Schreiende Kinder, laute Musik und ein wahres Stimmenwirrwarr: Campingplätze mag Markus Rummel nicht allzu gern. „Da ist es sehr wuselig, oft wird man eng gestellt, dann hört man das Schnarchen vom Nachbarn“, sagt der leidenschaftliche Wohnmobilnutzer. Der Würzburger und seine Frau steuern mit ihrem Gefährt daher meist Wohnmobilstellplätze an. Die gibt es in immer mehr Städten. Und sie werden zunehmend komfor-tabler. Was daran liegt, dass zahlreiche Kommunen Menschen wie Markus Rummel als einträgliche Touristen entdeckt haben.
Über eine Million Wohnmobile bundesweit
Markus Rummel, 70 Jahre alt, ist seit 2020 mit dem Wohnmobil unterwegs. Natürlich war er auch schon auf Campingplätzen. Die haben durchaus Vorteile, sagt er: „Es gibt Duschen und Toiletten, oft sogar Restaurants und Einkaufsmöglichkeiten, meist liegen sie schön, etwa an einem See.“ Dennoch entscheiden er und seine Frau sich in der Regel für Stellplätze. Die sind ganz unterschiedlich ausgestattet. Manchmal wird kostenlos Strom angeboten. Manchmal muss man für Elektrizität ziemlich viel Geld bezahlen.
Bei anderen Stellplätzen wiederum fehlt jede Möglichkeit, Strom zu zapfen. Zum Teil werden parzellierte Stellplätze mit kleinen Rasenflächen und Hecken angeboten. Als Vorzeigeprojekt gilt der Stellplatz Münsterblick im mittelfränkischen Wolframs-Eschenbach.
Im besten Fall sind Stellplätze zwischenzeitlich sogar mit einfachen Duschen ausgestattet: „Das haben wir in Röttingen an der Tauber erlebt.“ Schwierig sei, dass man sich heute vielerorts online anmelden muss. Markus Rummel ist blind. Er kann das von vornherein nicht. Aber auch seine Frau empfindet es oft als ziemlich kompliziert, sich über eine App zu registrieren.
Dass Städte ihre Wohnmobilstellplätze ausbauen, weil sie dadurch höhere touristische Einnahmen erhoffen, kann Rummel nachvollziehen. Er und seine Frau gehören zu jenen Wohnmobilbesitzern, die sich nicht nur in und rund um ihr Fahrzeug aufhalten. Natürlich wird die jeweilige Stadt besucht. Fällt beim Schaufensterbummel etwas besonders Schönes auf, wird es gekauft. In aller Regel gehen die beiden auch mindestens einmal während des Aufenthalts in einer Gastwirtschaft essen.
„Die Stadt profitiert in jedem Fall von den Wohnmobilisten, da nahezu alle Übernachtungsgäste auch ihre Kaufkraft hierlassen“, sagt Cornelia Wagner, Sprecherin der Würzburger Versorgungs- und Verkehrs-GmbH (WVV). Die vermarktet einen Wohnmobilstellplatz, der 2018 unter der Friedensbrücke eingerichtet wurde. Wegen seiner attraktiven Lage wird dieser stark nachgefragt. Um ihn attraktiv zu halten, erneuerte die WVV in den letzten drei Jahren die Toilettenanlagen. Aktuell wird überlegt, den Platz weiter auszubauen.
Der Caravaning Industrie Verband gab bereits 2021 eine Planungshilfe heraus, an der sich Städte, die ihren Wohnmobilstellplatz aufhübschen wollen, orientieren können. Dem Verband zufolge ist es rund 40 Jahre her, dass der erste deutsche Reisemobilstellplatz ausgewiesen wurde. 1983 war das im ostbayerischen Viechtach. Damals sei der Reisemobiltourismus noch belächelt worden. Inzwischen boomt er. Im April 2025 wurde erstmals die Schwelle von einer Million zugelassene Fahrzeuge überschritten, teilt das Kraftfahrt-Bundesamt mit.
Über die App buchen
In Würzburg liegt der Betrieb noch in städtischer Hand. Das soll laut Cornelia Wagner auch so bleiben. Viele Stellplätze muss man heute jedoch über Apps privater Unternehmen buchen. Auch dieser Markt boomt. Camping-Car-Park, Campercontact, Camping-App.eu, VanSite, Camping.info oder Park4Night heißen die Plattformen.
