Reisen

Flowerpot Island mit den beiden Felstürmen. (Foto: Wiegand)

08.02.2018

Vom Tipi rein ins Kanu

Ontario: Eine Provinz mit vielen touristischen Möglichkeiten

Der nächste Sommer kommt bestimmt. Wie wär’s mit Manitoulin Island in der kanadischen Provinz Ontario? Eine Insel, die die Ureinwohner nach dem Großen Geist Manitou benannt haben. Noch heute sagen sie: „Wir leben auf der Insel Gottes“, und sie haben Recht. Mit 110 Seen ist dieses 2766 Quadratkilometer große Eiland im Huronsee die weltgrößte Frischwasserinsel. Hier muss niemand dürsten und darben.

Wer über Toronto und Sudbury anreist, erreicht Manitoulin Island über die mächtige Klappbrücke von Little Current, die von 1913 bis 1963 dem Eisenbahnverkehr diente. Nach Entfernung der Schienen und neunjähriger Sanierung fahren dort nur noch Autos, Motorräder sowie Busse, und bald fällt allen Besuchern auf, wie schön diese Insel mit ihren kleinen Yacht- und Fischerhäfen ist. In M’Chigeeng (vorher West Bay) lockt Maggie’s Café mit „Home cooking“. Hier werden alle gut satt. Gut so, denn Steve vom Stamm der Anishinaabe wartet schon vor der 1974 gegründeten Ojibwe Kulturstiftung (Ojibwe Cultural Foundation).

Die Foundation tut vieles, um die Ojibwe-Sprache der Anishinaabe sowie deren früher unterdrückte Kultur und Spiritualität zu beleben und zu bewahren. M’Chigeeng ist eines der „First Nations“-Gebiete auf Manitoulin Island. First Nations (anstatt Indianer) ist die heutige respektvolle Bezeichnung der von den Ureinwohnern besiedelten Gegenden und ihrer indigenen Bevölkerung.

Übernachten im Zelt

Steve (Stammesname Red Sky) wählt den „Great Spirit Circle Trail“, den Pfad des Großen Geistes. „Bei uns hat sich Gott (Manitou) nach der anstrengenden Erschaffung der Welt ausgeruht und uns alles gegeben, was wir zum Leben brauchen“, erklärt er und zeigt uns diverse Heilkräuter, von denen einige auch in Deutschland wachsen. Beim Ahornbaum schaut er, ob nicht zu viel Sirup abgezapft wurde. „Die Gaben von Mutter Erde müssen geachtet und in Maßen genutzt werden, damit für andere und unsere Nachkommen genug übrig bleibt“, betont er. Und lacht dann: „Wer den zuerst gezapften Ahornsirup trinkt, muss gleich aufs Klo. Die Wanderer brauchen aber kein Toilettenpapier, weiches Moos säubert gut und angenehm“, so Steves Rat. Immer wieder warnt er jedoch vor giftigem Efeu und beäugt kritisch einen Riesenpilz.

Der leichte, gut ausgeschilderte Trail endet an einem Felsvorsprung. Steve zeigt in die Ferne, wo der Huronsee durch den Nebel glitzert. Wandern wird in Ontario groß geschrieben und so gibt es auf Manitoulin Island zahlreiche Trails von zwei bis 14 Kilometern Länge. Um aber in die Riten und Bräuche der Ureinwohner „hineinzuwandern“, geht’s zurück zur Ojibwe Kulturstiftung. Die bietet ein interessantes Museum und einen Laden. Auf dem Gelände stehen weiße Tipis, die typischen „Indianerzelte“ zum Übernachten und ein traditioneller Wigwam. Die Anishinaabe waren Nomaden, all’ das konnte schnell ab- und aufgebaut werden. Nun wird der Wigwam für Workshops genutzt.
Steve startet mit einer Räucherzeremonie zur Reinigung von Körper und Geist. „Das machen wir jeden Tag zu Hause und im Büro“, versichert er und legt etwas Tabak, Zedernholzspäne, Süßgras und Salbei in eine Muschelschale. Das Gemenge zündet er an, hält die Hände über den Rauch und streicht mit ihnen übers Gesicht und sein schwarzes Haar. Genau so tun es die Besucher. Anschließend nimmt Steve eine Handtrommel und gibt etwas Unterricht. Das Trommeln gilt als Herzschlag von Mutter Erde und steht bei den First Nations hoch im Kurs.

