Beruf & Karriere

Blasmusik in Bangkok: Traditionslokal „Bei Otto“ mit Auswanderer Hermann Quint. (Foto: dpa/Carola Frentzen)

22.10.2021

"Steuerparadiese sind oft gar keine"

Finanzexperte Tobias Koch über die Fragen, ob sich durchs Auswandern Geld sparen lässt und was es dabei zu beachten gilt

Kommen mit der neuen Bundesregierung Steuererhöhungen? Aktuell fragen sich viele Unternehmer*innen und Selbstständige, ob sie im Ausland weniger zahlen müssten. Ob sich durchs Auswandern wirklich Steuern sparen lassen, erklärt der Experte für internationales Steuerrecht, Tobias Koch.

BSZ Herr Koch, zahlt man in Deutschland wirklich mehr Steuern als in anderen Ländern?
Tobias Koch Dazu schaut man sich am besten die Steuerquote an. Sie gibt an, wie viel Prozent des Bruttoinlandsprodukts Steuereinnahmen ausmachen. Deutschland hatte 2019 eine moderate Steuerquote in Höhe von 24,1 Prozent. Alle südlichen Staaten der EU, außer Spanien, sowie die Schweiz liegen darüber. Das als Steuerparadies bekannte Luxemburg liegt sogar deutlich über der deutschen Steuerquote. Nur einige osteuropäische Staaten, Irland und die USA liegen mit unter 20 Prozent deutlich darunter. Wer sich genauer damit beschäftigen will, für den lohnt sich der Blick in die Broschüre des Bundesfinanzministeriums „Die wichtigsten Steuern im internationalen Vergleich 2020“.

BSZ Reicht die Abmeldung in Deutschland und die Anmeldung im Ausland, damit man im Ausland Steuern zahlt?
Koch Nein, definitiv nicht. Das Melderecht ist steuerlich gar nicht so wichtig. Hierzu gibt es auch ein prominentes Beispiel: Boris Becker. Er lebte offiziell in Monaco, soll sich aber tatsächlich dauerhaft in München aufgehalten haben. Damit war er mit seinen gesamten weltweiten Einkünften in Deutschland steuerpflichtig.

BSZ Ab wann ist man also tatsächlich ins Ausland ausgewandert?
Koch Ausgewandert sind Sie, wenn Sie keinen steuerlichen Wohnsitz mehr in Deutschland haben. Das bedeutet, dass Sie keine Verfügungsmacht mehr über eine Wohnung im Inland haben. Dazu zählt sogar schon ein Zimmer ohne eigenes Bad und Küche. Nur eine Übernachtungsmöglichkeit in der Wohnung von Verwandten, in Geschäftsräumen oder Hotelzimmern gilt aber normalerweise nicht als Wohnsitz. Es kommt also immer auf das Gesamtbild der Verhältnisse an. Wir raten, dass Sie Belege aufheben. Damit können Sie beweisen, dass Sie auf absehbare Zeit nicht ins Inland zurückkommen werden. Das ist zum Beispiel der Fall bei Kündigung der Mietwohnung oder bei einer langfristigen Vermietung des Hauses oder der Eigentumswohnung.

BSZ Und wenn man trotzdem ein paar Monate im Jahr in Deutschland leben möchte?
Koch Das geht über den gewöhnlichen Aufenthalt. Das bedeutet, dass Sie weniger als sechs Monate am Stück in Deutschland sein dürfen. Bei einem kurzfristigen Auslandsaufenthalt läuft die Zeit weiter. Wichtig: Laut Rechtsprechung zählt auch ein zwangsweiser Aufenthalt im Krankenhaus in Deutschland zur Aufenthaltsdauer. Und Achtung: Die Sechs-Monats-Grenze zählt nicht, wenn sich erkennen lässt, dass Sie sich in Deutschland „zu Hause“ fühlen. Hier spielen berufliche, familiäre und gesellschaftliche Bindungen eine wichtige Rolle.

BSZ Was raten Sie denjenigen, die auswandern wollen?
Koch Das Land, in das Sie auswandern wollen, sollte auch wirklich Ihr neues Heimatland sein. Auswandern, nur weil man Steuern sparen will, können wir nur bedingt empfehlen. Denn neben der Einkommensteuer sollte man auch andere Steuerarten und Abgaben im Zielland, wie Erbschaft- oder Vermögensteuer, im Blick haben. Auch viele außersteuerliche Faktoren spielen eine Rolle, sei es das Sozialversicherungssystem oder die Lebenshaltungskosten. Für Unternehmer und Selbstständige hält das deutsche Steuerrecht außerdem eine Wegzugsbesteuerung parat. Das bedeutet, dass Deutschland bei Wegzug Ihre stillen Reserven aufdeckt und besteuert. (Interview: Gudrun Bergdolt)

Kommentare (0)

Es sind noch keine Kommentare vorhanden!
Die Frage der Woche
Vergabeplattform
Vergabeplattform

Staatsanzeiger eServices
die Vergabeplattform für öffentliche
Ausschreibungen und Aufträge Ausschreiber Bewerber

Jahresbeilage 2020

Nächster Erscheinungstermin:
10.Dezember 2021

Weitere Infos unter Tel. 089 / 29 01 42 54 /56
oder
per Mail an anzeigen@bsz.de

Download der aktuellen Ausgabe vom 11.12.2020 (PDF, 15 MB)

E-Paper
Unser Bayern

Die kunst- und kulturhistorische Beilage der Bayerischen Staatszeitung

Unser Bayern

LesenNachbestellen

Nur für Abonnenten

Shopping
Anzeigen Mediadaten
Abo Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.

Abo Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.