Kommunales

Bäume kosten Geld. Foto: dpa

19.07.2026

Begrünung von Innenstädten: Teurer Schatten

Die Stadt Nürnberg begrünt für einen Millionenbetrag ihre Altstadt – auch andere Kommunen wollen mehr Bäume pflanzen, stoßen dabei jedoch auf Probleme

Zwischen Vorstellung und Wirklichkeit liegt oft ein Unterschied. Das gilt für Urlaubsprospekte genauso wie für den neu gestalteten Lorenzer Platz in Nürnberg. „Auf den Bildern sah das viel besser aus als in echt“, sagt Heidi und blickt auf die neuen Bäume und Beete. Die Erwartungen waren nicht zuletzt durch die Ankündigung der Stadt hoch. „Lorenzer Platz wird zum grünen Tor der Altstadt“ lautete die Überschrift einer Pressemitteilung. Erst im weiteren Text wurde deutlich, dass die Umgestaltung nur einen Teilbereich des Platzes betrifft. Auf dem östlichen Lorenzer Platz wurden fünf neue Bäume gepflanzt. Insgesamt stehen dort nun zehn. Zudem wurden nach Angaben der Stadt rund 350 Quadratmeter versiegelte Fläche entsiegelt.

Grünflächen gewinnen in Städten zunehmend an Bedeutung, sagt Stephan Pauleit vom Lehrstuhl für Strategie und Management der Landschaftsentwicklung an der Technischen Universität München. Augsburg, München, Nürnberg, Regensburg und Würzburg hätten bereits Strategien zur Anpassung an den Klimawandel beschlossen.
Die Umsetzung werde jedoch häufig durch hohe Kosten gebremst. Für einen Stadtbaum würden in München beispielsweise rund 20 000 Euro veranschlagt. In Nürnberg kostete die Neugestaltung des Lorenzer Platzes knapp 2,5 Millionen Euro. Erst durch die Unterstützung von Bund, Freistaat und der benachbarten Sparkasse in Höhe von mehr als einer Million Euro wurde das Projekt in dieser Qualität möglich. Dazu gehören neben den Grünflächen auch ein Trinkbrunnen und ein Wasserspiel für Kinder.

Neben den Kosten stellt auch die Dimension eine Herausforderung dar. Fast die Hälfte des Nürnberger Stadtgebiets besteht laut dem Amt für Umwelt und Gesundheit aus versiegelten Flächen wie Asphalt, Beton oder Pflaster. Als Beispiel wird häufig der Hauptmarkt genannt. Auf dem rund 5000 Quadratmeter großen Platz gab es lange Zeit keine Bäume.

Seit einigen Monaten sorgen dort elf mobile Bäume auf der Westseite an heißen Tagen für etwas Schatten. Zudem versprüht die Stadt bei sommerlichen Temperaturen feinen Wassernebel zur Erfrischung. Eine nachhaltige

„Hier stand noch nie ein Baum“

Lösung sei das jedoch nicht, sagt Pauleit. Entscheidend sei vielmehr, Denkmalschutz und Klimaanpassung miteinander zu verbinden. „Hier stand noch nie ein Baum“, höre er häufig als Gegenargument. Seine Antwort: „Vor hundert Jahren standen auch noch nirgends Autos und die Straßen waren nicht asphaltiert.“ Gerade in den Innenstädten müsse die Umwandlung von Parkraum in Grünflächen deutlich beschleunigt werden.

Auf dieses Prinzip setzt Nürnberg auch bei der Umgestaltung des rund zwei Fußballfelder großen Obstmarkts. Dort sollen 40 Bäume gepflanzt werden und zahlreiche Parkplätze entfallen. Die Bauarbeiten sollen im kommenden Jahr beginnen. Bis 2029 sollen für rund 17,5 Millionen Euro zusätzliche Grünflächen im Schatten der Frauenkirche entstehen. Die Stadt verfolgt damit das Ziel, die Aufenthaltsqualität zu erhöhen, den Einzelhandel zu stärken und die Altstadt widerstandsfähiger gegen die Folgen des Klimawandels zu machen.

