Kommunales

Wer irgendwo im Freien übernachten muss, ist meist völlig schutzlos. (Foto: Pat Christ)

03.07.2026

Gewalt gegen Wohnungslose: Angepöbelt, geschlagen und angezündet

Die Gewalt gegen die wachsende Zahl der Obdachlosen nimmt massiv zu – auch in Bayern

Die Zahl der Wohnungslosen steigt dramatisch – auch Übergriffe gegen Betroffene nehmen zu. Mitunter werden Obdachlose zum Spaß attackiert. In diversen Notunterkünften gehört Gewalt zum Alltag. Frauen sind besonders bedroht.

Etwas „Dummes“ sei vorgefallen, sagt Ashley – was genau passierte, erzählt sie nicht. Doch es muss etwas sehr Dummes gewesen sein, denn ihr Handeln hatte ernsthafte Konsequenzen. „Man schmiss mich aus der Familieneinrichtung, sie waren mit mir überfordert“, sagt die 25-Jährige. Das war im März. Seither lebt die junge Frau auf der Straße.

Manchmal hat Ashley Angst, dass ihr etwas passiert – denn seit Kurzem muss sie ganz allein draußen schlafen. Die Furcht ist nicht unbegründet: Mehrfach seien andere ihr gegenüber aggressiv geworden. Eine liebevolle Familie kennt Ashley nicht – ihre Eltern kümmerten sich offenbar kaum um sie. „Ich habe quasi gar keine Familie“, sagt die Mutter eines kleinen Sohnes. Vor zwei Jahren war sie schon einmal obdachlos. Keine eigene Bleibe zu haben, ist für sie schlimm.

Um den Stress auf der Straße auszuhalten, kifft sie. Vor allem im Drogenmilieu kommt es zu Gewaltszenen. „Da war neulich einer, der hat mir zu wenig gegeben für mein Geld, da hab ich ihm die Meinung gesagt“, berichtet die Cannabiskonsumentin. Um ein Haar sei die Situation eskaliert. Große Angst hat Ashley, wenn sie nachts allein unterwegs ist. Sie werde immer wieder angequatscht, sagt sie – und nicht nur das: Auch Übergriffe hätten zugenommen.

Es ist kein Randphänomen mehr, im Gegenteil: Ganze Scharen von Menschen sind inzwischen wohnungslos. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe veröffentlichte Ende 2025 eine Hochrechnung, laut der im Jahr 2024 über eine Million Bundesbürger von Wohnungslosigkeit betroffen waren. Manche halten die Schätzung zwar für zu hoch – doch auch die Diakonie berichtete gerade erst, in Bayern seien über 40 000 Personen wohnungslos.

Gewalt gehört für viele zum Alltag

Diese Menschen sind nicht nur Armut ausgesetzt, sondern oft auch Gewalt. Vergangenes Jahr wurden laut Bundesinnenministerium bundesweit 2563 Straftaten gegen Obdachlose registriert – fast ein Fünftel mehr als im Vorjahr. Immer wieder werden Obdachlose auch „zum Spaß“ zusammengeschlagen oder vereinzelt angezündet.

Vor allem in Obdachlosenasylen ist Gewalt an der Tagesordnung. In so eine Einrichtung schickten die Behörden auch Silvia aus Bayreuth. Nachdem eine Beziehung zerbrochen war, verlor die 49-Jährige ihre Bleibe. Zwei Jahre liegt das zurück. Die vier Monate im Obdachlosenheim wird sie nie vergessen: „Zum Schluss sagte ich, wenn ich da nicht bald rauskomme, lass ich mich in die Psychiatrie einweisen. Ich hielt das psychisch nicht mehr aus.“

20 Männer und fünf Frauen lebten zu diesem Zeitpunkt in dem Heim. „Jede Frau, die neu reinkommt, ist Freiwild.“ Silvia berichtet von sexuellen Anmachen, unfreiwilligem Körperkontakt und Übergriffen. Nie mal separat und für sich sein zu können, immer mit vier anderen Frauen auf einem Zimmer sein zu müssen – noch dazu heroinsüchtigen Frauen, das erlebte Silvia als strukturelle Gewalt: „Ich kam nie zur Ruhe.“

Heute kümmert sie sich in der Bayreuther Stadtmission ehrenamtlich um Menschen, die auf der Straße leben. Dadurch erfährt sie, mit wie viel Gewalt auch männliche Wohnungslose fertig werden müssen. Erst vor zwei Wochen sei ein Herr mittleren Alters gekommen, den man zusammengeschlagen hatte, erzählt sie. Hatte sich da ein Skinhead ausgetobt? Gab es Rivalitäten untereinander? Der Mann wollte nichts erzählen. „Das geschieht aus Angst, dass noch mal zugeschlagen wird“, erklärt Volker Sommerfeldt, Leiter der Stadtmission. Auch er erfährt immer wieder von schlimmen Gewalttaten.

