Kommunales

BRK-Sanitäter Yordan Toshev (21) lässt sich bei der PR-Aktion impfen, um andere in seinem Alter ebenfalls zu motivieren. (Foto: Paul)

10.01.2021

"Da hatten viele vor Angst Pipi in den Augen"

Bayernweite PR-Aktion des Roten Kreuzes am Sonntag gegen bedrohliche Impfmüdigkeit bei Personal in Arztpraxen und Pflegeheimen

Eine vom Bayerischen Roten Kreuz (BRK) intensiv beworbene Impfaktion im oberbayerischen Pfaffenhofen a. d. Ilm sollte als landesweite Werbung dienen gegen die Impfmüdigkeit vor allem der Pflegekräfte in Pflege- und Seniorenheimen, aber auch in Arztpraxen. Genutzt haben das Angebot aber dann vor allem Senioren.

Ein nüchternes Bürogebäude am Pfaffenhofener Ortsteil Reisgang, direkt neben einem Autohaus gelegen. Wagen fahren vor, im Fond oder auf dem Beifahrersitz hochbetagte Männer und Frauen. Angehörige springe heraus, klappen den Rollator auf und helfen den Senioren aus dem Wagen. Ein Schild weist den Weg hinauf in den zweiten Stock, wo sich das Impfzentrum des Landkreises befindet.

Kreszenz Moll (93) ist eine von den Ankommenden. Frohgemut schiebt sie ihre Gehilfe zum Behandlungszimmer und beantwortet dort die Fragen von Ärztin Antje Maier zu eventuellen Vorerkrankungen. Das geht schnell, nur sehr laut sprechen muss die Medizinerin mit der alten Dame. „Außer dass sie sehr schlecht hört, ist unsere Oma gesund“, verrät Schmunzelnd ihr Schwiegersohn Albert Gürtner, der Landrat von Pfaffenhofen. Er ist an diesem Sonntag, 10. Januar, vor Ort, um sich ein Bild von der Lage zu machen. „Gut organisiert“ habe das BRK die Aktion, lobt der FW-Politiker, „es gibt keine Warteschlangen und die älteren Mitbürger werden sehr freundlich behandelt.“

"Die ältere Generation stellt die Schulmedizin nicht infrage"


Mit Aufnahme der Personalien, Anamnese und dem eigentlichen Piks dauert die ganze Angelegenheit je Patient rund 15 bis 20 Minuten, auch Kreszenz Moll steht nach einer Viertelstunde, gestützt von ihrer Schwiegertochter, wieder auf dem Gang und lächelt. Sie möchte jetzt heim. Für alle, die wegen der Aufregung doch etwas schwächeln, steht ein Ruheraum bereit.

Seit 8 Uhr sind die Helfer vom Roten Kreuz an diesem Tag im Einsatz. Es habe auch keinerlei allergische Reaktion oder Zeichen von Unverträglichkeit gegeben“, berichtet Andrea Hainzinger, die Verwaltungsleiterin des Impfzentrums. Und ständig gingen neue Anfragen von Rentnern beziehungsweise deren Angehörigen ein, die ebenfalls geimpft werden wollen.

Verimpft wird das Medikament von Biontech/Pfizer. In jeder Ampulle befinden sich fünf Dosen zu je 0,3 Millilitern – die aber inzwischen auf sechs Dosen gestreckt werden. Aufbewahrt werden sie in einem Gehäuse, dass sich nicht groß von einem Kühlschrank unterscheidet und in dessen Innern auch vergleichbare Temperaturen herrschen.

An diesem Sonntag werden die über 90-Jährigen geimpft, in genau einer Woche sollen dann die über 85-Jährigen an die Reihe kommen. Die meisten von ihnen leben in einem der 14 Altenheime des Landkreises. Insgesamt leben dort rund 1500 Pflegebedürftige. „Mit der ersten Impfung sind wir nun bei allen Heimen durch“, berichtet Herbert Werner, der Geschäftsführer des BRK-Kreisverbands, noch in diesem Monat soll in den Senioreneinrichtungen auch die zweite Impfung durchgeführt werden. „Bis zum 30. Januar wollen wir es geschafft haben“, verspricht Herbert Werner.