Für Oberbürgermeister Marcus König (CSU) ist der Lorenzer Platz Teil einer langfristigen Strategie. „Der Lorenzer Platz zeigt sehr anschaulich, wie wir unsere Innenstadt Schritt für Schritt an den Klimawandel anpassen: mit mehr Grün, mehr Schatten, mehr Wasser und mehr Aufenthaltsqualität“, sagt er. An diesem heißen Sommertag hält sich der Andrang auf dem neu gestalteten Platz noch in Grenzen. Noch eilen viele Passanten über den Platz, und am neuen Wasserspiel herrscht noch wenig Betrieb.

Auf den Bänken genießen die Ersten den neuen Schatten – die Hitze können die jungen Bäume in der Altstadt aber noch nicht spürbar mildern. Doch ein Anfang ist gemacht, findet auch Heidi. „Es ist auf jeden Fall besser als vorher“, sagt sie und setzt sich auf eine Bank unter den neu gepflanzten Bäumen.
Stadtbegrünung kostet Geld und Zeit. Doch angesichts steigender Temperaturen sieht Pauleit keine Alternative. „Stadtbäume sind eine Investition in die Zukunft, die wir jetzt tätigen müssen.“

Die Möglichkeiten für einen klimafreundlichen Umbau der Städte sind aus Sicht des Bayerischen Städtetags bislang begrenzt. Hoffnung setzen die Kommunen auf die geplante Novelle des Baugesetzbuchs. Entscheidend bleibe jedoch die Finanzierung.

Zwar begrüßt der Städtetag die Verdoppelung der Städtebauförderung. Gleichzeitig kritisiert er, dass die Mittel zur Anpassung an den Klimawandel von rund 38,5 Millionen Euro im Jahr 2026 auf nur noch 5,5 Millionen Euro im Jahr 2027 sinken sollen. Ein weiteres Problem: Viele Förderprogramme unterstützen die Pflanzung neuer Bäume, nicht aber deren Pflege und Unterhalt. Gerade diese Kosten belasten die Kommunen dauerhaft. 
Am Lorenzer Platz sind die neuen Bäume noch jung. Ob aus dem grünen Tor der Altstadt tatsächlich ein Vorbild für die Stadt der Zukunft wird, entscheidet sich nicht bei der Eröffnung, sondern erst in den kommenden Jahren. (Nikolas Pelke)
 

Kommentare (0)

Es sind noch keine Kommentare vorhanden!
Die Frage der Woche

Soll es erst ab dem zweiten Krankheitstag Lohn geben?

Unser Pro und Contra jede Woche neu
Diskutieren Sie mit!

Die Frage der Woche – Archiv
X
Vergabeplattform
Vergabeplattform

Staatsanzeiger eServices
die Vergabeplattform für öffentliche
Ausschreibungen und Aufträge Ausschreiber Bewerber

Beilagen

Prof. Dr. Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln, sagt über die Deutschen: "Unser Mindset hat sich nicht weiterentwickelt – es ist in einer Art Biedermeier-Modus stehen geblieben."

> Das einblicke-Magazin der Bundesgesellschaft für Endlagerung ist online

Die Suche nach dem sichersten Ort für unseren Atommüll ist eine staatliche Jahrhundertaufgabe. Das einblicke-Magazin der Bundesgesellschaft für Endlagerung stellt vier Menschen vor, die diese Mission bei der Bundesgesellschaft für Endlagerung mit ihre

> Änderung der Gemeindeordnung

Liebe Leserinnen und Leser des Kommunalen Taschenbuchs, die Gemeindeordnung des Freistaats Bayern hat sich am 23. Dezember 2025 nach Redaktionsschluss (14. November 2025) nochmals geändert. Die entsprechenden Seiten können Sie hier herunterladen.

Jahresbeilage 2025

Nächster Erscheinungstermin:
28. November 2026

Weitere Infos unter Tel. 089 / 29 01 42 54 /56
oder
per Mail an anzeigen@bsz.de

Download der aktuellen Ausgabe vom 28.11.2025 (PDF, 16,5 MB)

E-Paper
Unser Bayern

Das kunst- und kulturhistorische Online-Magazin der Bayerischen Staatszeitung

Abo Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.

Abo Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.

Unser Bayern - Nachbestellen

Aktuelle Einzelausgaben des Online-Magazins „Unser Bayern” können im ePaper der BSZ über den App-Store bzw. Google Play gekauft werden.