Kommunales

Das Kehlsteinhaus am Obersalzberg wurde bei dem Brand fast vollständig zerstört. (Foto: dpa/Fotostand/Wassmuth).

30.10.2026

Abgrebranntes Kehlsteinhaus - massive Anfeindungen gegen Familie des Täters

Während die Notsicherung der Ruine des Kehlsteinhauses anläuft, rufen die Verantwortlichen im Berchtesgadener Talkessel zu Besonnenheit gegenüber der Familie des mutmaßlichen Brandstifters auf. Denn diese werden gerade mit Haß und Hetze überzogen. Das vom Hitler-Regime errichtete Ausflugsdomizil war vor einigen Tagen von einem psychisch kranken Mann angezündet worden

Trümmer am Berg, Hetze im Netz: Es ist ein Wettlauf gegen den ersten Schnee. Bis zum Wintereinbruch muss die Brandruine am Kehlstein gesichert sein. Nachdem die Polizei den Tatort freigegeben hat, übernimmt der Zweckverband Bergerlebnis Berchtesgaden die Baustelle. Doch bei der Verbandsversammlung im AlpenCongress ging es am Mittwochabend nicht nur um Statik und Bauschutt: Eindringlich warnten die Verantwortlichen im Talkessel vor einer Hetzwelle gegen die Familie des mutmaßlichen Brandstifters.

 Rund um die Uhr haben Polizisten die Trümmer bewacht, seit das Gebäude in der Nacht zum 24. Oktober in Flammen aufgegangen war. Inzwischen ist der Tatort freigegeben, ein privater Wachdienst soll ab sofort das Areal sichern. Was am Berg geschehen muss, stellte Bergerlebnis-Geschäftsleiter Michael Wendl vor. Sein Plan zeigt, wie knapp die Zeit vor dem Winter ist.

Absperrarbeiten haben begonnen

Die Absperrarbeiten des von den Nazis errichteten Kehlsteinhauses haben mittlerweile begonnen, in den kommenden Tagen wird weiteres Material per Hubschrauber zum Kehlsteinhaus hinaufgeflogen. Ein Schlosser sichert Fenster und Türen, denn die Sorge vor Plünderern ist spürbar: Neben dem Kamin sollen sämtliche verbliebenen historischen Gegenstände vor Diebstahl geschützt werden. Statiker und Sicherheitskoordinatoren sind bereits eingebunden, ein Notstromaggregat ist geordert. Auch das Holz für eine provisorische Schutzdachkonstruktion ist schon aufgemessen und das Gerüst bestellt, zählte Wendl auf. 

Spätestens am 4. November soll ein Kran stehen, tags darauf beginnt der Abtransport des Brandmaterials. Während Mitarbeiter des Salzbergwerks das Gebäude per Laserscan erfassen und der Zweckverband die Schäden fotografisch dokumentiert, prüft der Lift-Hersteller Otis den historischen Aufzug im Felsen. Auf der Buswendeplatte stehen bereits die ersten Container, Mitarbeiter schaffen Platz für die Baustelle.

Verbandsvorsitzender Bartl Wimmer brachte die Prioritäten auf den Punkt: Gefahren bannen, Trümmer räumen, „eventuell ein Notdach“. Alles müsse in der richtigen Reihenfolge ineinandergreifen, damit keine weiteren Schäden entstehen. Die Hilfsbereitschaft sei groß: Zahlreiche Handwerksbetriebe hätten Unterstützung zugesagt, auch erste Spendenangebote lägen vor. Wimmer dankte den Einsatzkräften für ihre Arbeit unter „schwierigsten Einsatzbedingungen dort oben am Berg“. Verbandsmitglied Thomas Janzen nannte es einen „Glücksfall“, sie an der Seite gehabt zu haben. Landrat Michael Koller sieht darin das Signal, „dass der Staat funktioniert“ und die Behörden Hand in Hand arbeiten.

Brand hinterlässt nicht nur physische Zerstörung

Doch der Brand hinterlässt nicht nur physische Zerstörung. Die Tat habe enorme Wucht entfaltet, national wie international, so Wimmer: „Auf Social Media war dieser Zug nicht mehr aufzuhalten.“ Dann sprach er offen an, was im Ort viele wissen: Der Tatverdächtige stamme aus dem Talkessel und gelte als krank. Die Staatsanwaltschaft hatte die Unterbringung in einer forensischen Einrichtung veranlasst. Bei aller Fassungslosigkeit dürfe die Debatte nicht entgleisen. „Die Familie kann nichts dafür“, mahnte Wimmer und rief zu Mäßigung und Besonnenheit im Sinne des Zusammenlebens auf.

Der Appell zog sich durch die gesamte Versammlung. Janzen sagte, das Ausmaß an Emotionen im Netz mache ihn betroffen. Für die Angehörigen sei die Situation „denkbar schwierig“. Verbandsmitglied Anton Plenk fand deutliche Worte: „In Social Media ist das alles eskaliert.“ Wenn Mitbürger so miteinander umgingen, schade das der gesamten Gemeinschaft: „Wir tun uns einen Gefallen, uns zurückzunehmen.“ Auch Landrat Koller, dem der Schreck noch in den Gliedern stecke, sagte, es müsse jetzt Abkühlung in das System kommen. Die Reaktionen böten einen „erschreckenden Blick in die Gesellschaft, der Ängste schürt“.

Zum Ende fand Bartl Wimmer noch einmal zurück zu dem Ort, der den Talkessel überragt. Da oben, wo das Kehlsteinhaus als Ruine steht, fehle nun etwas, es sei „nicht nur eine offene Wunde“. Es sei eine handfeste Krise für die gesamte Region. Doch jede Krise berge auch eine Chance: „Und die sollen wir sehen und das Beste daraus machen.“ (Kilian Pfeiffer)

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