„Hier ist viel Dynamik drin“, sagt Siegfried Orth aus Nürnberg. Als Vorstandsmitglied der Reisemobil Union engagiert er sich bundesweit für die Interessen von Wohnmobilisten – unter anderem als Stellplatzberater. Die Kommerzialisierung sieht er kritisch. Jeder Stellplatzvermittler habe eine eigene App: „Hat man die nicht, geht die Schranke nicht auf.“ Buchung und Bezahlung vorab seien oft nötig: „Das nimmt die Spontanität raus.“
Aber auch der Trend, dass man sich heute oft entweder ein Wohnmobil der Komfortklasse oder einen Kastenwagen zulegt, gefällt Siegfried Orth nicht. Gerade die „Kastenwagenfraktion“, erklärt er, fordere immer mehr Komfort auf den Stellplätzen ein. Inzwischen finde man deshalb auch in Wolframs-Eschenbach ein Sanitätsgebäude inklusive Waschmaschine und Trockner. Die Abgrenzung zum Campingplatz werde schwieriger, die Gebühren pro Übernachtung zwangsläufig teurer. Der 75-Jährige ist bis heute ganz so wie früher unterwegs. 1989 ging er das erste Mal seiner Leidenschaft nach. Orth braucht keinen Stellplatz mit Dusche. Selbst auf Strom kann er verzichten. Ein Wasserhahn ist ihm wichtig. Und eine Entsorgungsstation. Ansonsten ist der Wohnmobilfan autark.
Stadt spendiert schnelles WLAN und neue Klos
Laut Simone Strauß, Vorsitzende des Landesverbands der Campingwirtschaft in Bayern, gibt es fast keine Gemeinde, in der man sich mit seinem Wohnmobil nirgends hinstellen kann. Wobei ein großer Parkplatz natürlich oft keine Ver- und Entsorgung bietet. Eine Erhebung aller offiziellen Stellplätze gibt es nach ihren Worten nicht: „Wir gehen von 20 000 Stellplätzen aus.“
Innerhalb der Szene gebe es zwei große Gruppen. Die einen fahren mit Vans herum, die mindestens 150 000 Euro gekostet haben. Hier könne man auch von kaufkräftigen Touristen sprechen. Wer ein Wohnmobil im Wert von unter 100 000 Euro hat, versorgt sich meist selbst. Letztlich würden aber alle Fahrer von Wohnmobilen vor Ort Geld ausgeben. Sie seien jedoch nicht kaufkräftiger als Gäste von Campingplätzen, Hotels oder Ferienwohnungen.
„Inwieweit wir von unserem Stellplatz profitieren, kann ich nicht einschätzen“, sagt Thomas Schiedrich, CSU-Stadtrat in Immenstadt im Allgäu. Hier gibt es seit 2020 einen Wohnmobilstellplatz: „Wir mussten aktiv werden, da es immer mehr Wildcamper gab und die Nachfrage immer größer wurde.“ Als in den Corona-Jahren der Campingboom begann, beschloss man, den Platz zu bauen. Zwischen 2000 und 2500 Wohnmobile nehmen ihn aktuell pro Jahr in Anspruch: „Tendenz deutlich steigend.“ Soeben wurden moderne Toilettenanlagen und ein Waschhaus eröffnet. Die Entsorgungsstation sowie die Stromversorgung sind ebenfalls erneuert worden. Als Nächstes soll es eine moderne Schrankenlösung, mehr Begrünung und Beschattung sowie schnelleres WLAN geben.
Anfang Juli war der Stellplatz Thema im Stadtrat. Über höhere Gebühren wurde diskutiert. Schiedrich sprach sich gegen eine Erhöhung aus: „Angebot und Leistungen sollten in Relation mit dem Preis sein, höhere Gebühren wären einfach nicht gerechtfertigt, das gibt unser Platz nicht her.“ Aktuell kostet die Nacht 13 Euro.
Für nur 10 Euro kann man derzeit auf dem Stellplatz in Landau an der Isar parken. 13 Plätze stehen hier zur Verfügung. Wohnmobilfahrer können sich mit Wasser und Strom versorgen, das Abwasser kann entsorgt werden, auch existiert eine Toilettenanlage. Die Nachfrage steigt hier laut Stadt ebenfalls. „Wobei mir genaue Zahlen nicht vorliegen“, sagt Michael Steinberger, Leiter des Lan-dauer Kulturamts, das für den Wohnmobilstellplatz zuständig ist. In Landau darf man lediglich drei Tage auf dem Platz stehen. Dauerparker möchte die Stadt nicht haben.
Der Stellplatz wird auch nicht aktiv beworben: „Er spricht sich aber in den Kreisen der Wohnmobilisten herum.“ Ob diese der Stadt nennenswerte Einkünfte bringen, kann Steinberger nicht sagen. „Subjektiv betrachtet ist Landau eher ein klassischer Zwischenstopp auf dem Weg Richtung Alpen oder Bayerwald“, so der Kulturamtsleiter.
Eine Schattenseite des Booms: Immer wieder gibt es auch Probleme mit Wohnmobilen, die einfach irgendwo abgestellt werden. (Pat Christ)
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