Bauen

Das Feuerwehrhaus von Zaha Hadid. (Foto: Ursula Wiegand)

15.11.2019

Weltkulturerbe und Moderne in enger Nachbarschaft

Architekturrundgang durch Bern und Basel

Bern, die gediegene Schweizer Bundeshauptstadt, hat ein großes Plus: Ihre gesamte, 1191 durch Berchthold V. von Zähringen auf einer Landzunge im Fluss Aare gegründete Altstadt gehört schon seit 1983 zum UNESCO-Weltkulturerbe. Bis in die heutige Zeit ist Berns mittelalterlicher Grundriss, trotz der baulichen Entwicklung, so erhalten geblieben, wie Herzog Berchthold ihn konzipiert hatte. Daher gilt Bern als herausragendes Beispiel einer fortschrittlichen und klaren Stadtgründungsanlage, deren Grundstrukturen in den folgenden Jahrhunderten weiterhin respektiert wurden, lobte die UNESCO.

Den besten Gesamteindruck erhalten Architekturfans vom hügelan gelegenen Rosengarten jenseits der Aare. Das rote Dächergewusel staffelt sich im Zickzack hinauf zum 1421 gegründeten Münster mit seinem 100,5 Meter hohen Turm. Ein faszinierendes Bild. „Die östliche Spitze der Landzunge ist Berns ältester Teil. In zwei weiteren Phasen dehnte sich die Stadt gen Westen aus“, erklärt Stadtführerin Hedy Tschumi. Wie das geschah, zeigt sich beim Weg über die Untertor- oder Nydeggbrücke in die Altstadt.

Schmale und breite Häuser reihen sich hier aneinander, aber auch erstaunlich hohe. Die Gassen und Parzellen (Grundstücke) sind noch die gleichen wie bei der Erstbebauung, trotz der rasanten Entwicklung, die Bern ab 1218 als Freie Reichsstadt genommen hatte. Bis ins 16. Jahrhundert entwickelte sie sich zum größten Stadtstaat nördlich der Alpen. Die reich gewordenen Bürger in den westlichen Altstadtteilen bauten hohe Häuser mit Arkaden (Lauben), die sich zu einer gut sechs Kilometer langen regensicheren Einkaufsmeile summieren. Daher stammt der Name Kramgasse. Diese ist jedoch eine breite Straße mit Trinkwasser spendenden Brunnen und führt zu Berns Wahrzeichen, der Zytglogge, dem Zeitglockenturm, mit der astronomischen Uhr. Noch mehr als das stündliche Figurenspiel erstaunt der Blick vom Turm in die Altstadt: Keines der roten Dächer wird durch eine Antenne oder TV-Schüssel verunstaltet.

Leuchtend rotes Rathaus

Für die Moderne ist jedoch in der von der Aare begrenzten Altstadt kein Platz. Das Bernische Historische Museum mit seinem spiegelnden Anbau von 2008 steht jenseits des Flusses. Das von Renzo Piano gestaltete Zentrum Paul Klee liegt im Osten Berns. Und nur drei S-Bahn-Stationen sind es bis Brünn Westside zum gleichnamigen Komplex von Stararchitekt Daniel Libeskind mit Shopping Mall, Hotel, Kinos und Badelandschaft.
Viel freier konnte und kann Basel die Moderne ins Stadtbild einfügen und gilt als „Architekturhauptstadt“ der Schweiz. Vom tausendjährigen Münster, das 2019 erstmals seine karolingische Krypta für Besucher öffnete, geht der Blick über den Rhein ins Gestern und Heute, so auf den modernen Erweiterungsbau des Kunstmuseums durch das Architekturbüro Christ & Gantenbein.

Zum gelungenen Gestern inmitten der Stadt gehört das leuchtend rote Rathaus von 1514 am Marktplatz mit seiner exquisit bemalten Fassade. In der Moderne hatte Basel mit dem Tinguely-Brunnen von 1977 die Nase vorn. Bei den Bauten waren es beispielsweise Wilfried und Katharina Steib, die 1980 das Kunstmuseum Basel/Gegenwart schufen sowie Mario Botta mit der grau-weiß gestreiften BIZ, der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich von 1995, und dem Tinguely-Museum, einem roten Backsteinbau von 1996.

Außerdem lassen sich seit Jahren die Pharmafirmen Novartis und Hoffmann-La Roche von Stararchitekten ihre spektakulären Neubauten entwerfen. Die Planung für den Roche-Turm wurde allerdings in der Finanzkrise 2008 abgespeckt. Die bescheidenere Dreieck-Variante von Herzog & de Meuron, eröffnet 2015, hält jedoch den Schweizer Höhenrekord.