Alles paletti also bei den Senioren. „Vertrauensvoll und dankbar“ seien die alten Leute, dass man sie schützen möchte vor dem Corona-Virus, berichtet eine Helferin. „Man merkt: Die wurden noch in einer Zeit groß, als man die Schulmedizin nicht in Zweifel zog.“ Doch die Senioren zählten gar nicht mal zur primär anvisierten Zielgruppe dieser PR-Aktion des BRK, zu der auch die Landesspitze in Gestalt von Landesgeschäftsführer Leonhard Stärk und Vizepräsidentin Brigitte Meyer angereist waren und vor Kameras und Mikrofonen die Werbetrommel rührten, sich impfen zu lassen. Der Landkreis diente ihnen dabei als bayernweites Pilotprojekt.

"Gefährliche Gleichgültigkeit gegenüber täglich steigenden Todeszahlen"


„Große Sorgen bereitet uns das Pflegepersonal in den Alten- und Seniorenheimen“, klagt Sohrab Taheri-Sohi, der Pressesprecher des BRK. Dramatisch hätten sich die Zahlen entwickelt: Rund 1000 Todesopfer von Covid-19 gäbe es inzwischen täglich in Deutschland, „das sind mittlerweile drei abgestürzte Flugzeuge, um den Vergleich von Bayerns Ministerpräsident Markus Söder zu bemühen.“ Und die Zahl der täglichen Neuinfektionen hat bereits die Größe einer mittleren Kreisstadt erreicht. „Doch noch immer herrscht eine gefährliche Gleichgültigkeit gegenüber diesen Zahlen, ja es ist geradezu zur Gewohnheit geworden, dass die Opfer täglich verkündet werden“, so der Sprecher.

Trotzdem mag sich das Pflegepersonal nur ungern impfen lassen. Die Gründe dafür sind laut Peter Korzinek, dem Chefarzt des Pfaffenhofener Impfzentrums, vielfältig. Es seien mehrheitlich keine fundamentalistischen Impfgegner, eher ist Angst die treibende Kraft – vor allem vor den möglichen Langzeitfolgen. „Gibt es schwere Nebenwirkungen, verändert sich dadurch meine DNA oder werde ich keine Kinder mehr bekommen können beziehungsweise sind diese womöglich behindert?“, lauteten die Fragen der häufig weiblichen Beschäftigten in den Heimen.

Um dieser Skepsis zu begegnen, startete Korzinek am Montag vergangener Woche eine Online-Konferenz speziell für Pflegekräfte. Zwei Stunden lang konnten sich mehr als 100 von ihnen durch die Mediziner ausführlich zum Impfstoff beraten lassen. Und einigen von ihnen wurden tatsächlich die Ängste genommen; rund 50 Pflegerrinnen und Pfleger schauten am Sonntag im Impfzentrum vorbei und nahmen den Piks in Empfang. Positiv aus Sicht der Ärzte – aber angesichts von rund 750 Pflegekräften im Landkreis wohl erst ein Anfang. Am heutigen Montag findet deshalb von 16 bis 18 Uhr erneut eine entsprechende Online-Veranstaltung statt.

Ähnlich hoch ist die Skepsis in vielen Arztpraxen. Der Chef einer großen Zahnarztpraxis in Pfaffenhofen verdonnerte sein Team trotzdem zum kollektiven Impftermin – und erreichte sein Ziel wohl nicht zuletzt deshalb, weil seine Beschäftigten Angst um ihren Job hatten. „Da stand vielen Frauen Pipi in den Augen“, berichtet eine BRK-Sanitäterin. Die Frage, ob Impfen generell freiwillig passieren sollte oder auch mit Druck erfolgen muss, wenn die Lage schlimmer wird, dürfte die Gesellschaft in den nächsten Wochen und Monaten immer mehr umtreiben. (André Paul)

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