Beruf & Karriere

Auch mit 70 Jahren wollen viele Menschen noch nicht in Rente gehen. (Foto: dpa/Claudia Drescher)

21.06.2019

Bye-bye Babyboomer

Immer mehr Erwerbstätige aus den geburtenstarken Jahrgängen gehen in Rente – mit weitreichenden Folgen für Wirtschaft und öffentlichen Sektor

Fast ein Drittel aller Deutschen wurde zwischen Anfang der 1950er- und Ende der 1960er-Jahre geboren. Wenn sie nun sukzessive aus dem Berufsleben ausscheiden, bleibt eine große Lücke. Aber nicht alle wollen komplett in den Ruhestand – Arbeitsmarkt und Gesellschaft sollten diese Chance nutzen.

Im Auftrag der Hamburger Körber-Stiftung hat das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung dazu geforscht und fundierte Thesen entwickelt – vor allem mit Blick auf die Situation der öffentlichen Hand: Die Babyboomer gehen in Rente. Was das für die Kommunen bedeutet, so lautet der Titel einer Ende letzten Jahres veröffentlichten Publikation. Deren Inhalt wirkt auf den ersten Blick eher ernüchternd. Die Generation, die im Geburtenboom nach dem zweiten Weltkrieg verortet ist, hat viel geleistet, sich in der Mehrzahl gut qualifiziert und damit wesentlich zum bis heute anhaltenden Wohlstand beigetragen. Das ist schnell nachvollziehbar – ebenso wenig verwundert es, dass es in Politik, Verwaltung und Wirtschaft überdurchschnittlich viele in Führungs- und Spitzenpositionen geschafft haben. Gerade auf diesen Entscheider-Ebenen wird der Kahlschlag besonders heftig ausfallen.

Dies könnte, so eine These der Körber-Stiftung, ganze Landstriche in wirtschaftliche Schieflage bringen: „Vor allem in ländlichen Regionen dürfte das altersbedingte Ausscheiden der Babyboomer große Lücken in die Belegschaften reißen und die vielen, dort ansässigen und derzeit noch erfolgreichen kleinen und mittelständischen Unternehmen vor eine Bewährungsprobe stellen.“ Zudem hat sich die Kinderzahl bei der Gruppe der Babyboomer von vormals durchschnittlich 2,2 auf 1,4 reduziert. Das bedeutet, dass in Regionen ohne gravierenden Zuzug der Altersschnitt hoch und die Bevölkerungsdichte am Abnehmen ist. In einigen suburbanen Neubauvierteln der 70er- und 80er-Jahre lassen sich die Auswirkungen gut beobachten. Während in den Ballungsräumen der Wohnraum immer knapper und teurer wird, stehen hier manche Einfamilienhäuser bereits leer. Die Viertel, deren Bewohner einst die Mitte der Gesellschaft bildeten, sind heute überaltert, die Immobilienpreise spiegeln dies wider. Und es kommt noch ein Faktor hinzu: Sehr viele aus der Babyboomer-Generation altern ohne Familienanbindung, weil sie ledig, geschieden oder bereits verwitwet sind und ihre Kinder den heimatlichen Wohnort jobbedingt verlassen haben.

Die gute Nachricht: Die Menschen dieser Generation sind, zumindest im Durchschnitt, gesünder als je zuvor und haben häufig vielfältige Interessen, die sie gerne in den Dienst der Gesellschaft stellen. Oder sie wollen weiter eine Erwerbstätigkeit ausüben: „Laut einer Forsa-Umfrage der Körber-Stiftung von 2018 können sich rund zwei Drittel der 50- bis 64-Jährigen vorstellen, unter selbst gewählten Bedingungen auch im Rentenalter noch einer bezahlten Beschäftigung nachzugehen. Dabei ist ihnen wichtig, dass sie Spaß an der Arbeit haben, dass sie anderen damit helfen können und dass die Tätigkeit weniger zeitintensiv als zuvor ausfällt.“ Folglich empfehlen die Autoren des zitierten Thesenpapiers, dieser Bereitschaft seitens Politik, Verwaltung und Wirtschaft entgegenzukommen.

New Work für Senioren

Scheinbar erwarten manche aus der neuen Generation „60 plus“ intuitiv das, was unter dem Schlagwort New Work bislang vor allem auf Jobeinsteiger und qualifizierte Nachwuchskräfte projiziert wird – Arbeit, die Sinn macht, bei flexibler Zeitgestaltung und in Teams, die weitgehend selbstbestimmt zusammen arbeiten dürfen. Ob dies helfen kann, ein paar der vielbeschworenen Probleme des Fachkräftemangels zu lösen, sei dahingestellt. In jedem Fall gibt es viel Potenzial, dem Arbeitsmarkt neue Impulse zu geben und – vor allem regional –, Herausforderungen konstruktiv anzugehen. Ob in der Begleitung von Nachwuchskräften in den Job, Stichwort „Mentoring“, oder in der Betreuung von pflegebedürftigen Menschen durch entsprechend geförderte Initiativen, zu tun gibt es genug.

Um dies zu organisieren und zu fördern, können und müssen die Kommunen eine wichtige Rolle spielen. Wo entsprechende Modellprojekte zum Laufen kommen, kann dies nicht nur Leuchtturm werden für andere Orte. Es würde auch die regionale und lokale Attraktivität als Standort für die Wirtschaft und als Anziehungspunkt für jüngere Menschen fördern, die eine solche Kultur mehr schätzen als den Hype der boomenden Städte. Wenn die Demografie-Experten der Körber-Stiftung von „lokalen Pflegenetzwerken und einer Kooperation von Kommune, Bürgern und Fachpflege“ sprechen, von „dezentralen und multifunktionalen Läden“, die Einkaufen, Amtsgeschäfte und spezielle Angebote für Ältere unter einem Dach bündeln, klingt das zumindest nach interessanten Perspektiven, die es zu prüfen lohnt. Vielleicht wird aus dem Abschied der Babyboomer mancherorts ein vielversprechender Neustart. (Frank Beck)

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