Kommunales

Michael Koller (vorne rechts) ist nicht nur in seiner Heimat gut vernetzt, sondern auch in seiner Partei, den Freien Wählern. Das Foto zeigt ihn mit Parteichef Hubert Aiwanger (links), auf einem Herbstfest in Steinbrünning im Berchtesgadener Land Jahr 2023. (Foto: Thorsten Stark)

17.10.2026

Ein Christ besiegt die Christsozialen: Der gelernte Schreiner Michael Koller ist seit dem 1. Mai Berchtesgadener Landrat

Fast 80 Jahre lang war das Landratsamt des Berchtesgadener Landes in Bad Reichenhall fest in der Hand der CSU. Doch der engagierte Katholik und frühere FW-Landtagsabgeordnete Michael Koller eroberte das Alpenparadies im März für die Freien Wähler. Die BSZ stellt den 50-jährigen Ehrenamtler im Porträt vor

Fast acht Jahrzehnte lang war das Landratsamt des Berchtesgadener Landes in Bad Reichenhall fest in der Hand der CSU. Egal ob vor oder nach der Gebietsreform 1972 – auf einen CSU-Landrat folgte stets der nächste. Bis dem in diesem Frühjahr der Freie Wähler Michael Koller ein Ende bereitete. Schon im ersten Wahlgang kam er bei der Kommunalwahl am 8. März knapp vor seinem CSU-Kontrahenten Franz Rasp ins Ziel, zwei Wochen später bei der Stichwahl siegte Koller deutlich mit 64,6 zu 35,4 Prozent. Fast eine Zweidrittel-mehrheit. Koller ist darüber bis heute noch etwas baff: „Ich hatte das nicht erwartet.“

Koller ritt mit auf der orangen Welle

Mit seinem Erfolg lag Koller im Trend. Bei 19 von 22 Stichwahlen zwischen CSU- und FW-Kandidaten zogen die CSU-Bewerber den Kürzeren. Dass der Trend auch Kollers Freund war, will der nicht bestreiten. Sein Licht stellt der 50-Jährige aber auch nicht unter den Scheffel. „Kommunalwahlen sind Persönlichkeitswahlen, und die Wählerinnen und Wähler haben offenbar gemerkt, dass ich mich seit über 18 Jahren vor Ort engagiere“, sagt Koller. „Ich denke, es ist das Ergebnis einer langen und durchaus harten Arbeit.“

Koller ist gelernter Schreiner, sattelte aber nach seiner Ausbildung auf Fachlehrer für Werken und Technisches Zeichnen um. Der gebürtige Berchtesgadener unterrichtete zuerst an einer Realschule in München und wechselte 2008 an die Realschule im Rupertiwinkel in Freilassing. Gleichzeitig startete er seine kommunalpolitische Karriere mit der Wahl in den Gemeinderat von Berchtesgaden. Dass der Schritt in die Politik eher kein Zufall war, deutete sich offenbar schon früh an. „In der Abschlusszeitung meiner Realschulzeit stand als Berufstipp: Politiker“, erzählt Koller. Sein Interesse fürs Politische war seinen Mitschülern also schon damals nicht entgangen.

Um höhere Weihen bewarb sich Koller schon 2013, als er sich erstmals an einer Landtagskandidatur versuchte. Aber es reichte nicht für das Maximilianeum, genauso wenig 2018. 2020 folgte die erste Landratskandidatur, aber auch die blieb ohne Erfolg, CSU-Konkurrent Bernhard Kern hatte die Nase vorn. Immerhin wurde Koller stellvertretender Landrat, das Thema Chefsessel hatte er damit aber eigentlich abgehakt. Zumal er 2023 doch noch in den Landtag gewählt wurde, wo er sich vor allem der Bildungspolitik widmete.

Dann aber verzichtete Amtsinhaber Kern überraschend auf eine erneute Landratskandidatur, „und die Karten wurden neu gemischt“, wie Koller anmerkt. Also probierte er es noch einmal, jetzt mit der Reputation und Bekanntheit eines Vizelandrats und Abgeordneten im Rücken. Schon im Wahlkampf habe er das Gefühl gehabt, „dass mich eine große Sympathiewelle trägt“, und nach dem Erfolg im ersten Wahlgang kam die Gewissheit dazu, „dass es dieses Mal wirklich klappen könnte“.

