Bauen

Die Fassade mit dem barrierefreien Zugang an der Schönfeldstraße. (Foto: Stefan Schumacher, München)

13.12.2018

Vorsichtige, partielle Bearbeitung des Bestands

Bayerisches Hauptstaatsarchiv: Fassadensanierung mit Fenstererneuerung

Das Bayerische Hauptstaatsarchiv in München ist das größte bayerische Staatsarchiv und aufgrund der langen staatlichen Existenz Bayerns auch eines der bedeutendsten Archive in Europa. Leo von Klenze hatte den klassizistischen Bau an der Ludwigstraße in München im Auftrag von König Ludwig I. für das damalige Kriegsministerium entworfen. Er gestaltete das Gebäude in erster Linie ausgehend von der Fassade und im Hinblick auf sein städtebauliches Wirken. Die Funktion und die Raumeinteilung spielten damals eine untergeordnete Rolle.

Im Krieg wurde das Gebäude bis auf die markante Eingangsarkade zerstört und erst Mitte der 1960er Jahre auf Basis der Originalpläne wieder aufgebaut.

Hier sollten nun die Räumlichkeiten des Bayerischen Hauptstaatsarchivs untergebracht werden. Dafür versuchte man die innere Struktur komplett an die Anforderungen der neuen Nutzung als Archivgebäude anzupassen. Dies führte jedoch dazu, dass das Innengefüge nahezu unabhängig von der äußeren Gestalt geplant wurde, wodurch eine starke Dissonanz zwischen der Gebäudehülle und dem Innenleben entstand. Es ergaben sich teilweise nicht nutzbare Kriechgeschosse und ein sehr hohes Sockelgeschoss. Die Fenster- und Raumhöhen waren für die geplante Nutzung extrem hoch.

In enger Abstimmung
mit den Denkmalpflegern

Eine der Hauptaufgaben der Baumaßnahme bestand folglich darin, die aktuelle Nutzung mit der Fassade wieder in Einklang zu bringen. Daneben war bei der Sanierung von großer Bedeutung, die Spuren der Zeit und die Geschichte des Gebäudes, also die Kriegsschäden und den Wiederaufbau, erkennbar und an der Fassade ablesbar zu belassen.

Das Sanierungskonzept sah daher keine komplette Erneuerung der Fassade vor, sondern eine vorsichtige partielle Bearbeitung des Bestands. Insbesondere bei der Sanierung des Natursteins wurde besonders zurückhaltend vorgegangen und auf Austausch von Steinmaterial soweit wie möglich verzichtet. Mit dieser Vorgehensweise, die in enger Abstimmung mit dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege erfolgte, gelang es, Teilbereiche der Fassade im Originalzustand zu erhalten.

In einem ersten Bauabschnitt wurden unter der Federführung des Staatlichen Bauamts München 1 von Februar 2014 bis Oktober 2014 im Bauteil A an der Ludwigstraße folgende Maßnahmen geplant und baulich umgesetzt: Die Sandsteinelemente und der Putz wurden gereinigt, gefestigt und defekte Stellen ausgebessert und ergänzt. Die Sandsteinfassade wurde unter konservatorischem Aspekt überarbeitet und damit die Ausbesserungsstellen an die bestehende Bestandsstruktur angepasst. Abgewitterte Stellen, die die Vergänglichkeit des Steins zeigten, Gebrauchsspuren wie auch die beim Wiederaufbau mit falschen Materialien ergänzten Bereiche (Muschelkalk, Schilfsandstein und quarzitischer Sandstein) wurden bewusst, sofern bautechnisch möglich, belassen.

Bei der Wahl des Farbtons für die Fassadenbeschichtung der verputzten Wandflächen orientierte sich das Staatliche Bauamt München 1 an dem von Leo von Klenze verwendeten gelb-grünen Sandstein und berücksichtigte dabei auch die Grundfarbigkeit, wie sie in vielen Gemälden aus der Mitte des 19. Jahrhunderts zu finden ist. Auf ein farbliches Hervorheben von Gebäudeelementen wurde bewusst verzichtet. Durch diese Einheitlichkeit der Farbe wird das Schattenspiel der Zierelemente betont und die klassizistische Grundidee Klenzes hervorgehoben.

