Kommunales

Dies bisher vor allem durch Handel, Büros und Gastronomie geprägten Innenstädte könnten künftig verstärkt auch durch Kultur und Wohnen bestimmt werden, ist Stadtmarketing-Experte Klaus Stieringer überzeugt. Soll die City aber eine Zukunft haben, ist Sicherheit ganz wichtig. Krawalle und Zerstörungen wie zuletzt in Stuttgart sind da eine Bedrohung. (Foto: Christoph Schmidt)

26.06.2020

"Eine unsichere Stadt ist eine sterbende Stadt"

Klaus Stieringer, Präsident des bayerischen Berufsverbands City- und Stadtmarketing (AKCS), über die Folgen von Corona, Krawallen und Klimawandel

Die bayerische City wird nach Corona nicht mehr dieselbe sein wie vorher – wobei die Pandemie bestehende Trends nur noch verstärkt hat. Die Veränderung muss aber nicht negativ sein. Und gegen Gewaltexzesse wie zuletzt in der Stuttgarter Innenstadt gäbe es Strategien. Am 15. Juli trifft sich der AKCS zur Jahreshauptversammlung in Bamberg.

BSZ Herr Stieringer, wird es nach dem Ende des Lockdowns in den bayerischen Innenstädten je wieder so sein wie vor Corona?
Klaus Stieringer Corona könnte die Innenstädte grundlegend verändern. Der Transformationsprozess durch zunehmende Digitalisierung – Schlagwort Onlinehandel und Heimarbeitsplätze – und dem damit einhergehenden Frequenzrückgang, wurde durch Corona sicherlich beschleunigt. Viele Menschen haben in den letzten Monaten den Zugang zum Einkauf im Netz gefunden, was zu nachhaltigen Umsatzverlusten geführt hat. Deshalb werden, was den klassischen Einzelhandel angeht, die Innenstädte weiter an Bedeutung verlieren. Was jedoch nicht zwangsläufig bedeutet, dass sie damit auch die Verlierer sind. Frei werdende Flächen könnten vitaler und vielfältiger, wie zum Beispiel durch innovative Kultur- und moderne Wohnräume, genutzt werden, wodurch die Zentren an urbaner Qualität sogar gewinnen können.

BSZ Wie werden sich unsere Innenstädte verändern?
Stieringer Bislang waren unsere Innenstädte durch Handel, Büroflächen und Gastronomie geprägt. Das bedeutet im Umkehrschluss aber auch, dass die meisten Zentren spätestens nach Ladenschluss menschenleer sind. Neue Konzepte mit innovativen Mischnutzungen aus Handel, Gastronomie, Wohnen, Kunst und Büros werden dazu beitragen, die funktionelle Vielfalt positiv zu beeinflussen. Wenn unsere Innenstädte der Vielfalt unserer Gesellschaft einen Treffpunkt bieten, werden die Zentren künftig lebendiger, vielfältiger und attraktiver.

BSZ Es wird also nicht zwangsläufig nur mehr innerstädtischen Leerstand durch Corona geben?Stieringer Nein, keinesfalls. Handel war schon immer auch Wandel. Der aktuelle Transformationsprozess wird dazu führen, dass Ladengeschäfte verschwinden – aber an ihrer Stelle entstehen dann beispielsweise neue Kulturräume, Gastronomie- oder Kulturangebote. In der Zukunft wird die City mehr als Lebens- und Erlebnisraum und weniger als Ort der Nahversorgung geprägt sein. Allen Unkenrufen zum Trotz gehe ich aber davon aus, dass es auch in 100 Jahren noch ganz normale Einkaufsgeschäfte in den Innenstädten geben wird.

BSZ Welche Branche ist in der City am meisten bedroht?
Stieringer Ich denke, dass die Reise- und Veranstaltungsbranche sowie der Einzelhandel mit Nonfood-Produkten von der Pandemie und ihren Folgen besonders betroffen sind. Sie haben unter der Pandemie besonders zu leiden, zumal sich bereits vor Corona ein wachsender Umsatzanteil ins Netz verlagert hat.