Im Kreistag muss sich Koller nun regelmäßig Mehrheiten suchen

Im Kreistag muss sich Koller nun regelmäßig Mehrheiten suchen. Elf Parteien und Gruppierungen gehören dem Gremium an, Kollers Freie Wähler sind nach der CSU nur zweitstärkste Kraft. Bislang noch kein Problem für Koller, der es eine seiner Stärken nennt, „dass ich mit allen gut ins Gespräch kommt“. Klar sei die Entscheidungsfindung etwas aufwendiger, aber es sei auch sein Ziel, möglichst viele mitzunehmen. Das würden sich ja auch die Bürger wünschen.

An Themen mangelt es im Berchtesgadener Land nicht. Der Wiederaufbau der durch einen Erdrutsch zerstörten Bob- und Rodelbahn am Königssee steht kurz vor dem Abschluss, als Dauerthema auf der Tagesordnung bleiben die Ausweichverkehre durch die Dörfer des Kreises, wenn die A 8 zwischen München und Salzburg mal wieder dicht ist. Lösen muss Koller – wie viele seiner Kollegen – die Herausforderungen der Gesundheitsversorgung auf dem Land. Bei knapper werdenden Kassen gestaltet sich der Erhalt der sozialen, technischen und verkehrlichen Infrastruktur nicht einfach.

Immerhin läuft der Tourismus als einer der bedeutendsten Wirtschaftszweige der Region um Watzmann und Königssee gut. Wobei Koller anmerkt, dass man in der Nebensaison durchaus noch ein paar Urlauber mehr vertragen könne. Wachsende Bedeutung hat das NS-Dokumentationszentrum am Obersalzberg, für Koller ein „ganz zentraler Ort der Erinnerungskultur“.

Der Bergfan will die Almwirtschaft beleben

Wichtig finde er aber auch, dass es gelungen sei, die Almwirtschaft auf dem Obersalzberg wiederzubeleben, sagt der leidenschaftliche Bergwanderer. Ehrenamtlich engagiert sich Koller seit vielen Jahren in kirchlichen Gremien. Glaube und Religiosität lägen in seiner Familie begründet, berichtet er. Schon mit neun Jahren sei er Ministrant gewesen, später sei die Mitarbeit im heimatlichen Pfarrgemeinderat dazugekommen. Inzwischen fungiert Koller als Verwaltungsleiter im Pfarrverband Stiftsland Berchtesgaden und als Dekanatsratsvorsitzender, zudem ist er Mitglied im Diözesanrat des Erzbistums München-Freising.

Das Verhältnis der Gläubigen zu ihrer katholischen Kirche bezeichnet Koller im Berchtesgadener Land als weitgehend intakt. „Wir leben hier noch etwas auf einer Insel der Glückseligen“, meint er. Glaube und Kirche seien hier noch eng mit Festen, Brauchtum und Tradition verbunden. Er lebe dies seit 20 Jahren als Vorstand der Untersalzberger Weihnachtsschützen. Trotzdem erkennt auch Koller Entfremdungstendenzen zwischen Kirche und Gläubigen. „Kirche muss genauso wie die Politik immer wieder um Verständnis für Entscheidungen werben“, betont er.

In seiner Freizeit pilgert Koller gerne, am liebsten nach Rom, wo er das Glück gehabt habe, mehrfach dem aus dem benachbarten Marktl stammenden Papst Benedikt persönlich zu begegnen. Zu Hause unternimmt der Katholik Wallfahrten nach Altötting oder nach Maria Kirchental im angrenzenden Salzburger Land – zu Fuß oder mit dem Fahrrad.

Ansonsten stürze er sich als Ausgleich zum Job am Schreibtisch gerne in die Gartenarbeit oder gehe auf den Berg. Natürlich sei er auch schon auf dem Watzmann gestanden, mehrfach. Von dort habe man einen schönen Ausblick über den Landkreis. Deshalb wird auch bald ein Panoramafoto von dort oben in seinem Landratsbüro hängen, verrät Koller. „Ich freu mich schon drauf.“
(Jürgen Umlauft)
 

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