Freizeit und Reise

Bootshäuser in Dießen. (Foto: Angelika Irgens-Defregger)

06.05.2026

Von Carl Orff zu Michael Jackson

Auf kulturellem und kulinarischem Streifzug am Ammersee

Dießen am Westufer des Ammersees, überragt vom Juwel bayrisch-barocker Kirchenbaukunst, der Pfarrkirche Maria Himmelfahrt, verdankt seinen Bekanntheitsgrad heute vor allem dem traditionell zu Christi Himmelfahrt stattfindenden internationalen Töpfermarkt – ein Festival, das jährlich bis zu 60 000 Besucherinnen und Besucher anzieht.

Seit Oktober 2025 – dem Jubiläumsjahr zum 130. Geburtstag des bedeutenden Komponisten Carl Orff – glänzt in dem Luftkurort das Carl Orff Museum (kurz COMU genannt) als neuer Ort der Begegnung. Beiläufig verweist die Museumsadresse Ziegelstadel 1 hoch über dem Ammersee auf die keramische Tradition der Marktgemeinde.

Ein antiquiertes Telefon mit Wählscheibe dürfte der eigentliche Clou im neuen COMU sein. Nimmt man den Hörer ab, hat man sogleich Michael Jackson an der Strippe, der überraschenderweise nicht singt, aber mit markant hoher Stimme bei der Witwe von Carl Orff, Liselotte Schmitz, anfragt, ob er den berühmten Eingangschor aus Carmina Burana „Oh Fortuna“ nutzen dürfe.

Soviel sei hier verraten: Er durfte es nicht. Was den Superstar aber nicht davon abhielt, auch ohne die Erlaubnis Orffs bekanntestes Werk für seine Welttournee 1992 zu verwenden. Mit der Konsequenz eines nach sich ziehenden Rechtsstreits, der mit einem Vergleich endete. Diese und viele Geschichten mehr hört man in der neuen Dauerausstellung zu Leben und Werk des Komponisten und Musikpädagogen Carl Orff am genius loci – einst Refugium des Carmina-Burana-Schöpfers.

Behutsam erweitert

Mit seiner klaren und schnörkellosen Handschrift hat das Münchner Architekturbüro Meck die denkmalgeschützte Bestandsarchitektur aus Carl Orffs privater Wohn- und Arbeitsstätte behutsam erweitert. Dreh- und Angelpunkt des flach verlaufenden Betonneubaus ist das Foyer mit viel Raum für Luft und Licht. Es gewährt Ein- wie Ausblicke. Beispielsweise auf die Bronzeplastik das Rad der Fortuna im parkähnlichen Garten sowie über den Ammersee bis zum Kloster Andechs, wo der 1982 verstorbene Meister auf eigenen Wunsch in der Schmerzhaften Kapelle der Klosterkirche seine letzte Ruhe fand. Auf ewig benachbart mit den bayerischen Grafen von Dießen-Andechs-Meranier, eines der gewaltigsten Dynastengeschlechter aus der Zeit der salischen und staufischen Kaiser, deren Güter vom Main bis an die Adria reichten.

Als Erben des 1248 ausgestorbenen Geschlechts – ein kurzes Abschweifen in die weit zurückreichende Historie sei hier erlaubt – errichteten sich dann die Wittelsbacher auf dem „mons sanctus“ ein Hauskloster. Wenngleich die auf dem heiligen Berg beheimateten Carl Orff-Festspiele Andechs heute der Vergangenheit angehören, so ist dagegen das seit Alters her hier gebraute Andechser Klosterbier noch immer das wirtschaftliche Rückgrat des Benediktinerklosters.

Seit im 19. Jahrhundert der Münchner Maler Eduard von Grützner mit seinen stimmungsvollen Genrebildern für die hiesigen Klosterbrüder äußerst erfolgreich die Werbetrommel gerührt hat, ist das Bräustüberl kein Geheimtipp mehr. Allerdings dürfte auf der gegenüberliegenden Seeseite in Dießen mit dem neuen Museumscafé und -restaurant Klangbar im COMU, das zum Verweilen einlädt, eine gewisse Konkurrenz erwachsen.

