Kommunales

Klaus Schmid (CSU), Bürgermeister von Simbach am Inn, steht mit einem Plan in dem von der Flut betroffenen Ortsteil. (Foto: dpa/Armin Weigel)

31.05.2021

"Es war unfassbar"

Nach Dauerregen und einem Dammbruch versinken 2016 Teile der niederbayerischen Stadt Simbach am Inn in einem gewaltigen Hochwasser. Fünf Menschen sterben. Die Folgen der Katastrophe sind auch nach fünf Jahren sichtbar.

Mehrere Meter hoch ist die Flutwelle, die am 1. Juni 2016 nach tagelangem Regen durch Simbach am Inn rauscht. Die Wassermassen zerstören Häuser, schwemmen Autos davon und reißen fünf Menschen in den Tod. Das "Jahrtausendhochwasser" verwandelt Teile des Ortes in eine Geisterstadt. Fünf Jahre später sind die kaputten Häuser wiederaufgebaut oder weggerissen, Kanalisation und Straßen saniert. Die Arbeiten zum Hochwasserschutz werden jedoch noch vier bis fünf Jahre dauern, schätzt Bürgermeister Klaus Schmid (CSU).

Die Katastrophe präge den Alltag in der 10 000-Einwohner-Stadt im Landkreis Rottal-Inn inzwischen nicht mehr so stark, sagt der Rathauschef. Es stehen noch einzelne Geschäfte leer, einige Baustellen erinnern ebenso an das Geschehen wie zahlreiche frisch gestrichene Fassaden. Das Bächlein, das damals zur monströsen Flut anschwoll - der Simbach - plätschert friedlich durch sein steinernes Bachbett und mutet dabei geradezu unschuldig an.

Ein Radfahrer stoppt beim Anblick des Pressefotografen und erzählt drauf los: "Es war unfassbar. So viel Wasser! Und wie schnell das ging!" Eine halbe Stunde vor dem Hochwasser sei seine Frau noch die Straße entlang geradelt. "Nur wenig später - und sie wäre von der Flut mitgerissen worden."

Enorme Solidarität der Menschen

Bürgermeister Schmid sitzt in seinem Büro und schlägt einen Bildband auf. Darin gesammelt sind Fotos der Katastrophe. Sie zeigen die gewaltigen, braunen Wassermassen, in denen Baumstämme und Autos schwimmen, zerstörte Gebäude, Schutt und Dreck. Und sie zeugen von der enormen Solidarität, die die Menschen in der Stadt damals erlebten. Unzählige Freiwillige rückten mit Eimern und Schaufeln an, schippten Schlamm und schleppten kaputte Möbel aus den Häusern. Andere brachten Semmeln und Getränke.

"Die Hilfsbereitschaft war riesig", sagt eine Anwohnerin, die ihren Namen nicht nennen möchte. "Es sind bei uns im Haus 17 Stufen bis in den ersten Stock. Das Wasser ging bis Stufe 14." Als sie mittags von der Arbeit heimgefahren sei, habe der Simbach zwar viel Wasser gehabt, sagt sie. Dass nur eine Stunde später ihr Haus geflutet werden würde, habe sie sich "im Traum nicht vorstellen können".

Die Anwohnerin steht in ihrem Vorgarten und erinnert sich: Wie sie von ersten Kellern hört, in denen Wasser steht. Wie eine nahe gelegene Wiese überschwemmt wird. "Da kamen Entlein angeschwommen." Wenig später fließt Wasser die Straße hinab und auch in ihr Haus hinein. "Das Wasser ist gestiegen, gestiegen und gestiegen. Gott sei Dank bin ich nicht in den Keller gegangen, da wäre ich nicht mehr raus gekommen." Einer ihrer Nachbarn ertrinkt in der Flut.

In der Not greift die Frau, was sie auf die Schnelle greifen kann - Schuhe und Dokumente - und wirft es die Treppe hinauf in den ersten Stock. Binnen Minuten läuft alles voll. In den oberen Räumen wartet sie mit ihrem Mann auf Hilfe. Sie hören, wie die Wassermassen die Einrichtung im Erdgeschoss zerstören: Es rumpelt, wenn wieder ein Schrank umkippt. Im Wasser auf der Straße schwimmen dicke Karpfen.

Trocknungsgeräte liefen acht Monate lang rund um die Uhr

Als die Flut weg ist, beginnt das Aufräumen. Nach vier Wochen hätten sie im Obergeschoss wieder wohnen können, eine Kochplatte in der Garage habe als Küchenersatz gedient, so die Frau. Acht Monate lang seien rund um die Uhr die Trocknungsgeräte gelaufen. Bis alles fertig saniert war, seien zwei Jahre vergangen. Wenn es jetzt stark regnet? "Das macht mich nicht nervös. So etwas passiert kein zweites Mal."

Außerdem vertraut sie auf die Hochwassermaßnahmen, die in der Stadt ergriffen werden. Für 40 bis 45 Millionen Euro wird das Bachbett des Simbachs verbreitert. Das Bächlein schlängelt sich in engen Kurven durch die Stadt und mündet in den Inn. Ein Teil der Maßnahmen sei bereits fertiggestellt, sagt Bürgermeister Schmid.

Unterstützt wird die Stadt bei den Planungen unter anderem von Experten der Universität für Bodenkultur in Wien, die die Hochwasserkatastrophe, der ein 37-stündiger Regen und ein Dammbruch voraus gingen, damals rekonstruiert hatten. Auch wenn der Blick in Simbach in die Zukunft gerichtet ist: In Vergessenheit soll das Drama vom 1. Juni 2016 nicht geraten. Am Jahrestag wollen die Menschen bei einer Gedenkstunde an die fünf Mitbürger erinnern, die in den Fluten ums Leben kamen. (Ute Wessels, dpa)

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