Schon seit 2001 wird das Novartis-Werksareal St. Johann in Basel – zugleich globaler Hauptsitz des Unternehmens – bis 2030 in ein Zentrum für Forschung, Entwicklung und Management umgewandelt. Die erforderlichen Bauwerke konzipieren unter anderem Frank Gehry, Renzo Piano, David Chipperfield, Tadao Ando, Marco Serra und SANAA. Ansonsten ist das bereits erwähnte Baseler Architekten-Duo Herzog & de Meuron, das mit der Hamburger Elbphilharmonie weltweit bekannt wurde, in seiner Heimatstadt der „Platzhirsch“, gefolgt von Diener & Diener, die unter anderem das strenge weiße Hotel Stücki nahe der Grenze zu Deutschland entwarfen und ein Zweitbüro in Berlin unterhalten. Recht konservativ wirkt jedoch ihr Davidoff-Bau von 2017, der insofern dem Zigarrenkönig Zeno Davidoff Reverenz erweist.

Verschachtelte Fenster

Mit Nachdruck baut in Basel schon lange die Schweizer Bahn SBB, verbessert gemeinsam mit renommierten Architekten das bisherige Umfeld und entwickelt sogar neue Stadtteile. Das Jacob Burckhardt Haus von 2006, direkt an den Gleisen, geplant von Zwimpfer und Partner, war ein Startschuss. Wegweisend wurde auch das langgestreckte, nur wenige Schritte entfernte Haus Südpark von Herzog & de Meuron, eröffnet 2011, das wegen seiner verschachtelten Fenster auffällt. Die beiden planten auch das neue Highlight direkt am Bahnhof, das im Mai 2019 eröffnete Meret-Oppenheim-Hochhaus.

Besonders gerne zeigt Architekturführerin Elsa Martin die Umwandlung des früheren Zollfreilagers Dreispitz in Basel-Münchenstein in einen Campus der Künste. Auch Wohnungen wurden gebaut. Die Idee der Kopenhagener Bjarke Ingels Group, die Apartments schräg auf einen vorhandenen Sockelbau zu stellen, hat überzeugt. Im Hintergrund haben nun Herzog & de Meuron, die den Masterplan für Dreispitz erstellten, ihr Archiv. Auch die Hochschule für Gestaltung und Kunst FHNW mit ihren 1000 Studierenden hat auf diesem Areal ihren Sitz und „sieht sich als Seismograf, der das lebendige kulturelle Feld abtastet. Denn Kultur ist nicht statisch, sondern ständig in Bewegung“, so ihr Credo im Internet.

Die Architektur und der Umgang mit ihr verändern sich ebenso. Seit Jahren wird in Basel „Urban Art“ (Street Art) locker praktiziert. Wo nichts Neues im Bau ist, wird Altes durch internationale Graffiti-Künstler aufgepeppt. Die Führungen von Philipp Brogli zu den Sprayer-Bildern sind ebenso gefragt wie die Architekturrundgänge. Also zeigt Brogli den fein gearbeiteten „Roten Hahn“ an der Wand eines Privathauses, den die Eignerin bei der Graffiti-Künstlerin Tika geordert hatte. Die Liegende Frau umringt von kleinen Astronauten, geschaffen von The London Police, macht eine Mauer lebendig. Die Firma IWB lässt ihre Kabelverteilerkästen durch Spraydosen-Malereien in zeitgenössische Stadtmöbel verwandeln, so durch die Mohnblumenlandschaft von Boogie.

Doch Fans der Moderne sagen nicht nur B wie Basel, sondern auch V wie Vitra. Die Stadt weiß das, und so fährt der Bus 55 ab Basel Badischer Bahnhof oder ab Claraplatz ins deutsche Weil am Rhein und weiter zum Vitra Campus, der „Spielwiese“ der Moderne. Noch immer begeistert das 1989 gebaute Vitra Design Museum mit angeschlossener Produktionshalle, Frank Gehrys erster Bau in Europa. Das außergewöhnliche Feuerwehrhaus von Zaha Hadid von 1993 war ihr Durchbruch als Architektin. Nach wie vor wird der ebenfalls 1993 eröffnete, minimalistische Konferenzpavillon von Tadao Ando genutzt, der Entwurf eines Autodidakten, der vom Profiboxer zum Architekten und Pritzker-Preisträger avancierte. 2010 schufen Herzog & de Meuron dort das VitraHaus und 2016 das Schaudepot, ein Hingucker aus knallrotem, fein strukturiertem Backstein.

Vitra ist aber nach wie vor ein Produktionsstandort für Wohn- und Büromöbel. Sehr neu ist die Halle von SANAA aus Tokio, ein absolutes Novum aufgrund ihrer gewellten, milchig weiß schimmernden Fassadenhülle aus Acrylglas, die die 20 000 Quadratmeter große Halle verbirgt. Fragil und klinisch rein wirkt dieser von Kazuyo Sejima und Ryue Nishizawa geplante Bau von außen und sehr angenehm von innen. Dieses Gebäude zeige die zukünftige Industriebau-Architektur, glauben zumindest die SANAA-Gründer. (Ursula Wiegand)

(Blick auf die Berner Altstadt mit dem Münster und in die Kramgasse mit dem Zeitglockenturm. Das Haus Südpark mit den verschachtelten Fenstern in Basel und das Vitra Design Museum - Fotos: Ursula Wiegand)

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