnung an Gebirgsweiden gestalteten extensiven Wiese geschlossen ist. 

Die Halle ist großzügig nach Osten und Süden verglast, über dem Schwimmbecken geöffnet bis unter die Dachunterseite. In den daran angrenzenden Bereichen ist eine frei geformte Galerie mit Ruhefläche eingestellt, von den Wänden freigespielt, sodass der ganze Raum erlebbar bleibt.

Die Atmosphäre wird vom hellen Fichtenholz bestimmt, das mit einem weiß pigmentierten, lasierenden Vergilbungsschutz aufgehellt wurde. Es findet sich hier die rhythmisierende Gestaltung mit Kanthölzern der Außenfassade wieder, das weiße Galeriegeländer aus schräg gestellten Flachstahlprofilen fügt diesem Rhythmus der vertikalen Linien eine weitere Ebene hinzu.

In der Halle wird die Hybridkonstruktion des Gebäudes exemplarisch anschaulich mit schlanken, 8 Meter hohen, 30 bis 35 Zentimeter Durchmesser aufweisenden Stützen aus Schleuderbeton, auf denen die 1,30 Meter hohen Brettschichtholzträger aufliegen, die das Dach tragen. Das Prinzip bestimmt auch sonst die Konstruktion. Mit aufsteigenden Wänden aus Stahlbeton und Decken aus Stahlbeton wo nötig – und Holzbalkendecken mit einer Deckenscheibe aus Massivholz wo möglich.

Die Dachkonstruktion besteht aus unterspannten Leimholzbindern. Die Aluminiumfenster werden von einer hölzernen Pfosten-Riegelfassade getragen, sodass der dezent warme Holzcharakter den Innenraum bestimmt. Decken- und Dachunterflächen sind mit nutenprofilierten Holzwolleplatten verkleidet, die das Thema der Fassadenstruktur variieren und fast einen textilen Eindruck machen. Die Gastronomie ist an der Südseite angesiedelt, im Sommer kann der Außenbereich mit bewirtet werden.

Visuell ist die Halle auch mit dem Obergeschoss und den Ruhebereichen vor einem Dampfbad verbunden, das noch ohne Aufpreis genutzt werden kann. Hat man den zweiten Tarif gewählt, wird man in die Umkleiden im Obergeschoss gelenkt, kann durch den Wellnessbereich entweder auch in die Badehalle oder eben den südlichen Saunabereich nutzen, dessen Besuch nicht allein der Saunen wegen lohnt. Mit einem eigenen Gastronomiebereich, einer Saunabar im zweiten Oberschoss, der zu den Bergen nach Süden orientierten Panoramaterrasse mit Außenbecken sowie den in drei eingeschossigen Hütten untergebrachten Außensaunen bekommt man hier Besonderes geboten.

Hier sind die Außenbereiche in Anlehnung an die Berglandschaft gestaltet, eine Referenz, die sich abstrahiert auch in den freien Formen der Badehalle, der Sitzblöcke, der Galerie, der Beckenformen wiederfindet – und in der Fliesengestaltung der Wasserbassins, die in einem freien Mosaik die schillernde Farbigkeit der Bergseen aufgreift.

Sehr dezentes Farbkonzept

Diese Balance sorgt für die gelassene Stimmung des Unaufdringlichen, die Referenzen werden nicht geschwätzig nacherzählt, der Ort nimmt nur beiläufig die Atmosphäre der Umgebung auf, wird vielleicht dem ein oder anderen erst in den Bezeichnungen der einzelnen Bereiche deutlich, wenn etwa ein Abkühlbereich nach einer nahe gelegenen Schlucht bezeichnet wird. Gleiches gilt für das Farbkonzept: meist sehr dezent und unter der Schwelle, an der es als ein Konzept bewusst wahrnehmbar würde, aber dennoch unterschiedliche Atmosphären schafft.

Lediglich die Umkleiden, in Gelbtönen im Erd- und in Grüntönen im Obergeschoss gehalten, brechen etwas aus dieser Logik aus. Da man aber Umkleiden mit Farbakzenten gewohnt ist und sie erwartet, ist auch dies ein Detail, das den Aufenthalt angenehm macht, ohne dass sich die Gestaltungssprache demonstrativ in den Vordergrund drängen müsste.

Vor allem aber sieht man dem Haus nicht an, dass dies alles nicht immer nur eine leichte Fingerübung war. Weder die Komplexität, die in das dachintegrierte und so kaum auffallende PV-Anlage eingepasst wurde, noch, dass aus dem Bestand Räume für das Blockheizkraftwerk weitergenutzt werden konnten. Dafür müssen die Restgase durch das Gebäude geführt werden, um in einen Kamin über dem First des höchsten Gebäudeteils geleitet werden zu können.

Vielleicht fällt einem aber doch auf, wie selbstverständlich alles scheint. Eine Normalität, die so wenig alltäglich ist, weil normal ja viel eher ist, dass die Schwierigkeiten, Technik, Gestaltung, Konstruktion in Einklang zu bringen, sichtbar werden. So wie die Größe, die sich in die Umgebung integriert. Oder die Form, die das Fremde und das Vertraute miteinander kombiniert. (BSZ)
 

 

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