Die Pow Wow’s, die traditionellen Trommel- und Tanzfeste, sind die Höhepunkte des Jahres. Zum Pow Wow in M’Chigeeng Anfang September reisen die Stämme von weither an. Manitoulin Island hat etwas Mystisches und das besitzt auch M’Chigeengs 1972 erbaute Kirche Mariä Unbefleckte Empfängnis (Immaculate Conception Church), die den durch eine Propangasexplosion zerstörten Vorgängerbau ersetzt. Sie verbindet den katholischen Glauben mit der Spiritualität der Frist Nations und ist optisch das Highlight der Insel. „Vor dem Gottesdienst machen auch wir eine reinigende Räucherzeremonie“, erklärt Gemeindebetreuerin Mary Kelly. „Alles an und in unserer Kirche wurde von indigenen Künstlern geschaffen. Den Bau hat der Architekt Manfred May aus North Bay geplant, die Türen fertigte Mervin Debassige, ein Künstler aus unserer Gemeinde. Die Zedernholz-Schnitzereien auf den Innenseiten der Türen sind die Stammeszeichen der Anishinaabe. Jeder Vogel und jedes Tier steht für einen Clan.“
Faszinierend ist der Raumeindruck. Wie im Tipi fällt das Licht von oben in den Rundbau, ein Symbol für den Kreislauf des Lebens. Die Besucher sitzen auf Stufen um den Altar, als säßen sie rund ums Lagerfeuer. Kürzlich wurde hier sogar eine Hochzeit nach den Riten der Ureinwohner gefeiert.

Verständlich, dass auch viele Urlauber diese ungewöhnliche Kirche besuchen. Ebenso gerne schauen sie sich die Brautschleier-Wasserfälle (Bridal Veil Falls) oder machen mit Steve eine Kanutour auf dem Ottersee. „Hier gehen wir immer fischen“, verrät er. Geangelt wird dabei jedoch nicht und so ist hinterher Eiscremeschlecken bei Farquhar’s angesagt, einem Laden mit 60-jähriger Tradition nahe dem Manitoulin-Hotel in Little Current. Tolle Sorten, große Kugeln. Wer zwei verzehrt, schafft kaum die nächste Mahlzeit und kann die gesparten Dollars im „Ten Mile Point“ – einem roten Gebäude bei Sheguiandah – investieren. Der mit First-Nations-Produkten voll gestopfte Laden ist eine Fundgrube.
Der gute Geist von Manitoulin Island folgt den Weiterreisenden. „Travel in good spirits“, steht seitlich auf der Fähre Chi-Cheemaun, die von South Baymouth über den Huronsee nach Bruce Island fährt. Ein zweistündiger Spaß in der Sommersonne.

Auf Anhieb gefällt auch der Zielhafen Tobermory, ein beliebter Ausflugs- und Ferienort. Die Terrasse vom „Fish & Chip Palace“ ist voll besetzt. Andere Lokalitäten machen die Gäste mit saftigen Steaks, Schokoladen-Kreationen, leckeren Eiscremes und echtem Cappuccino glücklich. Im Hafen wimmelt es von Yachten und Motorbooten. Vor allem die Fahrt mit einem Glasbodenschiff ist für viele ein Muss. Einige unterbrechen den Mini-Törn, um auf Flowerpot Island (Blumentopfinsel) zu baden, in den Felsen herumzuklettern und zu wandern. Ihren Namen verdankt sie zwei Felstürmen am Wasser. Je nach Perspektive ähnelt der eine aber eher einer Frau oder einem Berliner Bären.

Klettertour für Trittsichere

Spannendere Wanderpfade warten jedoch im Nationalpark von Bruce Island, so der Georgian Bay Trail. Ab dem Parkplatz geht’s zunächst auf einem simplen Waldweg zu einem Naturbadeplateau mitsamt einer Höhle (nur für schlanke Schwimmer). Danach wird der Trail hoch über dem blauen Wasser oft zur Klettertour für Trittsichere und Schwindelfreie. Nervenkitzel mit Aussicht.

Noch eins drauf setzt ein Hubschrauber-Flug. Kein Billig-Vergnügen, aber ein Erlebnis. Heli-Pilot John Mark zieht weite Schleifen über die unter Naturschutz stehenden Inseln im Fathom Five National Marine Park. Unter Wasser ist auch das Wrack der „Sweepstakes“ zu erkennen, die 1895 unterging und nun die Taucher begeistert. Klitzeklein wirkt aus der Höhe Tobermory und sein Hafen. Nun eine letzte Kurve und eine perfekte Landung. Wie schnell sind die teuren zwölf Minuten vorbei, doch missen möchte sie niemand und auch nicht die Eindrücke auf Manitoulin Island. (Ursula Wiegand)

(Die Trails sind gut ausgeschildert; Kanufahren auf dem Otter-See; die Fähre auf dem Huronsee und Blick vom Hubschrauber auf Tobermory - Fotos: Wiegand)

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