Eine besondere Herausforderung stellte auch die Planung der neuen Fenster dar. Aus der Thematik, dass beim Wiederaufbau nach dem Krieg das Innenleben fast unabhängig von der Fassadenstruktur entwickelt wurde, ergaben sich so hohe Fensterbrüstungen, dass zum einen keine Fensterbedienung möglich war und zum anderen Geschossdecken in die Fensteröffnung hineinragten. Die Planung der Fenster beim Wiederaufbau folgte einer gewissen Radikalität, also eher konstruktiven und wirtschaftlichen Zielen, als gestalterischen und denkmalpflegerischen Aspekten. Es wurde kein Grundsystem überlegt, dass diese Problematik des gestalterischen Konflikts zwischen Innen und Außen aufnahm. Dies wollte man bei der Entwicklung der neuen Fenster ändern. Die Problematik konnte mit einem in Aufteilung und Proportion klassizistisch anmutenden Fenstertyp gelöst werden.

Es wurden alle Ziele, die gute Bedienbarkeit, Umgang mit der in die Fenster ragenden Decken und sämtliche technische Anforderungen erfüllt. Die Fenster passen sich optisch dem historischen Vorbild aus dem Jahr 1822 an und sorgen nun auch für eine wesentlich bessere Energiebilanz. Im Sinne der Nachhaltigkeit, aber auch aus Denkmalschutzgründen wurden die Fenster in Holz und nicht mehr in Aluminium ausgeführt.
Der hohe gestalterische Anspruch und die entsprechende Umsetzung ehrte die Landeshauptstadt mit einem Fassadenpreis 2014.

Eine 2. Teilbaumaßnahme, die die Bauteile B und C entlang der Schönfeldstraße umfasst, wurde vom Staatlichen Bauamt München 1 in 2017 begonnen und soeben fertiggestellt. Die architektonischen und denkmalpflegerischen Sanierungsansätze aus dem ersten Bauabschnitt wurden auch auf diese Bauteile übertragen mit dem Ziel eines einheitlichen Gesamtbilds mit hoher gestalterischer Qualität.

Umfangreiche Voruntersuchungen

Da der Wiederaufbau der Bauteile B und C nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg zeitversetzt zum Bauteil A erfolgte, waren nochmals umfangreiche Voruntersuchungen an der Gebäudehülle notwendig. Diese ergaben, dass in der Tat andere Materialien und Fensteranschlüsse im Zuge des Wiederaufbaus realisiert wurden. Aufgrund dieser neuen Erkenntnisse mussten die Fenstertypen und Sanierungsmaßnahmen entsprechend überarbeitet und angepasst werden.

Im Rahmen der Bauabschnitte B und C konnten auch Maßnahmen zur Barrierefreiheit umgesetzt werden. Dazu zählen der Einbau einer barrierefreien WC-Anlage für Beschäftigte und Besucher sowie eine Rampenanlage zur schwellenlosen Erreichbarkeit des Gebäudes. Auch bei dieser Rampenanlage konnte in Abstimmung mit dem Landesamt für Denkmalpflege eine Lösung gefunden werden, die sich harmonisch in die Ästhetik des Gebäudes einfügt.

Für den vierten und letzten Gebäudeteil des Hauptstaatsarchivs, bei dem es sich um einen Bau aus den 1970er Jahren handelt, wird gerade ein baufachliches Gutachten zur grundlegenden Vorgehensweise erstellt, ob eine Sanierung oder ein Neubau an gleicher Stelle geplant werden soll. (Michael Schneider)

(Fensterdetail in Bauteil A - Foto: Stefan Schumacher, München)

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