Dass sein Pächter einen Hang zu authentischer Architektur hat, verrät auch sein nur wenige Gehminuten vom Bahnhof Dießen entferntes charmantes Strandhotel Suedsee mit eigenem Badesteg inmitten einer grünen Oase zum Entschleunigen. Zwischen Seepromenade und Naturschutzgebiet gelegen, gibt es in dieser Gegend kein schöneres Seegrundstück.

Das einstöckige Haus mit seinen frisch renovierten Zimmern im behaglichen Cottagestil und mit Ausblick auf Kloster Andechs kommt ganz ohne Fahrstuhl aus. Es präsentiert sich im Stil der späten 1960er-Jahre schlicht und elegant. Die Flure sind zugleich Showroom für zeitgenössische Künstler der Region. Apropos Kunst: Der Münchner Bildhauer Mathias Gasteiger und seine Frau Anna, eine erfolgreiche Blumenmalerin, erschufen sich von 1902 bis 1913 ein romantisch eingewachsenes Künstlernest nicht weit von Dießen entfernt in Holzhausen bei Utting.

Villa Gasteiger

Ihre Jugendstilvilla mit parkartigem Zugang zum See und Blick auf Kloster Andechs ist heute Museum. Es wird von der bayerischen Schlösserverwaltung betreut, in deren Besitz das Anwesen 1984 gelangt ist. Die Adresse lautet Eduard-Thöny-Straße, womit nicht nur ein weiterer Münchner Künstler benannt ist, den es an den Ammersee verschlagen hat, sondern gleich auf eine ganze Künstlerkolonie verwiesen wird, die um 1900 namhafte Künstler der Kunstrichtungen der „Scholle“ und der „Sezession“ in die Sommerfrische nach Holzhausen gelockt hat.

Bereits im 19. Jahrhundert bevölkerten zunehmend Künstler, Musiker und Schriftsteller das Ufer des drittgrößten Sees in Bayern. Während dem von den Wittelsbachern bevorzugten Starnberger See das Etikett „Herrensee“ anhaftete, galt der Ammersee als „Bauernsee“. „Trotz des Verkehrs, den das Dampfboot auf den See gebracht, ist Diessen übrigens noch heute ein stiller Ort … Sein Hauptbetrieb ist die Fischerei, die am Ammersee von jeher besonders blühte...“, schrieb der am Tegernsee ansässige bayerische Mundartdichter Karl Stieler 1881 werbewirksam in der Familienzeitschrift Gartenlaube.

Es waren die Fischer, die frischen Fisch zu den Klöstern in Andechs und Dießen brachten und den Übersetzverkehr solange aufrechterhielten bis im Jahr 1876 20 Dießener Bürger das erste Dampfboot bei einem einheimischen Schiffsbauer in Auftrag gaben. Zwei Jahre später wurde in Zürich ein weiteres Dampfschiff geordert. Dafür wurde eine Aktiengesellschaft gegründet mit dem Kloster Andechs als Hauptaktionär. Es folgten weitere Schiffe, darunter das Dampfschiff „Maximilian“ und das Privatschiff Ludwigs II. „Tristan“, das unter dem Namen „Ludwig“ bis 1898 in der Amperschifffahrt Verwendung fand. Heute sorgt für Nostalgie auf dem Ammersee der Raddampfer RMS Diessen mit echtem Schaufelrad.

Wer in Dießen aus dem Zug steigt, erreicht nach nur wenigen Metern den Dampfersteg Dießen und kann sich nach Herrsching übersetzen lassen. Von dort kann man hinauf zum Kloster Andechs wandern und nach Einkehr im Klosterbräustüberl bierselig wieder zurück nach Herrsching schlendern, wo die S-Bahn dem Münchner Ausflügler nachhaltige Mobilität garantiert.
(Angelika Irgens-Defregger)
 

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