Einmal schritt ein Obdachloser ein, als er sah, dass Jugendliche eine Katze quälten. „Daraufhin wurde er aufs Übelste misshandelt, ein Ohrläppchen war eingerissen.“ Ein anderes Mal sei ein Obdachloser derart malträtiert worden, dass eine Gesichtsrekonstruktion nötig war.

Wohnungskrise verschärft die Probleme

Resignation, erzählt Sommerfeldt, prägt die Szene. Das Gros der Besucher der Bayreuther Stadtmission ist überzeugt, dass man sich die Mühe sparen kann, Auswege aus seiner prekären Lebenslage zu suchen. Die meisten halten Perspektivlosigkeit und Ausgrenzung – so wie auch Ashley – nur dadurch aus, dass sie Drogen nehmen oder sich betrinken. Sommerfeldt spricht von einem „Strudel nach unten“. Und er erlebt wachsende Ausgrenzung. Wohnungslose fühlten sich übersehen und ungehört. Sie fühlten sich wie gesellschaftlicher Müll, berichtet Sommerfeldt aus Gesprächen mit seinen Klienten. Vor allem die schiere Unmöglichkeit, eine Wohnung zu finden, zermürbe.

Für den Einrichtungsleiter bedeutet die herrschende Wohnungskrise „strukturelle Gewalt“. Der Dauerfrust, verbunden mit der Erfahrung, dass immer mehr Anlaufstellen ihr Angebot reduzieren oder gar schließen müssen, deprimiert die einen, andere werden immer gereizter.

Wenn viele Menschen verelenden, ist dies der beste Nährboden für Gewalt. Johanna Anken von der Würzburger Bahnhofsmission kennt eine Frau, die mangels eigener Wohnung bei einem Mann lebt, der sie regelmäßig schlägt. „Wird es ganz schlimm, übernachtet sie bei uns.“ Am nächsten Morgen kehrt sie wieder zurück. Allein draußen zu schlafen, wie Ashley, traut sie sich nicht.

Von Ankens Selbstverständnis her ist die Bahnhofsmission ein Ort, an dem erschöpfte Reisende bei einer Tasse Tee die Wartezeit bis zum nächsten Zug verbringen können. Tatsächlich wird die Einrichtung fast nur noch von Menschen aufgesucht, denen es finanziell, sozial und gesundheitlich sehr schlecht geht. Hier tanken sie für einen Moment Kraft und schütten auch mal ihr Herz aus. Anken hörte unlängst von einem Obdachlosen, dass ihn Jugendliche, die „Spaß“ haben wollten, attackierten: „Er hat immer sein ganzes Hab und Gut bei sich, das haben sie einfach ausgeräumt.“ Besitzt man kaum mehr als das, was in die Taschen passt, kann ein Streit um Tabak oder Bier rasch eskalieren.

Prävention statt weiterer Kürzungen

Paul Neupert von der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe bestätigt, dass es viele Gewalttaten unter wohnungslosen Menschen gibt. Doch nur ein geringer Teil der Taten werde angezeigt.

Von Frauen, die von dem Mann, bei dem sie untergekommen sind, wegen kleinster Irritationen geschlagen werden, bis hin zu Wohnungslosen, die auf einer Parkbank angezündet werden: Andreas Bott haben in zehn Jahren als Leiter der Hilfen für Menschen in Wohnungsnot bei der Stadtmission Nürnberg viele schlimme Erlebnisse erreicht. Er erinnert sich an einen betrunkenen Wohnungslosen, der überzeugt war, ein anderer Besucher habe sein Handy gestohlen – und daraufhin völlig ausrastete.

Gerade im Tagestreff kommt es immer wieder zu konfliktträchtigen Situationen. Das liegt daran, dass sich die meisten Besucher im Überlebensmodus befinden. „Es herrscht das Gesetz des Dschungels“, sagt Bott. Gibt es etwas umsonst, etwa Gebäck, versucht jeder zu nehmen, was er bekommen kann. „Natürlich kann das zu Streitigkeiten führen.“ Chronische Wohnungslosigkeit belastet dem Sozialarbeiter zufolge immens: „Jeder Einzelne weiß, dass er seine Chance im Leben vertan hat.“ Mehr Hilfe, vor allem mehr präventive Angebote, wären wichtig. Stattdessen wird aktuell gekürzt. Oder mit Kürzungen gedroht. (Pat Christ)

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