Im Nürnberger Süden, direkt an der Münchener Straße, die in Richtung Autobahn führt, steht ein Stein, vielleicht einen Meter hoch, grau und auf den ersten Blick unscheinbar. Es handelt sich um einen Granit aus Flossenbürg, wo die Inhaftierten des KZs Zwangsarbeit im Steinbruch leisten mussten. Der Stein trägt die Inschrift „Den Opfern des Faschismus“. An diesem Platz der Opfer des Faschismus hatte das sogenannte Team Menschenrechte seine Kundgebung für den 21. September angemeldet. Die 2021 aus den Corona-Protesten hervorgegangene Gruppe marschiert inzwischen so gut wie wöchentlich durch Nürnberg.
Jeder Schritt wird von den Streamern gefilmt
An diesen Demonstrationen beteiligen sich wiederholt AfD-Politiker sowie Funktionäre der NPD-Nachfolgeorganisation Die Heimat. Seit 2025 wird das Team Menschenrechte vom Bayerischen Verfassungsschutz beobachtet. Die Nürnberger Sozialwissenschaftlerin Birgit Mair bezeichnet die Gruppierung als „Vorfeldorganisation der AfD“ und als „Sammelbecken der extremen Rechten“.
Im allmontäglich ritualisierten Geschehen des Aufeinandertreffens zwischen Rechten und Gegendemonstrantinnen und -demonstranten ist die Wahl genau dieses Kundgebungsorts als neue Provokation verstanden worden. Nachdem verschiedene Vereinigungen der Zivilgesellschaft bei der Stadt Beschwerde eingereicht hatten, muss das Team Menschenrechte am Montagabend Abstand halten vom Flossenbürger Stein, wenigstens 50 Meter. Auf dem Platz der Opfer des Faschismus befinden sie sich jedoch nach wie vor.
Der Platz ist weiträumig abgeriegelt. Die Akteure kennen die ihnen zugewiesenen Standorte. Eine der Gruppen, die Beschwerde eingelegt hatte, sind die Omas gegen Rechts. Für sie, in Nürnberg gegründet in Reaktion auf die Demos aus dem Querdenker-Milieu, ist dieser Montag nach den Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern die, nach eigener Zählung, 89. Mahnwache gegen das Team Menschenrechte. Mit eindrucksvoller Kontinuität begleiten die „Omas“ das Demonstrationsgeschehen mit ihren Transparenten, Ansprachen und Musik.
Schon um kurz nach 18 Uhr, etwa eine Stunde vor Beginn der Kundgebung, ist allein diese Gruppe, zu der sich auch jüngere Antifaschisten gesellen, deutlich stärker besetzt als die Gegenseite. Die Wolken haben sich verzogen, es ist ein angenehmer Spätsommertag in Nürnberg geworden. Die Omas gegen Rechts zweifeln, ob das Team Menschenrechte, von Gegnern Team rechter Menschen genannt, tatsächlich die vorgeschriebenen 50 Meter Abstand zum Gedenkort einhält.
In unmittelbarer Nähe werden Astrid Hartmann und Frank Kettner gesichtet, das Ehepaar, das die Kundgebungen organisiert. Hartmann war wegen Körperverletzung, Nötigung und Volksverhetzung im Rahmen der Veranstaltungen erst vor einer Woche zu einer Geldstrafe von 10 500 Euro verurteilt worden – die Gerichtsentscheidung ist jedoch noch nicht rechtskräftig. Und auch Kettner ist wegen Beleidigung vorbestraft. Die heterogene Gruppe, die ihren Aufrufen folgt, reicht von Rechtsextremen über Reichsbürger bis zu fundamentalistischen Christen. Kettner ist durchtrainiert, trägt Cowboyhut. In seiner Ansprache, nennt er Angela Merkels Asylpolitik grundgesetzwidrig und den Klimawandel eine Lüge. Vor allem aber geht es ihm darum, sich des Framings zu erwehren: „Was fällt euch Arschlöchern eigentlich ein, uns mit den Massenmördern des Dritten Reichs gleichzusetzen?“, brüllt er ins knisternde Mikrofon.
