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67 Minuten dauert das Gletscherschauspiel HANNIBAL. (Foto: Ernst Lorenzi)

03.04.2019

Hannibal ante Sölden

Zum 19. Mal gibt es am Rettenbach Gletscher in Sölden das Gletscherschauspiel HANNIBAL

Am Freitag, den 12. April 2019, ereignet sich am Rettenbach Gletscher in Sölden das Gletscherschauspiel HANNIBAL im 19. Jahr seit seiner Entstehung 2001. Die Lebensgeschichte des karthagischen Feldherren und Bezwinger Roms wird von Ötztalern zusammen mit einer internationalen Darstellergruppe von Lawine Torrèn und Akro Teams von Red Bull in einer 67 minütigen Performance von Regisseur Hubert Lepka zum Leben erweckt.

500 Beteiligte stürzen sich in ein Echtzeitabenteuer, das seinesgleichen sucht. Die Motive Hannibals, die Kindheit an der Seite seines Vaters, sein Geschick als Weltenlenker und sein Zögern vor Rom, das den Untergang Karthagos als Weltmacht einläutet, werden in dramatischen Bildern und Szenen in die schneebedeckte Gletscherlandschaft gezeichnet. “Dieses Jahr stellten wir vier Buben aus dem Ötztal auf die Probe. Wer wird diesmal den Hannibal als Junge spielen? Mit dabei bei den Kandidaten war auch mein Enkel Aeneas. Er heißt übrigens wirklich nur deshalb so, weil eine der Hauptfiguren im Stück, der Aeneas, meine Tochter so beeindruckt hatte", verrät Ernst Lorenzi, der Initiator von HANNIBAL in Sölden.

Die Geschichte Hannibals beginnt mit neun Jahren. Er wird von seinem Vater Hamilkar (als Alleinerzieher) mitgenommen auf eine Mission nach Spanien. Gespielt wird der Junge Hannibal seit 2001 von einem Ötztaler Buben. Mittlerweile wurde zum siebten mal ein Bub gesucht, denn der erste, der zweite und der dritte sind jetzt junge Erwachsene, die wie Fabio Gstrein zum Beispiel erfolgreich im Weltcup-Team des ÖSV mitmischen. “Seit ich auf der Welt bin, gibt es den Hannibal in Sölden”, sagt Fabio, der für eine ganze Generation steht, die im Ötztal mit diesem Mythos aufgewachsen ist. Für sie ist es selbstverständlich, dass im April HANNIBAL gespielt wird.

“Dabei ist es alles andere als selbstverständlich”, meint Hubert Lepka (Idee und Regie). “Wenngleich niemand weiß, wo Hannibal wirklich über die Alpen zog, gab es immer wieder den Einwand, es sei keinesfalls hier gewesen. Nun ist es aber so, dass Kunst und Mythen bewusst Fiktionen gestalten, die oft viel weiter von der Realität abweichen. Diese Verfremdung ist es ja gerade, die wirksam auf das Hier und Jetzt zurückwirkt. Das Wesen eines Brauchtums - und darum handelt es sich bei Hannibal bereits - ist ja nicht die korrekte Wiedergabe eines Sachverhaltes, sondern dessen kulturelle Überhöhung. So trägt die Hannibal-Erzählung durch Mut und Gemeinsamkeit zum Selbstverständnis Söldens bei. Ob sich jemand durchsetzt oder nicht, ist oft vom Willen abhängig. Bei einer Gruppe aber vom Zusammenhalt. Bei der Audition für den neuen Hannibal junior hat sich Aeneas mit Witz und Können durchgesetzt. Ich freue mich sehr darüber, für ihn und für uns.“

Das gängige Filmformat 16:9 wird bei dieser live gespielten Theaterproduktion bei weitem übertroffen. Sämtliche Cinemascope-Leinwände und IMAX-Formate werden durch die Naturbühne des Gletschers spielend in den Schatten gestellt. Hannibals Bühne breitet sich auf 185 Grad aus und findet in der dritten Dimension statt. Darstellung, Dramaturgie, Musik, Licht & Pyrotechnik verschmelzen zur realen Immersion.

Das neu gestaltete Zuschauerareal am Rettenbach Gletscher in 2670 Metern Höhe trägt den Großveranstaltungen – Skiweltcup Opening und dem Gletscherschauspiel Hannibal – Rechnung. Der Raum für die Theaterbesucher wurde großzügiger und übersichtlicher gestaltet. Die gastronomische Seite spielt alle Stückerln. Neue Zuschauerräume können erstmals gebucht werden: beste Logenplätze mit karthagischen Leckerbissen inklusive.

Der Horizont zeichnet in der Dämmerung Scherenschnitte der 3000  Meter hohen Berggipfel. Dies ist der Bilderrahmen für die größte, von der Natur geformte Showbühne der Welt. Gespielt wird einmal in unmittelbarer Nähe der Zuschauer, ein anderes Mal kilometerweit entfernt. In den Köpfen der Besucher entstehen großformatige Bilder, die in die Theatergeschichte eingingen. Auf der riesigen Videowall inmitten der Bühne, unmittelbar neben der circa zehn Meter hohen Stufenpyramide, werden entfernte Szenen groß ins Bild gerückt. Im fiktiven Karthago TV Studio treffen der römische Feldherr Scipio und der karthagische Anführer Hannibal zu einem letzten Gespräch vor der Entscheidungsschlacht bei Zama zusammen. Hannibal sagt: „Wir müssen das nicht wirklich tun – gleich, wer diese Schlacht gewinnt, alles wird wie vorher sein. Die nennen`s bloß ‚Entscheidungsschlacht’, damit sie nachher etwas haben, wo sie was entscheiden können. Wir entscheiden gar nichts.“ Aber Scipio war der Typ, mit dem kein Frieden möglich ist. Einer der nie Ruhe gibt, bis du bettelnd vor ihm liegst und um Frieden flehst. Scipio schmeißt im Weggehen Hannibal den Fehdehandschuh auf den Studiotisch aus frischem Gletschereis. Am Ende könnte man meinen, von dem Ereignis heute Früh in der Zeitung gelesen zu haben.

218 v. Chr. überquerte der karthagische Feldherr Hannibal in nur zehn Tagen mit 60.000 Mann und 37 Elefanten die Alpen. Er überwand steile Bergflanken, das sich plötzlich ändernde Wetter, die Lawinen und besiegte Italien. Trotz militärischer Überlegenheit verzichtete Hannibal auf die Eroberung Roms. Ein Verzicht mit historischen Konsequenzen: Dem Zögern folgte die Niederlage gegen die Römer unter Scipio in der Schlacht bei Zama. Rom stieg zur beherrschenden Macht im Mittelmeerraum auf, Karthago - auf dem afrikanischen Kontinent gelegen, dort wo heute Tunis ist - versank in Bedeutungslosigkeit.

Und damit sind wir mitten drin im Gletscherschauspiel HANNIBAL: Der halbe Ort Sölden schnallt die Ski an, wenn es um die Vita des karthagischen Feldherren geht, in subtiler Weise analysiert auf der Couch des riesenhaften Rettenbach Gletschers. Auf 3000 Metern Seehöhe und mit allem, was die bewusste und unbewusste Kenntnis der Geschichte der Punischen Kriege dabei assoziiert, entfaltet sich ein reales Geschehen, das wir so noch nie und nirgends gesehen haben. (BSZ)

(Der junge Hannibal heißt in diesem Jahr Aeneas; ein imposantes Schauspiel - Fotos: Ötztal Tourismus/Ernst Lorenzi (2)/Magdalena Lepka/Alexander Lohmann)

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