Kommunales

Die Namen der zur NS-Zeit im Rahmen des Euthanasieprogramms deportierten Patienten werden verlesen. (Foto: Lüttecke)

31.01.2020

Erinnern an die Opfer von Haar

Gedenkstunde im KBO-Isar-Amper-Klinikum

Um die Zukunft gestalten zu können, muss man die Geschichte verstanden und aufgearbeitet haben. „So schwer die historische Schuld auch ist, ist es unsere Aufgabe, heutigen und zukünftigen Generationen die einzige Lehre weiterzugeben, die sich aus der Ermordung von über 2000 Menschen allein in Haar ergibt: Wir sind verantwortlich, dass Menschen aus niedrigsten Beweggründen ermordet wurden“, so Peter Brieger, Professor für Psychiatrie und Ärztlicher Direktor des KBO-Isar-Amper-Klinikums bei der Gedenkfeier am 18. Januar mit mehr als 180 Teilnehmern.

10 500 Ermordete allein in Grafeneck


Es waren 25 Männer, die am 18. Januar 1940 in der damaligen Pflegeanstalt Eglfing-Haar eingesammelt und an diesem Wintertag in das knapp 240 Kilometer entfernte Grafeneck im heutigen Baden-Württemberg transportiert wurden. 25 Männer mit eigenen Lebensgeschichten, die bewahrt und geschützt werden müssen. Noch am selben Tag wurden diese Patienten, die Unterstützung und Hilfe benötigt hätten, ermordet. Ermordet durch Gas, ermordet durch NS-Schergen, die in den kommenden Jahren mehr als 10 500 Menschen allein in Grafeneck umbrachten.

25 Männer, deren Deportation ein historischer Einschnitt in der Geschichte des Klinikums und für ganz Deutschland war – und den Beginn einer unvorstellbaren Katastrophe bildete: Denn in den darauffolgenden Jahren wurden mehr als 250 000 psychiatrische Patienten ermordet. 250 000 Menschen, deren Leben die Nazis als „unwert“ und als „schädlich für die Volksgemeinschaft“ einstuften.

Möglich war dieser Massenmord durch Täter, die sich selbst Ärzte nannten, und die doch nur die Vernichtung der ihnen anvertrauten Menschen verfolgten. In Haar war dies namentlich der Direktor Hermann Pfannmüller, der an der Selektion der Patienten auch finanziell verdiente. 80 Jahre später gedachte das kbo-Klinikum München, die Nachfolgeklinik der damaligen Pflegeanstalt Eglfing-Haar, der ermordeten Männer, Frauen und Kinder. Allein in Eglfing-Haar wurden mehr als 2500 Menschen deportiert beziehungsweise direkt vor Ort in Haar ermordet.

Viele Ärzte wurden kaum zur Verantwortung gezogen


Rudolf Burger, Hauptgeschäftsführer der Bayerischen Landesärztekammer, erinnerte in seiner Rede daran, dass nach dem Zweiten Weltkrieg viele Ärzte kaum oder gar nicht zur Verantwortung gezogen wurden und in der Regel auch keinerlei Reue zeigten. Umgekehrt verpflichtet sich die Bayerische Landesärztekammer zur Aufarbeitung, um noch Lücken der Forschung schließen zu können.

Auch Ministerialdirektor Herbert Püls vom bayerischen Kultusministerium mahnte zur Aufarbeitung, um eine Erinnerungskultur auf verschiedenen Ebenen zu ermöglichen. Es müsse gelingen, auch die jüngeren Generationen für dieses Thema zu interessieren.

Rainer Schneider, Vizepräsident des Bezirks Oberbayern, verwies in seiner Ansprache auf die vielfältigen Maßnahmen des Bezirks aus den vergangenen Jahren, um eben eine solche Erinnerungskultur zu schaffen und zu etablieren. Stellvertretend nannte er hier Schulungen und Fortbildungen, Exkursionen für Mitarbeiter zu den Tötungsanstalten und diverse Fachbroschüren.

Es sind viele kleine und große Projekte, die zusammengenommen die Erinnerung bilden. In den Medien wurde auch überregional über die Umbenennung der von-Braunmühl-Straße in die Max-Isserlin-Straße auf dem Gelände in Haar sowie ein Gedenkbuch berichtet. Die Namen darin geben den Menschen einen Teil ihrer Identität zurück, die Identität, die die Nazis zerstören wollten. (Henner Lüttecke)


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