Aufseiten der Omas gegen Rechts fast von Anfang an dabei ist Eva Hohn-Beer, 71 Jahre alt. „Jede Woche, das macht schon etwas mit einem“, sagt die frühere Kunsterzieherin. „Aber wir stehen halt da, weil die wieder da stehen.“ Sie lässt den Blick in Richtung Team Menschenrechte schweifen, wo neben der Russlandfahne auch schwarz-rot-goldene wehen. „Das ist die Fahne der Republik. Es erbost mich, dass sie die für sich gekapert haben.“ Die Vereinigung, die teilweise „Re-Re-Remigration!“ skandierend durch Nürnbergs Straßen zieht, hält sie für antidemokratisch.
Nur wenige Meter weiter steht Frau Klages, 73 Jahre alt, dabei seit der Gründung. Sie reckt den Teppichklopfer, das Symbol der Omas, in die Luft. An mindestens der Hälfte der 89 Mahnwachen habe sie teilgenommen, sagt sie. „Weil diese Menschen auch Einfluss auf die Bevölkerung drum herum nehmen. Das darf man nicht unwidersprochen lassen.“ Die eigentlichen Demonstrierenden auf der Gegenseite hielten mittlerweile einigermaßen Abstand. Nerviger seien die Streamer.
Tatsächlich wird der Bereich zwischen den Gruppen von Menschen mit Kameras, Smartphones, Stativen besetzt, teilweise skurrile Figuren mit Mikrofon auf dem Fahrradhelm. Der bekannteste unter ihnen, Sebastian Weber, tritt als journalistisch arbeitender Reporter auf, ist aber tatsächlich AfD-Kommunalpolitiker.
Gegenprotest wird von Streamern gefilmt
Der Gegenprotest würde von den Streamern teilweise frontal abgefilmt und provoziert. Die Omas, erzählt Klages, wehren sich dagegen mit dem Aufspannen von Regenschirmen. Sie schmunzelt: „Die rufen dann sofort ,Nötigung‘! Das sind schon auch ganz schöne Mimosen.“
Polizeisprecher Michael Konrad bezeichnet die Anwesenheit der Streamer mittlerweile als eine der größten Herausforderungen für die Beamten vor Ort. Bei der Mahnwache an diesem Montag spricht keine Oma, sondern der Dritte Bürgermeister der Stadt, Nasser Ahmed (SPD), der hier ganz in der Nähe aufgewachsen ist. Es ist ein stark von Zuwanderung geprägtes Gebiet, über 60 Prozent der Menschen haben Migrationsgeschichte. Das macht sich auch im weiteren Verlauf der Demonstration bemerkbar.
Der Gegenprotest, nun maßgeblich getragen von der Gruppe Alerta-Parade mit ihren Regenbogenfahnen, folgt dem Team Menschenrechte durch die Südstadt. Die Polizeibeamten definieren den Abstand. „Kein Platz für Nazis“ sagt das prominent an einer Fassade angebrachte Transparent. An anderer Stelle bedanken sich Anwohner direkt bei Menschen aus dem Zug.
Die nahe Gustav-Adolf-Kirche ist in sanftrotes Abendlicht getaucht. Es riecht nach dem Dung der Polizeipferde und der Nebelmaschine der Alerta-Parade. Alt und Jung singen mit, wenn die Kult-Anarchoband Ton Steine Scherben aus den Boxen scheppert. 52 Menschen aufseiten des Team Menschenrechte werden laut Polizei von 300 Gegenprotestierenden begleitet. „Ich glaube nicht“, sagt Katrin, 63, aus den Reihen der Omas, „dass wir von denen irgendjemanden überzeugen werden.“ Aber Menschen, die vorbeigehen, die vielleicht neutral seien, würden wahrnehmen, „dass wir mehr sind“. Auch im Rahmen der Montagsdemo am Platz der Opfer des Faschismus wendet sich Frank Kettner, dokumentiert vom Streamer Kralle TV, aggressiv in Richtung Gegenprotest: „Wir sind vorbereitet. Kommt ruhig mal bei uns vorbei, dann werdet ihr den Tag nicht überleben.“
Das Team Menschenrechte wird im Verlauf des Abends mit Eiern beworfen. Die Polizei Mittelfranken leitet deshalb drei Ermittlungsverfahren ein. Insgesamt, so Polizeisprecher Konrad, seien politisch motivierte Straftaten in Nürnberg von 2024 auf 2025 um 60 Prozent auf über 761 Delikte angestiegen. Im Kleinen bildet sich hier ab, was sich im Großen dramatisch verschoben hat. (Andreas Thamm)
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