BSZ Wir steuern gerade auf den dritten Hitzesommer in Folge zu – wird das Auswirkungen auf das Leben in der City haben?
Stieringer Unsere hoch versiegelten Innenstädte werden durch die Klimaerwärmung zunehmend Probleme bekommen. Eine Zunahme der Temperatur von zwei Grad bedeutet in den Zentren oftmals einen Temperaturanstieg von fünf Grad. Neben der dringenden Notwendigkeit von Konzepten, wie man Innenstädte – zum Beispiel durch Begrünung – klimafreundlich kühlen kann, werden wir auch erleben, dass sich das Geschäfts-, Freizeit- und Alltagsleben zunehmend in die Abendstunden verlagern wird. Die temperaturbedingte Siesta, wie wir sie aus den südlichen Ländern kennen, halte ich nicht für ausgeschlossen.

BSZ Könnten Gewaltexzesse wie jene von Stuttgart die Menschen langfristig von einem abendlichen Besuch in der City abschrecken?
Stieringer Sicherheit ist die Voraussetzung für die Schaffung attraktiver Orte zum Wohnen, Leben und Handeln. Der sinkende Respekt gegenüber der Polizei sowie anderer Einsatz- und Rettungskräfte ist ein gesellschaftliches, kein regionales Problem. Speziell Stuttgart aber lässt sich meiner Meinung nach nicht mit München oder anderen bayerischen Städten vergleichen. Ich denke, dass dort einige bedrohliche Frühindikatoren nicht beachtet wurden. Da gibt es einige entscheidende Unterschiede gegenüber dem Freistaat.

BSZ Welche wären das?
Stieringer Das subjektive Sicherheitsempfinden der Bevölkerung hängt maßgeblich von einer vor Ort präsenten und wahrnehmbaren Polizei sowie der fortlaufenden Koordination zwischen Polizei, Politik, Verwaltung, Bürgerschaft und Wirtschaft ab. In den meisten bayerischen Städten gibt es mittlerweile Sicherheitsbeiräte, um die gesellschaftlichen Kräfte des Gemeinwohls zu bündeln. Konkrete Maßnahmen wie beispielsweise ein Alkoholverbot auf öffentlichen Plätzen, die Festlegung verbindlicher Sperrstundenregelungen sowie der Einsatz von Videoüberwachung im öffentlichen Raum haben – neben den Maßnahmen der Prävention und auch der Stadtplanung mit Vermeidung von sogenannten Angsträumen – dazu geführt, dass sich die Menschen in bayerischen Städten sicher fühlen.

BSZ Dass künftig auch in unseren Einkaufsvierteln nach Ladenschluss Stahljalousien an den Läden runtergehen und private Wachdienste wie in den USA patrouillieren ist also nicht zu erwarten?
Stieringer Nein. Das wäre nicht nur unsinnig, sondern auch kontraproduktiv. Durch die Präsenz von bewaffneten Sicherheitskräften, massiven Stahljalousien oder auch Panzersperren auf den Straßen erzeuge ich niemals Sicherheit, sondern genau das Gegenteil. Erinnern Sie sich noch an die aus Angst vor Terroranschlägen abgeschotteten Weihnachtsmärkte der vergangenen Jahre. Da hat sich niemand gut gefühlt. Man darf deshalb Angsträume – also Orte, wo sich die meisten Menschen nach Einbruch der Dunkelheit nicht hintrauen – gar nicht erst entstehen lassen. Eine unsichere Stadt ist eine sterbende Stadt. Besser als Wachdienste sind eine moderne Stadterneuerung, um städtebauliche Missstände zu beseitigen und um urbane Atmosphäre mit einem hohen Sicherheitsgefühl zu schaffen. Wir dürfen uns unseren offenen und freiheitlichen Lebensstil von einigen gewalttätigen Spinnern nicht kaputtmachen lassen.
(Interview: André Paul)

Bildunterschrift zum Foto im Text: Klaus Stieringer (50) ist hauptberuflich Geschäftsführer des Stadtmarketings Bamberg. (Foto: AKCS)

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