Kommunales

Der Hauptbahnhof in Würzburg, Dreh- und Angelpunkt des ÖPNV in Unterfranken. (Foto: Pat Christ)

09.10.2020

600 Euro extra für zehn Minuten Fahrt

Azubis aus der Region Main-Spessart können das 365-Euro-Jahresticket im Großraum Würzburg nur eingeschränkt nutzen

Ohne die Bereitschaft der Bürger, vermehrt den Nahverkehr zu nutzen, kann Klimaschutz nicht gelingen. Die Kommunen locken mit dem Versprechen auf immer größere ÖPNV-Verbünde. Mancherorts wird der Umstieg jedoch reichlich schwer gemacht. Zum Beispiel in der Region Würzburg. Hier gibt es zwar ein 365-Euro-Jahresticket für Schüler*innen und Auszubildende. Allerdings sind längst nicht alle Haltestellen angebunden. Das belastet gerade Azubis finanziell.

Christine N. (Name geändert) wohnt in einer kleinen Ortschaft im Landkreis Main-Spessart. Vor einem Jahr begann sie eine Ausbildung in Würzburg. In Wolfsmünster, einem Örtchen in Main-Spessart mit Bahnhaltepunkt, steigt sie täglich in den Zug, um über Gemünden nach Würzburg zu gelangen. Für die Fahrt von Gemünden nach Würzburg kann sie das 365-Euro-Ticket nutzen. Die zehnminütige Strecke zwischen Wolfsmünster und Gemünden kostet sie jedoch monatlich rund 50 Euro extra. Denn diese Strecke wird von der thüringischen Erfurter Bahn betrieben. Die akzeptiert das Ticket für die Azubis aus dem Nachbarbundesland nicht. „Es sollte dem Landratsamt doch möglich sein, eine Lösung zu finden“, meint Christines Vater.

Thüringer Regiobahn akzeptiert Ausweise nicht

Dilemma: Das 365-Euro-Ticket kann nur funktionieren, wenn sich keine Beteiligten querlegen. Doch genau das geschah nach Auskunft des Landratsamts Main-Spessart in der Region Würzburg. „Leider beendete die Erfurter Bahn zum 31. Dezember 2014 die Anerkennung der Verbundfahrausweise“, berichtet Pressesprecherin Frauke Beck. Seitdem müssen zum Beispiel Bahnfahrscheine von Wolfsmünster bis nach Gemünden zugekauft werden: „Diese Situation ist für uns als Landkreis nicht direkt zu beeinflussen.“ Aktuell werde jedoch eine Überarbeitung der Einnahmeaufteilung für den Verkehrsverbund Mainfranken (VVM) vorbereitet.

Christine, die derzeit nahezu 600 Euro im Jahr für die Zehn-Minuten-Strecke bis Gemünden berappt, kann 2022 vermutlich mit einem Ticket bis nach Würzburg fahren. Denn dann soll der Verbund-raum erweitert sein. Der neue VVM-Tarif soll neben Würzburg, Main-Spessart und Kitzingen die Landkreise Bad Kissingen, Schweinfurt und Rhön-Grabfeld umfassen. In diesen Kreisen ist die Erfurter Bahn in Unterfranken hauptsächlich aktiv. Christine nützt die Erweiterung jedoch nichts oder nur wenig: Je nachdem, wann der neue Tarif genau kommt, ist sie mit ihrer dreijährigen Ausbildung zur Bürokauffrau fertig. Und wer weiß, ob sie danach weiter in Würzburg arbeiten wird.

Eigentlich sollte Schluss sein mit der "Klein-Klein-Politik"

Bessere Rahmenbedingen für die Nutzung des ÖPNV zu schaffen, das war vor genau zehn Jahren Ziel bei der Gründung der Marketing-Initiative Region Mainfranken GmbH. Er sei mit dem regionalen Personennahverkehr erst zufrieden, „wenn ein Bürger mit einem einzigen Ticket von Karlstadt bis zum Kreuzberg in die Rhön fahren“ könne, hatte Würzburgs damaliger Landrat Eberhard Nuß (CSU) anlässlich der Gründung vor der Presse vollmundig erklärt. Vorbild war für ihn der Nürnberger Verkehrsverbund. Um konkurrenzfähig zu sein, so Nuß, müsse auch in Mainfranken „Schluss sein mit der„Klein-Klein-Politik“.

Wie gesagt: Das ist zehn Jahre her. Für die unterfränkische Handwerkskammer (HWK) ist die momentane Situation alles andere als erfreulich. Denn Berufsschülerin Christine ist kein Einzelfall. Der HWK seien mehrere Fälle bekannt, bei denen sich der Weg zum Ausbildungsbetrieb aufgrund unterschiedlicher Tarifbestimmungen im ÖPNV schwierig gestaltet, so Pressesprecherin Nadine Heß. Die Kammer sei mit regionalen Akteuren im Gespräch und setze sich dafür ein, dass Nahverkehrsverbindungen in ganz Unterfranken weiter verbessert werden. „Eine gute Erreichbarkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist für Handwerksbetriebe ein wichtiger Wettbewerbsfaktor“, so Heß.

Am Ende bleiben sogar Lehrstellen unbesetzt

Letztlich steht sogar die Ausbildung auf dem Spiel: Ein schlechter ÖPNV kann ein Grund sein, warum Lehrstellen unbesetzt bleiben. Weil die Voraussetzungen für den ÖPNV von Region zu Region sehr unterschiedlich sind, seien individuelle Lösungen gefragt, so Heß: „Ein Beispiel ist der Azubi-Shuttle, der zum Ausbildungsbeginn im Landkreis Rhön-Grabfeld gestartet ist.“ Auch das 365-Euro-Ticket für Auszubildende im Verkehrsverbund Mainfranken sei ein wichtiger Schritt hin zu einem attraktiveren und vor allem bezahlbaren ÖPNV. Hier bedarf es auf kommunaler Ebene laut HWK allerdings weiterer Initiativen, um den Nahverkehr flächendeckend fortzuentwickeln. (Pat Christ)

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