Immer mehr Flächen werden bebaut. Das birgt das Risiko, dass Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden werden. Um die Fliegerbomben zu entschärfen, muss weiträumig evakuiert werden. Der entsprechende Radius lässt sich mit einer Simulationssoftware reduzieren.
BSZ: Herr Trometer, Sie haben eine Software entwickelt, mit der man beim Entschärfen von Bomben die Gefährdung analysieren kann. Was kann man mit Ihrer Software noch alles simulieren?
Stefan Trometer: Mit VC Blastprotect können wir Gefahrenbereiche ermitteln, die sich durch Druckwellenausbreitung und Splitterflug von Fliegerbomben aus dem Zweiten Weltkrieg ergeben. Das Besondere ist, dass man die Auffindesituation nachbilden kann und dass Gebäude rund um die Fundstelle in die Simulation einbezogen werden. Dabei entstehen sogenannte Abschattungseffekte, die die Gefahrenbereiche teilweise sehr deutlich reduzieren und es erlauben, Evakuierungsmaßnahmen auf ein Minimum zu begrenzen. Zudem können zusätzliche Objekte wie zum Beispiel Container in der Simulation ergänzt werden, um so möglichst sinnvolle und effiziente Abschirmmaßnahmen für die ganz individuellen Situationen zu ermitteln. Das alles fließt ein in unsere digitale Kartenanwendung VC Map ein. Für diese Anwendung haben wir noch andere Erweiterungen, wie zum Beispiel das interaktive Planungswerkzeug VC Planner, eine Solar App oder einen Modellexport.
BSZ: Kann man möglicherweise mittels der Gefährdungsanalyse durch die 3D-Bombensimulation den Evakuierungsradius reduzieren?
Trometer: Ja, wenn es die Umstände zulassen, ist es mithilfe der Simulation möglich, die Evakuierungsbereiche teilweise deutlich zu reduzieren. Denn Abschattungseffekte zum Beispiel aus einer tiefen Grube am Fundort oder eine dichte Bebauung in unmittelbarer Nähe reduzieren die Gefahrenbereiche deutlich, und zwar nachweisbar auf Basis von verifizierten physikalischen Modellen und nicht nur auf Basis von Erfahrungen der Entschärfungsexperten. In einem absolut freien Umfeld ohne Abschattungseffekte ergeben übrigens die Simulation und die gängigen Ansätze der Experten identische Gefahrenbereiche.
BSZ: Hätte man durch den Einsatz Ihrer Software die gigantische Evakuierung in Nürnberg vor ein paar Wochen mit 21 000 Menschen, die evakuiert werden mussten, kleiner ausfallen lassen können?
Trometer: Da wir in das Projekt nicht involviert waren, kann ich keine absolut konkrete Einschätzung abgeben. Allerdings handelte sich bei der entschärften Tausend-Pfund Fliegerbombe um einen üblichen und häufig gefundenen Bombentyp, den man mit Blastprotect simulieren kann. Mit der Simulation hätte man überprüfen können, ob eine begrenztere Evakuierung vertretbar gewesen wäre. Die Software versteht sich ja als unterstützendes System bei der Entscheidungsfindung, sie liefert eine zusätzliche Perspektive, die in die komplexen Überlegungen einbezogen werden kann.
BSZ: Wer setzt diese Software bereits ein?
Trometer: Mit der Feuerwehr in München, wo es kürzlich auch eine große Evakuierung gab, haben wir zum Einsatz der Software ein länger angelegtes Evaluierungsprojekt gestartet, bei dem wir mit allen Beteiligten den praktischen Nutzen der Software erproben und diskutieren. Das entwickelt sich vielversprechend und ließe sich problemlos auf die Feuerwehr in Nürnberg übertragen. Und natürlich profitieren alle weiteren Anwender von den umfangreichen Erfahrungen der bisherigen Projekte. Zudem gab es im Mai die größte zivile Sprengversuchskampagne seit Kriegsende, bei der die Versuche und Auswertungen vor Ort unsere Simulationsergebnisse voll bestätigt haben.
BSZ: Was kostet die Software?
Trometer: Das ist unterschiedlich. Einerseits bieten wir Untersuchungen als Dienstleistung für einzelne Verdachtsmomente an, wir begleiten dann auch den gesamten Prozess der Analyse und Auswertung in Zusammenarbeit mit den Experten vor Ort. Wir vergeben die Software aber auch als Lizenz zum Beispiel an die Landesbehörden der Kampfmittelräumung in Nordrhein-Westfalen und Brandenburg.
BSZ: Was planen Sie noch?
Trometer: Auf Basis der großen Sprengversuchskampagne, die ich erwähnt habe, entwickeln wir ein Simulationsmodell für die Untergrundwirkung von Fliegerbomben. Denn ein großer Teil der Sprengkraft wirkt nicht nach oben sichtbar, sondern unterirdisch in Erschütterungen und Druckwellen im Boden. Diesen Effekt wollen wir konkreter bewerten können, damit man beispielsweise Versorgungsleitungen oder unterirdische Infrastruktur besser schützen kann. Dieses Untergrundmodell soll nach Abschluss der Forschungsarbeiten in die Software integriert werden, um so für alle Anwender zur Verfügung zu stehen.
(Interview: Ralph Schweinfurth)
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