Das Münchner Rathaus hat sein Angebot an Stadtführungen zuletzt kräftig ausgebaut. Für viele Guides ist das ein Segen, manche privaten Tourenanbieter klagen dagegen über die kommunale Konkurrenz. Nun kündigt ein prominentes Unternehmen sogar juristische Schritte an.
Vergangene Woche ist wieder eine Gruppe Interessierter durchs Münchner Schlachthofviertel getourt. Gut 2 Stunden lang waren sie in dem Szenebezirk unterwegs, inklusive Espresso-Pause im Gasteig HP8 und Besichtigung der dortigen Isarphilharmonie. Solche Führungen unter dem Schlagwort „Viertelliebe“ gibt es auch in Schwabing, Haidhausen, Giesing und weiteren Stadtteilen – angeboten von der Stadt München und beworben nicht nur auf deren Tourismus-Webseite, sondern auch weit oben in den Anzeigen der großen Suchmaschinen.
Für Heinz Taubmann ist genau das ein unfairer Wettbewerb. Der Gründer und Geschäftsführer des „Weis(s)en Stadtvogels“ sieht in dem stetig wachsenden Angebot kommunaler Stadtführungen eine Konkurrenz, die private Anbieter wie seine Firma unter Druck setzt. Taubmann will daher auf juristischem Wege gegen das Rathaus vorgehen. Zudem hat er eine Onlinepetition gestartet, der sich mehr als 2600 Menschen angeschlossen haben. Darin fordert der Chef des Weis(s)en Stadtvogels, dass die Stadt sich komplett aus dem Bereich der Stadtführungen zurückzieht und dies privaten Anbietern überlässt.
Hat die Stadt das höhere Werbebudget?
Als Vorbild nennt Taubmann dabei Berlin und Hamburg, wo man im Rathaus erkannt habe, „dass die Organisation und Durchführung von Stadtführungen nicht zu den Kernaufgaben einer Stadt gehören und es sinnvoller ist, die wertvolle Arbeit privater Anbieter zu unterstützen, anstatt zu ihnen in Konkurrenz zu treten“. Schließlich würden sie unter der Rivalität leiden. „Wir spüren das massiv an unseren Umsätzen“, sagt Taubmann, der den Stadtvogel 1998 aus der Taufe gehoben und seither etliche populäre Formate entwickelt hat, so etwa die Nachtwächterführung oder die Viktualienmarkt-Probiertour. So habe seine Firma ihr Angebot zuletzt ausdünnen und Führungen streichen müssen. „Es wird langsam schwierig“, betont Taubmann. „Wir haben den Punkt erreicht, wo wir noch eine fest angestellte Kraft haben. Vor Corona waren es zwölf.“
Ein Grund hierfür ist in seinen Augen die Konkurrenz durch die Stadt, die allein in der Bewerbung ihrer Touren ganz andere Möglichkeiten habe. „Der Aufbau einer eigenen Online-Buchungsplattform, Produktion von viel Inhalt und professionellen Videos, Beauftragung von Influencern für Social Media, Werbung auf Google – das alles kostet Geld und zwar viel Geld“, schreibt Taubmann in einer Mail an alle Stadtratsfraktionen. Explizit nennt er darin die Viertelliebe-Touren, in die ein „hohes Werbebudget“ fließe und die im Zweifelsfall auch mit nur einem Teilnehmer durchgeführt würden.
Zwar räumt Taubmann ein, dass Marketing zur Tourismusförderung gehöre. „Wenn es aber das kommunale Ziel ist, ein eigenes großes Angebot an Stadtführungen aufzubauen, und das Geld des Touristen direkt an die Stadtverwaltung geht, beißt sich die Katze in den Schwanz.“ Denn so werde „der private Markt vom Referat für Arbeit und Wirtschaft kaputt gemacht“.
Dort bewertet man das naturgemäß anders. „Das Referat für Arbeit und Wirtschaft sieht es als ureigene Aufgabe, Gästen in München qualitativ hochwertige Stadtführungen zu vermitteln und den Münchner Gästeführerinnen und Gästeführern – ob sie als Einzelunternehmer oder als kommerzielle Unternehmen aktiv sind – im Sinne des Wirtschaftsförderungsgedankens zu einer stabilen Einnahmemöglichkeit zu verhelfen“, teilt eine Sprecherin mit.
Stadt und Fachverband weisen Vorwurf zurück
Ihr zufolge bietet das Rathaus rund 20 verschiedene offene Führungen an, wofür man selbstständige Gästeführer auf Honorarbasis beauftrage, die zuvor eine Ausbildung durchlaufen haben. In den vergangenen Jahren habe der Fokus auf den Viertelliebe-Touren gelegen, „die bewusst Gäste jenseits der bekannten Pfade führen sollen“ und somit auch der „gezielten Entzerrung von Besucherströmen dienen“.
Überdies vermittle die Stadt auch Führungen für geschlossene Gruppen an selbstständige Gästeführer. Und mit Blick auf die Bewerbung der Touren betont die Sprecherin, „dass wir selbstverständlich auch Tourenangebote anderer Unternehmen wie zum Beispiel des Weis(s)en Stadtvogels oder Munich Walk Tours vermitteln“.
Derweil weist der Münchner Gästeführer Verein (MGV), der eigenen Angaben zufolge 200 Gästeführerinnen und Gästeführer vertritt, die Taubmann’schen Vorwürfe ebenfalls zurück. In einer Stellungnahme bezeichnet der MGV das Angebot an offenen Führungen seitens der Stadt als „ein von den Guides ausdrücklich unterstütztes und besonders wertgeschätztes Programm“. Ohnehin könne die Nachfrage an öffentlichen Führungen durch private Anbieter allein nicht adäquat bedient werden. Und weiter heißt es beim MGV: „Diese gelebte Zusammenarbeit zwischen einer kommunalen Tourismuseinrichtung und Gästeführerinnen und Gästeführern ist ein besonderes Erfolgsmodell im Sinne der Guides, der Tourismusförderung und der Qualitätssicherung.“
Klage gegen die Stadt geplant
Demgegenüber verweist Taubmann auf weitere Tourenanbieter, die unter der kommunalen Konkurrenz leiden, jedoch die Folgen eines Aufbegehrens fürchten würden. „Wir wagen uns jetzt aus der Deckung und versuchen unser Gewicht in die Waagschale zu werfen.“ Taubmann will eigenen Angaben zufolge eine Klage gegen die Stadt erheben, wonach sie verpflichtet wird, das Bereitstellen von Informationen für Touristen und den Verkauf von Tickets für ihre Stadtführungen zu trennen. Sprich: dass die Touren nicht mehr in der Touristeninformation gebucht werden können. Jedoch räumt Taubmann ein, dass dies seinem Unternehmen nur bedingt helfen würde. „Was es braucht, ist ein grundsätzliches Umdenken“, findet Heinz Taubmann. „Und dass sich die Kommune aus dem Thema zurückzieht.“ (Patrik Stäbler)
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