Oft sind Kandidaturen von langer Hand geplant, doch manchmal ergeben sie sich kurzfristig: so etwa im Fall von Sebastian Thoma, dem künftigen Rathauschef im oberbayerischen Taufkirchen. Der bereits nominierte Bürgermeisterkandidat der CSU zog mitten im Kommunalwahlkampf zurück. Der 64-jährige Thoma sprang spontan ein. Ihn erwartet angesichts leerer Kassen eine schwierige Aufgabe.
Sebastian Thoma sitzt an diesem Vormittag im April auf einer Bank und strahlt mit der Frühlingssonne um die Wette – was so gar nicht zur Umgebung passt. Denn im Rücken des 64-Jährigen liegt ein seit Jahren verwaistes Einkaufszentrum, die Lindenpassage. Und gegenüber, direkt in Thomas Blickfeld, erstreckt sich in der Eschenpassage eine weitere heruntergekommene Ladenstraße, die dringend einer Sanierung bedarf.
„Im Grunde können wir uns nichts leisten“
Kurzum, von dieser Bank aus hat man einen guten Blick auf zwei Bereiche der Gemeinde Taufkirchen bei München, um die sich Sebastian Thoma künftig mit Nachdruck kümmern muss. Denn der promovierte Physiker ist als CSU-Kandidat bei der Stichwahl am 22. März zum Bürgermeister der 18.000 Einwohner zählenden Gemeinde gewählt worden. Eine Ortschaft, die nicht nur eine prekäre Finanzlage aufweist, sondern auch mehrere Großprojekte vor der Brust hat, die durch Bürgerbegehren unter Beschuss stehen.
Es gibt also wahrlich leichtere Aufgaben als den Chefposten im Taufkirchner Rathaus, und doch betont Sebastian Thoma, wie sehr er sich auf seinen künftigen Job freue. „Ich will im Team gestalten“, betont der langjährige Siemens-Manager. „Es hat mich extrem gereizt, am Ende meiner beruflichen Karriere noch mal die Chance zu bekommen, Dinge in meiner Heimatgemeinde positiv zu verändern.“
So viel Vorfreude auf eine so schwierige Aufgabe mag auch daran liegen, dass Thoma bis vor Kurzem noch keinen Gedanken an das Chefbüro im Rathaus verschwendete. Schließlich hatte sein CSU-Ortsverband in Thomas Vieweg eigentlich bereits einen Bürgermeisterkandidaten nominiert, der sich auch schon mitten im Wahlkampf befand. Doch dann wurde der Leitende Polizeidirektor im Herbst in eine Taskforce zum Aufbau des neuen Drohnenkompetenzzentrums in Erding berufen, worauf er seine Bewerbung zurückzog.
Keine fünf Monate vor der Wahl brauchte die Partei also einen neuen Kandidaten. Und durchaus überraschend fiel die Wahl dabei auf Sebastian Thoma – ein Neuling in der Kommunalpolitik, der erst zwei Jahre zuvor in die CSU eingetreten war.
