Beruf & Karriere

Auf die Frage, wie oft ein Minister mit Rücktritt drohen könne ohne sich lächerlich zu machen, entgegnete Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) ironisch: „Ach, da setzt die Kunst keine Grenzen.“ (Foto: dpa)

12.07.2018

Nicht in die Zwickmühle bringen lassen

Wer im Joballtag vor einem „Entweder-oder“ steht, sollte erst einmal „sowohl als auch“ in Betracht ziehen

Klare Kante zeigen: In der Politik wie im Job gilt es als besondere Stärke, die eigene Position deutlich zu machen und sich durchzusetzen – wenn es sein muss, ohne Rücksicht auf Verluste. Handlungsspielräume und inhaltliche Qualität gehen dabei leider schnell verloren.

Die politische Bühne bietet derzeit genügend Beispiele dafür, wie mit vermeintlich klaren Worten Sachverhalte verschleiert und Beziehungen ins Wanken gebracht werden können. Besonders tragisch erscheint dies, sofern machbare und dringend notwendige Lösungen der Rechthaberei zum Opfer fallen und Problemstellungen auf ein triviales, „twitter-kompatibles“ Maß verkürzt werden. Die Grundlage dafür bildet in der Regel, dass eine Position oder Meinung zur tatsächlich und ausschließlich geltenden Wahrheit erhoben wird. Ist diese erst einmal verbreitet und hat sie genügend Anhänger erlangt, wird es immer schwerer, noch einen Schritt zurückzutreten oder andere Sichtweisen zuzulassen. Das Dilemma nimmt seinen Lauf – und produziert zusätzliche Probleme, die mit dem ursprünglichen Thema manchmal gar nichts mehr zu tun haben. Soziologen sprechen von einem Konfliktsystem, das sich durch eine eigene Logik aufbaut und durch die Beiträge der Teilnehmer immer wieder selbst erneuert. Durch die Stabilisierung in einer paradoxen Lage scheinen die Lösung des Problems oder die Auflösung des Konfliktes bald unmöglich: Ob vor oder zurück, alles ist falsch und führt, je nach Betrachtungsweise, unweigerlich zum Gesichtsverlust.

Dabei muss eine paradoxe Zwangslage nicht gleich die Folge machtpolitischer Taktierereien sein. Wer kennt nicht die ziemlich alltäglichen Herausforderungen, die uns mit dem „Entweder-oder“ konfrontieren: „Soll ich jetzt das Bad putzen oder mich auf die Couch setzen?“ Die Auflösung solcher Gewissensfragen nimmt manchmal genauso viel Zeit in Anspruch, wie die Erledigung der unerwünschten Tätigkeit selbst und endet nicht selten mit dem faden Gefühl, doch die falsche Entscheidung getroffen zu haben. Wer sich entschließt, erst einmal das Bad zu putzen und sich dann genüsslich in den Sessel setzt, verhindert mit diesem zeitlich gestaffelten „Sowohl-als-auch“ nicht nur ein schlechtes Gewissen, sondern hat auch sachlich gewonnen. Möglich wäre zudem ein „Keines-von-beiden“ – beispielsweise stattdessen an den Schreibtisch setzen oder Spazierengehen. Was anhand dieser einfachen Beispiele eher banal anmuten mag, ist die Grundlage einer Methode, die auch gravierendere und komplexere Schieflagen aufzulösen hilft.

Vor oder zurück, alles führt zum Gesichtsverlust

„Entfaltung von Paradoxien“ wird das im Fachjargon genannt. Die Psychologin und Psychotherapeutin Insa Sparrer und der Logiker und Wissenschaftstheoretiker Matthias Varga von Kibéd gelten als äußerst erfahrene Experten in diesem Bereich und haben gemeinsam das „Tetralemma“-Modell für die systemische Strukturaufstellung entwickelt. Dies wird seit längerem in Coaching und Therapie wie auch in der Organisationsberatung angewandt, um Entscheidungs-Dilemmas auflösen zu helfen. Kann ein Klient oder eine Organisation zwischen zwei Optionen, repräsentiert als „Das Eine“ und „Das Andere“, keine Entscheidung finden, wird der Handlungsrahmen durch die Möglichkeiten „Keines von Beiden“ und „Beides“ erweitert.

Besonders tückisch an paradoxen Situationen ist es, dass die Handlungsfähigkeit schnell zum Erliegen kommt. „Wir müssen innovativer werden!“ rufen beispielsweise die einen im Unternehmen. „Das kostet nur unnütz Geld, wir müssen uns aufs Kerngeschäft konzentrieren!“ entgegnen die anderen. In der Auseinandersetzung um die „richtige“ Strategie passiert dann meist das wohl schlechteste fürs Geschäft: Es ändert sich gar nichts. Wobei auch dies, zumindest temporär oder taktisch, vielleicht eine kluge Option sein kann. Den Unterschied macht, ob eine solche Vorgehensweise als Ergebnis eines bewussten Entscheidungsprozesses unter Abwägung von mehreren Möglichkeiten entsteht oder als Lähmung aufgrund eines verhärteten und sich selbst befeuernden Konfliktsystems. Dem vorzubeugen, ist erst mal gar nicht so schwer. Als „Hausmittel“ hilft es bereits, sich den Satz „Die Anderen könnten vielleicht recht haben“ an geeigneter Stelle anzubringen und möglichst oft hervor zu holen. Das hält, wenn es ernst genommen wird, von voreiligen Wahrheitsfindungen erst einmal fern.

Was allerdings nicht falsch verstanden werden sollte: Eine eigene Position zu finden und diese selbstbewusst zu vertreten ist nicht nur grundsätzlich richtig, sondern für jegliche Art sozialer Gemeinschaft und produktiver Zusammenarbeit dringend erforderlich. Die Frage ist, wie offen mit Optionen umgegangen wird und wie Entscheidungsfindungen bei den einzelnen Beteiligten und im Gesamtgefüge ablaufen. Eine kritische und im Sinne neuer Lösungen ergebnisoffene Auseinandersetzung ist dabei sehr gefragt, Kraftmeierei eher weniger. (Frank Beck)

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