Reisen

Durch 123 Tori hinauf zum Motonosume-Inari Jinja-Schrein in Nagato. (Foto: Ursula Wiegand)

12.06.2019

Kultur und Kulinarik

Westjapan verbindet traditionellen Charme mit heutiger Moderne

Fukuoka ist eine angenehme Stadt“, sagt ein Flugbegleiter, und bald wird klar, was nicht nur ihm in dieser City an der Nordwestküste der Insel Kyushu gefällt. Sicherlich ist es das bewusst geübte Miteinander von traditionellem Charme und heutiger Moderne, das diese sechstgrößte Stadt Japans prägt. Besonders beliebt ist der lebendige Stadtteil Hakata. Lebhaftes, aber nicht lautes Treiben herrscht am Abend in den kleinen Sträßchen mit den vielen Restaurants und Sushi-Bars. Viele spazieren gerne am Fluss Nakagawa entlang, wo sich auch Hotels und Hochbauten aneinanderreihen. Die passen ebenfalls zum Stadtbild, ist doch Fukuoka das wirtschaftliche und kulturelle Zentrum von Kyushu. Mit ihrer Größe protzen diese Bauten jedoch nicht.

Protzen gehört ohnehin nicht zur japanischen Lebensart, und selbst die Residenz des früheren Kohlebarons Ito Den-emon in der Stadt Iizuka wirkt von außen bescheiden, ist aber drinnen größer als vermutet. Die Räumlichkeiten werden rund um das Mädchenfest am 3. März für die beliebten Puppenausstellungen genutzt, ein Hit für japanische Familien. Von außen zeigt das Den-emon-Haus auch das Faible der Japaner für alles was grünt und blüht. Ein Wohnsitz ohne einen Garten oder einige gekonnt beschnittene Bäume ist „nur die halbe Miete“. Ausflüge zu kunstvoll angelegten Gärten mit ihrer in Jahrhunderten entwickelten Landschaftsarchitektur stehen daher hoch im Kurs. So zu beobachten im Chofu-Teien-Garden in Shimonoseki, das nordöstlich von Fukuoka und auf der Hauptinsel Honshu liegt.

Ferner fällt in Westjapan auf: In kleineren Orten und auf dem Land gibt es noch zahlreiche traditionelle Holzhäuser. Doch statt der ursprünglichen Papierfenster schützen nun oft Glasfenster vor widrigen Winden. Ist mehr Platz für die Familie nötig, wird in ländlichen Gebieten eher angebaut als aufgestockt, zu sehen an einem Gehöft am Wegesrand.

Japan wie vor einigen Jahrhunderten lässt sich live auch im Städtchen Tsuwano in der Präfektur Shimane erleben. Solch ein historisches Umfeld lieben die Japaner und nennen Tsuwano gerne Klein-Kyoto, schon wegen der unter Denkmalschutz stehenden Tonomachi Straße. Dort reihen sich stattliche Häuser hinter weißen, mit einem Rautenmuster verzierten Mauern. Es sind Samurai-Bauten aus der Tokugawa-Zeit, auch Edo-Zeit genannt, als die Shogune aus dieser Familie von 1603 bis 1868 Japan beherrschten.

Gleich unter den Shogunen rangierten die Samurai, die tapferen und gut dotierten Kämpfer. Bei einigen ihrer Häuser ragen nur die Dächer über die weißen Mauern. Die Samurai schotteten sich offenbar ebenso gerne ab, wie es die Shogune rund 250 Jahre lang gegenüber dem Ausland taten. Umso mehr verblüfft eine kleine katholische Kirche zwischen den Samurai-Häusern. Die wurde aber erst 1931, in der toleranteren Meiji-Zeit, errichtet und zwar zur Erinnerung an die in der Tokugawa-Zeit verfolgten und ermordeten Christen.

Andererseits fällt vor einem kleinen Haus das Straßenschild Unter den Linden auf. Die Verbindungen nach Deutschland und insbesondere nach Berlin haben Tradition, hatte doch der Militärarzt und Literat Mori Ogai (1862 bis 1922) in Leipzig und Berlin Medizin studiert und so gut Deutsch gelernt, dass er sogar den Faust ins Japanische übersetzte. Seine Novelle Das Ballettmädchen könnte das Porträt einer Berlinerin sein, in die er sich verliebt hatte.

Noch weit mehr verlieben können sich Japan-Reisende in die Stadt Matsue an der Japanischen See und ihr mächtiges, 1611 erbautes Schloss. „Japan besaß früher etwa 260 Schlösser, von denen zahlreiche rekonstruiert wurden. Aber nur zwölf sind noch original und wurden lediglich restauriert. Zu diesen gehört das Matsue Castle“, betont Guide Akira Sato. Der wohlproportionierte Bau mit den leicht geschwungenen Dächern leuchtet in der Nachmittagssonne. Über viele blank polierte Holzstufen steigen Schloss-Fans hinauf in den obersten Saal. Aus den Fenstern geht der Blick über Matsue. Zu Füßen des Schlosses saugen die dunklen Dächer der traditionellen Häuschen die Nachmittagssonne auf, in der verschatteten Ferne ragen einige Hochhäuser empor.