Taufkirchen hat Potenzial
Dafür habe es zwei Gründe gegeben, sagt der verheiratete Familienvater, dessen Kinder schon erwachsen sind. Zum einen habe er damals mit der Bundespolitik der Ampel-Regierung gehadert. Zum anderen sei ihm in seinem Heimatort – und insbesondere in der Linden- und Eschenpassage – aufgefallen, „welches Potenzial Taufkirchen hat“, sagt Thoma. „Aber dass gleichzeitig nichts passiert.“
„Und weil man nicht immer nur schimpfen kann, ohne selbst was zu machen“, so der 64-Jährige, sei er 2024 der CSU beigetreten und habe bei der Kommunalwahl ein Gemeinderatsmandat erringen wollen. Doch nach dem Rückzug von Thomas Vieweg stieg er unverhofft zum Bürgermeisterkandidaten auf. „Ich habe mich damals innerhalb von drei Tagen entschieden“, erinnert sich Sebastian Thoma – wohl wissend, dass sein Name in der Gemeinde nicht eben geläufig war. Oder wie er selbst einräumt: „Mich kannte hier niemand.“
Um dies zu ändern, klapperte er im Wahlkampf die Haustüren ab. An mehr als 40 Tagen sei er unterwegs gewesen und habe sich die Sorgen und Wünsche der Menschen angehört, sagt Thoma. Bei der Wahl am 8. März landete er dann mit 38,4 Prozent der Stimmen deutlich vor fünf anderen Kandidierenden. „Ich wusste, dass es in Taufkirchen eine starke CSU-Basis gibt“, sagt Thoma, der seit 1993 im Ort lebt. „Aber dass ich so gut abschneide, hat mich schon etwas überrascht.“
„Ich komme von außen, aber das kann auch ein Vorteil sein“
Wenig überraschend kam hingegen, dass sich Thoma zwei Wochen später in der Stichwahl mit 58 Prozent der Stimmen gegen Naciye Özsu (SPD) durchsetzte. Nun tritt er also Anfang Mai die Nachfolge des parteilosen Ullrich Sander an, der bei den jüngsten Wahlen von der CSU unterstützt wurde und diesmal nicht erneut kandidierte.
„Ich komme von außen, aber das kann auch ein Vorteil sein“, sagt Thoma, der über keinerlei Erfahrung als Gemeinderat verfügt. „In den ersten hundert Tagen will ich mir erst mal ein Bild machen und viel zuhören.“
Zu hören bekommen dürfte er dabei nicht zuletzt mahnende Worte des Kämmerers. Denn angesichts einer prekären Finanzlage wird eine der Hauptaufgaben des neuen Rathauschef die Haushaltskonsolidierung sein. „Im Grunde können wir uns als Gemeinde nichts leisten“, weiß Thoma.
Großprojekte vorantreiben
Dessen ungeachtet müssen mehrere Großprojekte vorangetrieben werden. Allen voran trifft dies auf das „Quartier am Bahnhof“ zu: die geplante Umwandlung eines 12 Hektar großen Gewerbegebiets, zu dem auch die Linden- und Eschenpassage gehören, in ein modernes Viertel mit Wohnungen für knapp 2000 Menschen, Büros, Gastronomie und sozialen Einrichtungen.
„Das ist mit Abstand das wichtigste Projekt in der Gemeinde und eine Riesenchance für Taufkirchen“, sagt Thoma. Was er nicht sagt, aber sehr wohl weiß: Viele Menschen im Ort lehnen die aktuellen Pläne ab. So sammelte ein Bürgerbegehren gegen die „Gigantomanie“ am Bahnhof ausreichend Unterschriften, ehe es der Gemeinderat als unzulässig erklärte. Gegen diese Entscheidung wird aktuell geklagt. Derweil plant der Gemeinderat ein Ratsbegehren zum Bahnhofsquartier – „ein Schritt, den ich ausdrücklich begrüße“, sagt Thoma. Wobei er sich „sehr sicher“ sei, dass eine Mehrheit für die Fortsetzung der Planung stimmen werde.
Das Quartier am Bahnhof ist freilich nur ein Punkt auf der To-do-Liste des Bürgermeisters in spe. Im Weiteren stehen darauf ein neues Wohngebiet um ein Seniorenheim am Hachinger Bach, gegen das sich ebenfalls ein Bürgerbegehren richtet, sowie der Neubau einer Mittelschule, der aufgrund der desolaten Finanzen derzeit auf Eis liegt.
„Die Erwartungshaltung in der Gemeinde ist groß“, weiß Sebastian Thoma, der dies aber nicht als Bürde, sondern als Ansporn begreifen will. Und so betont er, auf der Bank sitzend und immer noch lächelnd: „Ich freue mich riesig auf die neue Herausforderung.“
(Patrik Stäbler)
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