Kommunales

Über Jahrzehnte hinweg war die Wunsiedler Wirtschaft Zum Bernhard ein beliebter Treffpunkt in der oberfränkischen Kommune. Als Besitzer Bernhard Leupold (unten) aus Altersgründen aufhören musste und kurz darauf starb, schien das Ende besiegelt. (Foto: BSZ)

29.11.2019

Bürgerverein haucht altem Gasthaus neues Leben ein

In der oberfränkischen Stadt Wunsiedel musste ein beliebtes Traditionsrestaurant schließen

Das Kneipensterben in Deutschland geht unverändert weiter. In den vergangenen Jahren schloss jede vierte Gastwirtschaft. Viele Orte stehen dann ganz ohne ein Restaurant da. Das wollten die Menschen in im oberfränkischen Wunsiedel nicht akzeptieren. Sie kauften sie die Traditionswirtschaft Zum Bernhard selbst.

Die Wirtschaft „Zum Bernhard“ in der rund 9200 Einwohner zählenden Stadt Wunsiedel im Fichtelgebirge war das, was man gemeinhin eine „Kultkneipe“ nennt. Vielleicht nicht unbedingt auf dem neuesten Stand, was das Interieur betrifft, und auch der Speiseplan in kulinarischer Hinsicht eher altmodisch. Aber dort wurde gesungen und gelacht, Freundschaften gepflegt, ein Treffpunkt für Jung und Alt.

Doch vor einigen Jahren sollte es damit vorbei sein. Besitzer Bernhard Leupold, der den Laden allein schmiss, ging auf die 70 zu, die Kraft reichte einfach nicht mehr aus, um von früh bis spät hinter dem Tresen zu stehen und zu kochen. 2012 wurde das Haus geschlossen. Eine lange Gastwirtstradition der Familie ging damit zu Ende. Vor Bernhard hatten seine beiden Großtanten die Wirtschaft geführt, vor diesen ein weiterer Vorfahr.

„Es war, wie das eigene Wohnzimmer zu verlieren“

Die Menschen von Wunsiedel wollten das nicht akzeptieren – ganz besonders nicht der parteifreie Stadtrat Rainer Schöffel. „Es war für viele so, als hätten sie ihr Wohnzimmer verloren“, erinnert er sich. Zunächst sah sein Plan vor, eine Genossenschaft zu gründen. „Doch da hätten wir dem Genossenschaftsverband beitreten und eine Jahresgebühr von 2000 Euro zahlen müssen.“ Außerdem hätte eine jährliche Gewinnausschüttung angestanden. Also schied diese Option aus.

Allerdings war die Wirtschaft in keinem guten Zustand. Auch wenn sie nicht groß war, gerade mal fünf Tische: Rund 20 000 Euro würde die Sanierung trotzdem kosten, ließ sich Rainer Schöffel von einem Experten ausrechnen. Hinzu kämen noch mal 30 000 Euro für den früheren Wirt, das Haus war ja sein Eigentum. Zusammen ein Investitionsbedarf von 50 000 Euro.

Der neue Plan lautete: Wir gründen einen Verein. „Ich bin ein Jahr mit meiner Frau in der Stadt Klinken putzen gegangen und habe nach möglichen Vereinsmitgliedern gesucht, die bereit wären, je 1000 Euro als zinsloses Darlehen an den neu gegründeten Verein zu investieren“, erinnert sich Rainer Schöffel. Mit 30 Mitgliedern startete der Verein vor sechs Jahren, inzwischen sind es 60 Wunsiedler und Wunsiedlerinnen, die sich eingetragen haben.

Fallen für Neu-Wirte

Einige Fallen, in die manche Neu-Wirte tappen, konnten die Oberfranken vermeiden. „Wir haben zum Beispiel auf eine feste Brauerei als Lieferant verzichtet“, erläutert Initiator Schöffel. Denn wenn man sich da einmal gebunden habe, müsse man der jeweiligen Brauerei feste Kontingente an Bier abnehmen – egal ob man es verkaufen kann oder nicht.

Am 1. Mai 2014 wurde neu eröffnet. Da der frühere Wirt inzwischen verstorben war, konnte der Verein auch dessen Wohnung im Obergeschoss der Wirtschaft vermieten – eine weitere Einnahmequelle. Um sie herzurichten, gab es sogar Geld aus der Städtebauförderung. Nun fehlte nur noch jemand, der den Betrieb auch führen wollte. Von den Vereinsmitgliedern war keiner dazu bereit. Also musste ein Pächter her.

„Uns war von Anfang an klar, dass wir die Pacht niedrig halten wollten, um auch einen Pächter zu finden. Wir wollten uns nicht bereichern. Man kann von der Wirtschaft keine Familie versorgen – aber es ist ein schöner Hinzuverdienst, wenn der Ehepartner noch einen anderen festen Job hat“, rechnet der Vereinschef vor. 350 Euro im Monat kassieren sie von ihrer Pächterin. Wer wieder aus dem Verein austreten möchte, bekommt nach einer Sperrzeit von drei Jahren seinen Anteil innerhalb eines Jahres zurück.

Die Halbe Bier kostet 2,60 Euro

Geöffnet ist die Wirtschaft „Zum Bernhard“ täglich außer dienstags und samstags von 16 bis 1 Uhr. Und man kann dort wirklich günstig essen und trinken, wie ein Blick in die Speisekarte verrät. Die Halbe Bier kostet 2,60 Euro. Große Gerichte gibt es zwar nicht, aber Brotzeiten: die Gulaschsuppe für vier Euro, die Currywurst mit Pommes für sechs Euro, den Wurstsalat und die Bratkartoffeln mit Spiegelei für 4,50 Euro.

Kann man das Wunsiedler Modell in anderen Kommunen mit einer ähnlichen Situation erfolgreich kopieren? Rainer Schöffel ist davon überzeugt – verweist aber auf die entscheidende Frage: „Sind Sie als Bürger bereit, eine Summe von ungefähr 1000 Euro dafür zu investieren, dass eine Wirtschaft mit all der damit verbundenen Geselligkeit erhalten bleibt? Ohne dass Sie daran etwas verdienen? Es ist halt eine Frage der Lebensqualität, und die kann man nicht rein monetär erfassen.“ Falls es anderswo Interessenten gibt, die sich von Rainer Schöffel beraten lassen wollen: Gegen die Erstattung seiner Reisekosten ist er gern bereit und zu erreichen per E-Mail: rkschoeffel@gmail.com (André Paul)

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