Der Motonosumi-Inari Jinja-Schrein

Wieder unten, ein Abstecher zum Fluss, auf dem Holzboote entlang tuckern. Die Häuschen auf der einen Flussseite wirken wie eine Kleingartenkolonie. Am anderen Ufer, in der Shiomi Nawate Straße, sind die Häuser deutlich größer. Nur ein ehemaliges Samurai-Haus gibt sich bescheidener. Das und seine Nebengebäude – alles absolut streng und minimalistisch gestaltet – können besichtigt werden. Ein asketisch wirkender Stil, selbst für den Wohnsitz eines vermutlich reichen Samurai.

Den modernen Kontrapunkt setzt schließlich Matsues Shimane Kunstmuseum am Meer, ein Bau aus dem Jahr 1999, entworfen von Kiyonori Kikutake. Das geschwungene Dach, das wie eine gebogene Hutkrempe über das längliche Gebäude hinausragt, passt zu den heranrollenden Wellen, ein Schwung, der sich drinnen im Gebäude sehr schön fortsetzt.

Einen deutlich anderen Eindruck vermittelt das unweit von Matsue gelegene Adachi Kunstmuseum. Der Gründer, Adachi Zenko, hat hier Architektur, Natur und moderne japanische Kunst in jahrelanger Arbeit miteinander vereint. Passend zu dieser Symbiose hat er auch einen neuartigen, fast 4000 Quadratmeter großen Garten mit sechs unterschiedlichen Teilen geschaffen. Der zählt nun zu den zehn schönsten Gärten in ganz Japan.

In dieser Parkanlage zu flanieren ist trotz der Wege nicht gestattet. Nur durch die großen Museumsfenster oder von kleinen Aussichtsplätzen im Freien lässt sich dieser von starren Vorgaben befreite Landschaftsgarten betrachten. Für die meisten Museumsbesucher ist der Garten das eigentliche Highlight.

Dennoch übertrifft für viele Reisende ein außergewöhnliches Bauwerk alle anderen: der Motonosumi-Inari Jinja-Schrein in Nagato an Honshus Nordwestecke. Die 123 roten Tori (Tore), die sich dicht an der Japanischen See den Berg bis zum Heiligtum hinauf- und hinabschlängeln, sind ebenso faszinierend wie die damit verbundene Story. Ein weißer Fuchs, im Shintoismus ein Götterbote, sei 1955 einem Fischer im Traum erschienen und habe zum Bau eines Schreins aufgefordert, was danach auch geschah. Doch erst nach einem CNN-Bericht von 2015, der diese Schrein-Konstruktion in wilder Landschaft unter die 31 schönsten Plätze Japans einreihte, setzte der Run ein.

2018 kamen mehr als eine Million Menschen. Sie haben diese „rote Tori-Schlange“ bestaunt und sind durch die 123 Tore hinauf zum Schrein und wieder hinunter gestiegen. Wer an einem Regentag und nicht in der Hochsaison kommt, hat diese Besonderheit vielleicht fast für sich und danach dieses Wunderwerk Westjapans für immer im Gedächtnis.

Die Küche ist
fabelhaft und preiswert

Unvergesslich bleibt aber auch Westjapans fabelhafte Küche, die überdies deutlich preiswerter ist als Vergleichbares in Tokio oder Kyoto. Schon bei den Frühstücksbuffets, zum Beispiel in den Tokyu Hotels, haben die Gäste die Qual der Wahl. Mittags und abends gibt es nicht nur Sushi vom Feinsten, sondern leckere Menüs serviert in hübschen Schalen und Schälchen. Denn das Auge isst mit – das weiß man in Westjapan.

Zum Gourmet-Höhepunk wird vor dem Rückflug ab Osaka Kaiseki Kitchen, ein Spitzenmenü mit zehn Gängen von höchster Qualität. Das hat seinen Preis, wäre aber in Kyoto dreimal so teuer. Daher wundert es nicht, dass Feinschmecker aus aller Welt Japan verstärkt ins Visier nehmen. In Westjapan muss es aber kein Edelrestaurant sein, um Gaumen und Augen zu beglücken. Auch die kleinen und preiswerten Betriebe bieten gute, schmackhafte, zumeist regionale Küche. (Ursula Wiegand)

(Weitere Infos unter: Japanische Fremdenverkehrszentrale JNTO, Kaiserstraße 11, 60311 Frankfurt, Tel. 069-20353, E-Mail: fra@jnto.de, Website: www.jnto.de)

(Das Schloss von Matsue und das Den-emon-Haus in Iizuka; Samurai-Häuser hinter hohen weißen Mauern und Sushi vom Feinsten - Fotos: Ursula Wiegand)

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