Freizeit und Reise

Der Turm der Dorfkirche St. Katharina ragt nach der Flutung des Dorfes 26 Meter aus dem Reschensee. (Foto: Karin Kudla)

01.10.2026

Südtirol einmal ganz anders

Die Ferienregion Reschensee: Urlaub im Schatten des versunkenen Kirchturms

Ein 36 Meter hoher Kirchturm aus Naturstein war seit 1357 Mittelpunkt des Südtiroler Dorfes Graun. 1950 musste das ganze Dorf einem Stausee weichen. Seitdem ragt nur noch der denkmalgeschützte Turm eindrucksvolle 26 Meter aus dem Wasser und erinnert an das versunkene Dorf Altgraun. Die Landmarke ist Wahrzeichen der am Ufer des Sees neu aufgebauten Gemeinde Graun und der Ferienregion Reschensee, die gerade für aktive Urlauber einiges zu bieten hat.

Glurns ist mit knapp 1000 Einwohnern die kleinste Stadt Südtirols. Hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Bis heute ist die ringförmige Stadtmauer aus dem 15. Jahrhundert, die den Handelsknotenpunkt an der Etsch schützte, vollständig erhalten. In die frühere Hansestadt gelangt man durch einen der drei mächtigen Tortürme. Hinter der Mauer hat die Stadt ein mittelalterliches Flair. Bei einem Spaziergang durch die kopfsteingepflasterten Gassen und unter den charakteristischen Laubengängen wird die Geschichte der Stadt erlebbar. Einst gelangte sie durch den Salzhandel zu Wohlstand.

Wer frühmorgens die Wanderschuhe schnürt, um zum Sonnenaufgang auf einen Berggipfel zu wandern, wird mit einem Naturerlebnis belohnt, das lange in Erinnerung bleibt. Wanderführer Theo Plangger beginnt die Wanderung an der Rescher Alm. Der Aufstieg über 841 Höhenmeter auf den 2808 Meter hohen Piz Lad beginnt. Die ersten Schritte führen durch nächtliche Stille und Dunkelheit. Über den Köpfen funkeln die Sterne. Nur der schmale Lichtkegel der Stirnlampen lässt den Weg erkennen. Vorbei an schlafenden Kühen steigt die Gruppe Schritt für Schritt den Berg hinauf. Am Horizont zeichnen sich langsam die ersten Farben des Tages ab.

Wanderung zum Sonnenaufgang

Pünktlich zum Sonnenaufgang erreichen die Wanderer das Gipfelkreuz. Langsam schiebt sich die Sonne über die Berge und taucht die Gipfel in warmes, goldenes Licht. Die Aufstiegsanstrengung weicht der Begeisterung über die Weite und das beeindruckende Bergpanorama. Mit den ersten Sonnenstrahlen erwacht der Berg. Vogelgezwitscher mischt sich mit dem Läuten der Kuhglocken. Auf dem Rückweg lassen sich mit etwas Glück Gämsen, Steinböcke oder Murmeltiere beobachten. Nach rund vier Stunden erreicht die Wandergruppe wieder die Rescher Alm. Dort kann man frühstücken mit Panoramablick auf den Reschensee.

Regionale Produkte verleihen einer Region einen besonderen Charme. Oft schon vor Jahrhunderten entwickelte Produktionsweisen, regionale Zutaten und eine handwerkliche Produktion machen diese auch für Urlauber interessant. Auf der Laatscher Alm wird Käse hergestellt. In einer Schaukäserei kann man bei der Produktion zusehen und den Käse anschließend kosten. Die Arbeit am Berg beginnt morgens um vier Uhr, wenn die Kühe gemolken werden. Die frische Rohmilch fließt durch eine Milchpipeline in zwölf Minuten rund 200 Höhenmeter nach unten. In der Sennerei auf der Alm wird sie dann ab sieben Uhr zu Käse verarbeitet. Dazu wird die Rohmilch auf 32 Grad erhitzt. Kulturen und Lab kommen dazu. Frischkäse entsteht schnell, Käselaibe müssen über einen längeren Zeitraum täglich mit Salzwasser gereinigt und so gepflegt werden. Verkauft wird der Käse direkt auf der Alm.

Aktive Urlauber fahren mit dem Rad zur Alm. Startet man am Haidersee, fährt man entlang der historischen Römerstraße Via Claudia Augusta. Der Weg führt vorbei an der Malser Haide. Dort setzen die Bauern auch heute auf das traditionelle Bewässerungssystem. Die personalintensive Waalbewässerung funktioniert in der Bergregion besser als konventionelle Bewässerungssysteme.
Anschließend führt die Radtour weiter nach Burgeis, wo man einen spektakulären Blick auf das Benediktinerkloster Marienberg hat. Auf der insgesamt 35 Kilometer langen Tour kommt man zur Ortschaft Mals, die für ihre fünf Kirchtürme bekannt ist, und schließlich zur Alm auf 2049 Meter. Mit 850 Höhenmetern ist die Strecke anspruchsvoll und besonders für eine E-Mountainbike-Tour geeignet.

Unweit des versunkenen Kirchturms befindet sich am Ufer des Reschensees die örtliche Kitestation. Dort lernt man, wie man die Kraft des Windes nutzt, um mit Geschwindigkeiten von bis zu 70 km/h über das Wasser zu gleiten. Erfahrene Kiter lassen die Schirme schon kurz nach Kursbeginn steigen und sich über den rund 6 Kilometer langen See ziehen. Anfänger üben zunächst am Ufer die Grundlagen. Sie lernen, den Kite sicher zu steuern und seine Zugkraft kontrolliert auf das Board zu übertragen. „Vorne ist die Power Zone – da hat der Wind am meisten Zug“, ruft Surfguide Yannik seinen Schülern zu. Thermische Winde am Reschensee sorgen für sehr gute Bedingungen zum Kitesurfen. Während die Boards über das Wasser ziehen, sieht man dahinter die schneebedeckten Dreitausender.

Ob beim Wandern, beim Kitesurfen auf dem See, beim Verkosten von Almkäse nach einer anspruchsvollen Radtour oder beim Spaziergang durch das mittelalterliche Glurns: Die Ferienregion Reschensee beweist eindrucksvoll, dass sie weit mehr zu bieten hat als das weltberühmte Fotomotiv des Kirchturms im Wasser. Rund um den Reschensee findet man eine gelungene Mischung aus lebendiger Tradition und einem vielseitigen Outdoor-Angebot mit Biken, Wandern und Wassersport.

Die Skisaison in der Region Reschensee startet am 5. Dezember 2026 mit neuen Gondeln bei den Bergbahnen Schöneben-Haideralm. (Karin Kudla)
 

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