Pflaster drauf, und schon ist es wieder gut – wenn es in diesem Fall doch nur so einfach wäre. Aber selbst Aberdutzende Heftpflaster, die jemand über die teils meterlangen Risse in der Fassade des Zerwirkgewölbes geklebt hat, dürften die Leiden von Münchens zweitältestem Gebäude so schnell nicht lindern. Denn trotz seiner prominenten Lage steht der denkmalgeschützte Bau in der Ledererstraße nahe dem Marienplatz seit Langem leer.
Schwierige Suche nach geeignetem Käufer
Als letzte Mieter haben sich dort der Hip-Hop-Club Crux und die Gaststätte Spezlwirtschaft verabschiedet – vor sieben Jahren. Dieser „Leerstand-Geburtstag“ wird an diesem Nachmittag im späten Juli, nun ja, gefeiert. Hierzu ist vor der bepflasterten Hauswand des Zerwirkgewölbes ein Klapptisch aufgestellt – darauf eine Torte mit einem Marzipan-Nachbau des Gebäudes. „Wir feiern heute sieben Jahre Leerstand im Zerwirk“, sagt Florina Vilgertshofer vom Verein Münchner Forum.
Dessen Arbeitskreis „Junges Forum“ wollte mit der Aktion anprangern, dass der Freistaat als Inhaber des Gebäudes „offenbar nicht bereit ist, Geld für die Sanierung in die Hand zu nehmen, sondern es lieber verkaufen will“, kritisiert Vilgertshofer, die für die Grünen im Bezirkstag Oberbayern sitzt.
Ähnlich klingt das bei ihrem Parteikollegen Christian Hierneis, der heute ebenfalls gekommen ist. „Der Freistaat verhält sich verantwortungslos, wenn er Grundstücke wie dieses verkauft“, sagt der Landtagsabgeordnete. „Da geht es immer nur um Reibach.“ Hierneis hat 2024 eine Anfrage zum Zerwirk gestellt; aus der Antwort des Bauministeriums gingen damals die Verkaufspläne des Freistaats hervor.
Nun hat sich der Grünen-Politiker erneut nach dem Sachstand bei dem historischen Bau aus dem 13. Jahrhundert erkundigt – mit Blick auf eine mögliche Übernahme durch die Stiftung Kulturerbe Bayern. In der Antwort auf seine Anfrage heißt es: „Die Verhandlungen mit der Stiftung Kulturerbe Bayern dauern an. Eine Vereinbarung über eine Sanierung oder Instandhaltung des Zerwirkgewölbes zwischen Freistaat und Stiftung besteht nicht.“
Derweil kritisiert Florina Vilgertshofer: „Während in München bezahlbare Räume für Kultur, Kleingewerbe und soziale Projekte verschwinden, lässt der Freistaat eines der geschichtsträchtigsten Gebäude der Stadt verfallen – nur um es am Ende möglicherweise meistbietend zu verkaufen. Das ist absurd.“ Sie verweist auf eine Machbarkeitsstudie des Freistaats, wonach sich das historische Gebäude für Kultur, Gewerbe, Wohnen oder soziale Nutzungen eignen würde. Gerade in der „überteuerten Münchner Altstadt“ müssten Flächen in öffentlicher Hand genutzt werden, fordert Vilgertshofer.
Unterdessen teilt ein Sprecher der staatlichen Immobilien Freistaat Bayern, kurz Imby, auf Anfrage mit: „Der Freistaat Bayern ist sich der kulturhistorischen und stadtgeschichtlichen Bedeutung des ehemaligen Zerwirkgewölbes bewusst.“ Daher habe man jene Machbarkeitsstudie beauftragt und auf deren Basis „sämtliche Geschäftsbereiche der Staatsregierung zu einer möglichen Nutzung angefragt“. Allein nirgendwo herrschte Bedarf. Daher ist nun laut der Imby ein Verkauf geplant, wobei es wichtig sei, „eine dem Gebäude angemessene und wertschätzende Lösung zu finden“. Im Vordergrund stehe für den Freistaat „eine am Gemeinwohl orientierte Nutzung durch einen potenziellen Erwerber“, heißt es seitens der Behörde. „Entsprechend finden Sondierungen und Gespräche mit potenziellen Interessenten statt.“
Da zudem die Belange des Denkmalschutzes zu berücksichtigen seien, brauche dies jedoch Zeit – „da sind viele Schritte zu gehen“, teilt die Imby mit. Vilgertshofer kann das nicht nachvollziehen. „Für mich ist es unverständlich, dass das so lange dauert“, sagt sie. „Und dass wir mittlerweile sieben Jahre Leerstand haben in einer Stadt, wo extreme Raumnot herrscht.“
Seit dem Jahr 1264
Und doch zeichnet sich aktuell noch keine Lösung für eine Nachnutzung des Gebäudes ab, das laut einem Fresko an der Fassade im Jahr 1264 errichtet wurde. Noch älter ist in München lediglich ein gezimmerter Brunnenschacht, der später zur Latrine umfunktioniert und 2011 bei den Arbeiten für die zweite Stammstrecke am Marienhof entdeckt wurde. Jenes Bauwerk wird auf das Jahr 1260 datiert.
Seinen Namen verdankt das Zerwirkgewölbe seiner ursprünglichen Funktion: Dereinst wurden hier Tiere zerlegt und zubereitet – in der Jägersprache zerwirkt. Über die Jahrhunderte diente das Gebäude auch als herzogliches Falkenhaus und Nebenstelle des Hofbräuhauses; später waren hier ein Wildgeschäft sowie Studiobühnen des Gärtnerplatztheaters und der Bayerischen Theaterakademie beheimatet.
Infolge des jahrelangen Leerstands macht das Zerwirkgewölbe inzwischen einen heruntergekommenen Eindruck. Bei der Imby heißt es dazu: „Der Sanierungsbedarf und -aufwand hängt sehr stark von der künftigen Nutzung ab.“
Jedoch würden „zwingende substanzielle Maßnahmen zum Erhalt des Zerwirkgewölbes“ laufend durchgeführt. Auch ein Rissmonitoring gibt es laut der Imby bei dem Gebäude. Sollte dieses Handlungsbedarf ergeben, werde man die nötigen Maßnahmen ergreifen – freilich mit baulichen Maßnahmen, nicht mit Heftpflastern. (Patrik Stäbler)
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